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Kulturzeit heute
21. Mai 2013
  • Pulverfass Mitrovica - Das Kosovo bleibt ein Schmuddelkind
  • 3sat-Preis Theatertreffen
  • Kulturelle Bildung
Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© dpa Lupe
"Moonrise Kingdom" ist eine wilde Komödie über das Ende der Kindheit.
Komödie, Autorenkino, Glamour
Auftakt zum Filmfestival in Cannes
Wim Wenders kam einmal mit dem Bus, sie kommen mit der Harley: Der Experimentalfilmer Roland Reber und sein Team zeigen nach der deutschen Filmpremiere ihr Psychodrama "Die Wahrheit der Lüge" auf dem größten Filmmarkt der Welt: in der "Hölle von Cannes", wie man dort sagt.
"Cannes ist eine Mischung aus Filmmarkt, Psychiatrie und Kindergarten", sagt Reber - ein Kindergarten, in dem jeder spielen will. Und das größte Kind des zeitgenössischen Kinos eröffnet 2012 den wichtigsten Film-Wettbewerb der Welt: der Texaner Wes Anderson und seine wilde, großartige Komödie über das Ende der Kindheit mit "Moonrise Kingdom". Gerade einmal 13 Jahre alt sind die Hauptdarsteller, in den Nebenrollen spielen nur Superstars.

US-Kino tonangebend
© dpa Lupe
Bruce Willis und Bill Murray sind mit "Moonrise Kingdom" in Cannes.
Das US-Kino gibt diesmal den Ton an in Cannes: Fast ein Drittel aller Filme im Wettbewerb sind made in America. Das sei ein Signal, sagt Festivalchef Thierry Fremaux. Er hofft auf eine Neuauflage des wilden New-Hollywood-Kinos der 1970er Jahre. "Moonrise Kingdom" spielt in der US-Provinz in den frühen 1960er Jahren, der Zeit des Umbruchs. Susy und Sam sind sogenannte Problemkinder. Gemeinsam hauen sie von Zuhause ab. Aus ihrer Seelenverwandschaft wird erste Liebe. Für Wes Anderson ist es eine Zeitreise in die eigene Kindheit. "Als Zehnjähriger war ich für meine Lehrerin ein schwieriges Kind", erinnert er sich. "Ich habe täglich in der Klasse gestört. Doch dann schrieb ich ein kleines Theaterstück und sie schlug mir einen Deal vor: Wenn ich zwei Wochen am Stück brav war, wurde ich für ein paar Stunden zusammen mit Klassenkameraden meiner Wahl freigestellt, um das Theaterstück zu proben. Und eigentlich kommt mir meine Arbeit heute wie eine Fortsetzung dieser Schülerproben vor."

Susys Elternhaus ist zum Weglaufen schön. Mit großer Präzision fangen Kamera und Kulisse Stimmungen und Milieu ein: eine Puppenstube voll ausgestellter Bürgerlichkeit, in der Erwachsene kindischer als ihr Nachwuchs sind. Märchenhaft und sehr komisch wird dies erzählt. "Dies ist ein Autorenfilm", sagt Schauspieler Bill Murray. "Das bedeutet: viele Überstunden, keine Gage. Die einzige Gegenleistung: ein Trip nach Cannes." Und noch einer denkt über den Autorenfilm nach: Festivalchef Thierry Fremaux. ""Das Autorenkino ist doch wie Picasso", sagt er. "Ist Picasso schwierig zu verstehen? Nein! Jemand, der einen Picasso zum ersten Mal sieht, ist vielleicht verwirrt. Und im Kino ist es auch so: Es gibt auch hier die Dichter, die Künstler, die Picassos oder Prousts des Kinos - und Cannes feiert sie. Für mich gehört auch Marilyn Monroe dazu, die übrigens mit Billy Wilder, einem der großen Autorenfilmer, gedreht hat."

50. Todestag von Marilyn Monroe
© dpa Lupe
Nanni Moretti ist 2012 Jury-Chef.
Im Jahr ihres 50. Todestags hat sich Cannes die geheimnisvolle Schönheit einverleibt und zum Gesicht des Festivals erkoren. Die Monroe ist hier allgegenwärtig. Sie, die Ikone des Glamours, glänzt im Tempel des Glamours. Das passt. Dabei war Marilyn Monroe selbst nie Gast des Festivals. Egal: Im legendären Luxus-Hotel Carlton hat die Monroe schließlich einmal logiert, ganz privat. Und wer will schon bezweifeln, dass ihre elegante Sexualität nicht perfekt nach Cannes passen würde.

Um ganz andere Spielarten von Sexualität geht es bei Ulrich Seidel, einem Schwergewicht des österreichischen Autorenkinos und Stammgast in Cannes. Sein neuer Film feiert hier Weltpremiere: "Paradies: Liebe". Dieses Paradies liegt in Kenia und ist käuflich: Es geht um Frauen mittleren Alters, Frauen und ihre Suche nach Liebe, ihre Lust, ihre Einsamkeit. Den gängigen Schönheitsidealen des Westens entsprechen sie längst nicht mehr. Ihre letzte Zuflucht ist Kenia. Sie sind Sextouristinnen, die in der Heimat keine Lover finden, in Kenia aber Beachboys, die für Geld alles tun. Ulrich Seidel ist der Agent Provacateur des österreichischen Kinos und er bleibt seinem Ruf treu. "Paradies: Liebe" wirft einen gnadenlosen Blick auf das Fremde, auf unsere eigenen Vorurteile - eine Zumutung für den Zuschauer und dennoch nicht ohne Humor. Großes Autorenkino.

Radikaler Blick auf die Welt
© dpa Lupe
"Ich weiß nicht, was ich dem Zuschauer zumute", so Ulrich Seidel.
"Ich weiß nicht, was ich dem Zuschauer zumute", sagt Ulrich Seidel, "dass ich etwas Wahrhaftiges zeige. Dass das Wahrhaftige eine Zumutung für den Zuschauer ist, ist so eine Sache. Die Dinge liegen so, wie sie sind. Und ich zeige etwas, was man vielleicht nicht so gerne sehen möchte, aber es wirft uns auch zurück auf unsere Gesellschaft, auf unsere Verhältnisse." Dieser radikale Blick auf die Welt fehlt derzeit im deutschen Autorenkino. Es ist wieder kein deutscher Regisseur im Wettbewerb. Das beste deutschsprachige Kino kommt aus Österreich. Eine deutsche Produktion im Wettbewerb ist allerdings das Kriegsdrama "Im Nebel" von Sergei Loznitsa, renommierter, ukrainischer Regisseur mit Wohnsitz in Berlin. Sein neuer Film spielt wieder in Russland. In Cannes feiert er Weltpremiere. Es geht um ein Tabu-Thema: Hunderttausende russischer Soldaten sind im Zweiten Weltkrieg desertiert, im sogenannten Vaterländischen Krieg.

"Nur weil inzwischen 70 Jahre verstrichen sind, heißt das noch längst nicht, dass wir verstehen, was damals passiert ist", sagt Sergei Loznitsa. "Meiner Ansicht nach gibt es noch viele schwarze Löcher aus dieser Epoche." Es besteht Aussicht auf einen spannenden Jahrgang nach einem gelungenen Auftakt: Komödie, Skandalfilm, Glamour - Cannes hat alles im Angebot: So kann es weiter gehen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Filmfestival
Cannes 2012