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© dpa Lupe
"Ich war nicht dabei", sagte Verena Becker vor dem Stuttgarter Landgericht.
Das Schweigen gebrochen
Die Aussage der Ex-RAF-Terroristin Verena Becker
Die Geschichte der RAF muss doch nicht umgeschrieben werden. Dabei wäre gerade am 14. Mai 2012 eine gute Gelegenheit dazu gewesen, gilt doch der 14. Mai 1970 als der Gründungstag der RAF. Verena Beckers groß angekündigte Aussage vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart war ernüchternd. Sie bestritt jegliche Teilnahme an der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback. An ihre Ankündigung, eine Aussage zu machen, waren große Erwartungen geknüpft. Doch viele Rätsel bleiben.
Schweigen war die letzte Waffe der RAF. Stefan Wisniewski, Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar - keiner von ihnen sagte in diesem Prozess aus. Eine stumme Rache am Staat. Für viele ist er noch immer der Todfeind. Am 89. Verhandlungstag spricht Verena Becker. Im Saal herrscht große Anspannung. Wird sie sagen, wer Siegfried Buback und seine Begleiter ermordet hat? Doch Becker sagt: "Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, denn ich war nicht dabei." Vom Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977, habe sie erst einen Tag später in Rom aus den Medien erfahren, behauptet Becker.

Später wurde die Tatwaffe bei ihr gefunden. Zeugen wollen eine Frau auf dem Motorrad der Täter gesehen haben. Doch immer wieder beteuert Becker in der Erklärung ihre Unschuld: Vieles, was im Prozess gesagt wurde, wolle sie so nicht stehen lassen: "Mit der HK43 habe ich […] nie geschossen […] Ich habe selbst nie ein Motorrad gefahren."

Viele von Aussage enttäuscht
Dass sie ihr Schweigen bricht, die Taten reflektiert, ist ein Schritt, den viele im Gericht begrüßen. "Sie ist nicht einer jener Betonköpfe, die bis heute sagen, dem Staat kommen wir nicht entgegen", sagt Gisela Friedrichsen vom "Spiegel". "Wir schweigen, egal, was passiert. Sie setzt sich mit ihrer Vergangenheit auseinander. Sie ringt auch darum, wie ihr Leben weiter geht und sie hat sich Gedanken gemacht - so denke ich - was es bedeutet hat, in der RAF zu sein."

Andere sind von Beckers Aussage enttäuscht. Sie sei auf halber Strecke stehengeblieben, meint die Bundesanwaltschaft. Becker sagt, sie war nicht dabei. Doch was sie noch weiß, sagt sie nicht. "Sie hat nichts dazu gesagt, was mit dem Verfassungsschutz ist, wie ist sie an die Tatwaffe gekommen?", sagt Michael Buback, Nebenkläger und Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback. "Woher hat sie den Suzuki-Schraubendreher bekommen? All das haben wir nicht erfahren. Wenn sie so völlig unbeeinflusst war, wie ist sie an die Geräte herangekommen? Hat sie auch nie etwas über die Täter erfahren, hat sie keine Ahnung, wer die Täter sind?“

Verena Beckers Erklärung sollte endlich Licht in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte bringen. So die Hoffnung. War diese Erwartung innerhalb eines Strafprozesses zu hoch? Carolin Emcke, Journalistin und Patenkind des von der RAF ermordeten Alfred Herrhausen, glaubt, dass das, "was wir heute erlebt haben", die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach einer moralischen Erklärung, nach Wissen und Wahrheit und dem sei, was ein Prozess leisten und was in einer juristischen Arena stattfinden könne. "Ich glaube, dieser Spalt ist der, der den Angehörigen der Opfer so weh tut."

Den Familien der Opfer hat diese Erklärung nicht geholfen. Juristisch war sie nicht notwendig. Warum also hat Verena Becker ihr Schweigen wirklich gebrochen?

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
Das Gespräch mit Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler (14.05.2012)
RAF
Der Prozess
Michael Bubacks Stammheim-Tagebuch
Kulturzeit extra
Buback
Ein Dokumentarfilm von Katja und Clemens Riha
Buch
Wolfgang Kraushaar
"Verena Becker und der Verfassungsschutz"
Hamburger Edition 2010
ISBN-13: 978-3868542271