"Ich weiß nicht, was ich dem Zuschauer zumute", sagt Ulrich Seidel, "dass ich etwas Wahrhaftiges zeige. Dass das Wahrhaftige eine Zumutung für den Zuschauer ist, ist so eine Sache. Die Dinge liegen so, wie sie sind. Und ich zeige etwas, was man vielleicht nicht so gerne sehen möchte, aber es wirft uns auch zurück auf unsere Gesellschaft, auf unsere Verhältnisse." Dieser radikale Blick auf die Welt fehlt derzeit im deutschen Autorenkino. Es ist wieder kein deutscher Regisseur im Wettbewerb. Das beste deutschsprachige Kino kommt aus Österreich. Eine deutsche Produktion im Wettbewerb ist allerdings das Kriegsdrama "Im Nebel" von Sergei Loznitsa, renommierter, ukrainischer Regisseur mit Wohnsitz in Berlin. Sein neuer Film spielt wieder in Russland. In Cannes feiert er Weltpremiere. Es geht um ein Tabu-Thema: Hunderttausende russischer Soldaten sind im Zweiten Weltkrieg desertiert, im sogenannten Vaterländischen Krieg.