Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Archiv & Vorschau
Mai 2013
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
010203
04
05
0607080910
11
12
1314151617
18
19
2021222324
25
26
27
28
29
30
31
01
02
Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
NavigationselementNavigationselement
© AP Lupe
Der international bekannte Jazzgitarrist Ferenc Snétberger hatte die Idee, eine Musikschule für junge Roma zu gründen. Er erzielt damit erste Erfolge.
Das Erbe der Roma
Eine Musikschule für junge Roma in Ungarn
Die Roma in Ungarn leben unterhalb des Existenzminimums und am Rande der Gesellschaft. Mit etwa einer Million Menschen stellen sie die größte Minderheit des Landes. Ohne wirtschaftliche Existenzgrundlage werden sie vom Rest der Bevölkerung geächtet.
In Gyöngyöspata kommt seit Amtsantritt der Regierung Órban auch noch die legalisierte Diskriminierung durch rechtsextreme Lokalpolitiker hinzu. Ein "Beschäftigungsprogramm" zwingt die Roma zu miserabel bezahlten Hilfsarbeiten. Wer nicht mitmacht, verliert jeden Anspruch auf Sozialhilfe. Doch es gibt Hoffnung: Eine Musik-Akademie für junge Roma am Balaton-See sucht landesweit nach Talenten und fördert "Rohdiamanten", wie beispielsweise einen jungen Geiger. "Es wird immer schwieriger für die Roma, weiter zu lernen", sagt der international bekannte Jazzgitarrist Ferenc Snétberger, "vor allem für die Kinder aus armen Familien, die keinen Musikunterricht bezahlen können. Sie haben wenig Chancen. Das betrifft auch die Älteren bei der Arbeitssuche - aus dem einfachen Grund, weil sie Roma sind."

Harter Kampf gegen Vorurteile
© ZDF Lupe
Zwei junge Schüler des "Snétberger Music Talent Center"
Einige Roma-Talente sind durch die Musikschule dem deprimierenden Alltag für ein Jahr entronnen. "Manchmal nennen sie uns 'schmutzige Zigeuner'", sagt ein Mädchen. "Wenn die Menschen von Zigeunern sprechen, meinen sie damit Diebe, Mörder, Sträflinge, Menschen mit Schulden oder einfach nur Leute, die Ärger machen", sagt ein Junge.

Gegründet wurde die Schule 2011 mithilfe europäischer Fördergelder. Musiklehrer aus ganz Europa versuchen, den meist ungeschulten Talenten die musikalischen Grundlagen zu vermitteln. Die Idee dazu hatte Ferenc Snétberger. "Die Kinder kommen zu uns und für uns ist wichtig, was sie schon von Zuhause mitbringen", sagt er. "Das wollen wir hier zur Entfaltung bringen. Wir versuchen sie ganz behutsam an eine Musikerkarriere heranzuführen."

Die Zeiten der Roma-Caféhausmusik sind vorbei
© ZDF Lupe
Ferenc Snétberger ist international als Jazzgitarrist unterwegs.
Ferenc Snétberger entstammt selbst einer großen ungarischen Roma-Musikerfamilie. Er gilt als einer der bekanntesten Roma-Jazzgitarristen weltweit. Der Vater brachte die Familie noch als Kneipenmusiker durch. Doch die glorreichen Zeiten der Roma-Caféhausmusik sind längst Geschichte. "Ich erinnere mich noch, dass wir als Kinder an den Wochenenden, wenn die Leute aus dem Haus gingen, um sich zu amüsieren, auch mit unserem Vater mitgegangen sind", sagt Ferenc Snétberger. "Wenn er Musik gemacht hat, sind wir auf den Zaun geklettert und haben zugehört. Für uns war das ein Konzert. Das war toll für uns."

Viele Ungarn haben das musikalische Erbe der Roma längst vergessen. Franz Liszt etwa kehrte erst am Ende seines Lebens in seine Heimat Budapest zurück, um dort die weltberühmte Musikakademie zu gründen. Er bediente sich ausgiebig aus dem Musikschatz der Roma und ließ sich später als Urheber feiern. "Liszt und Brahms haben sich sehr ausgiebig bei der Zigeuner-Musik bedient", so Ferenc Snétberger. "Die Roma-Musik besteht bis heute vor allem aus Improvisationen. Die Roma haben nichts aufgeschrieben - das ist der Unterschied. Aber da ist so viel drin, ihre Musik ist so virtuos. Ihr Leiden, das sie in den Balladen ausdrücken, hat diesen großen Komponisten so gut gefallen, dass sie es in ihre Musik eingebaut haben."

Musikalisches Erbe der Roma lebt weiter
© ZDF Lupe
Die Musiker um Ferenc Snétberger beim großen Auftritt in Budapest
Caféhäuser mit Roma-Musik gab es früher an jeder Straßenecke Budapests. Heute ist das eine Seltenheit. Live-Musik ist im krisengebeutelten Ungarn zu teuer geworden, der sogenannte Zigeunerjazz ist aus der Mode gekommen. "In den 1970er und 1980er Jahren war es viel besser", sagt ein junger Caféhaus-Musiker. "Und auch bis zur Mitte der 1990er Jahre war der Beruf des Zigeunermusikers noch ganz okay. Dann haben die Restaurants uns vor die Tür gesetzt und die Kapellen aufgelöst." Ausgerechnet im Budapester Kulturpalast - gerade noch das Zentrum für Órbans pompöse Liszt-Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag - betreten jetzt die jungen Roma-Musiker erstmals die große Bühne. Das Konzert unter Ferenc Snétbergers Leitung gerät zum großen Triumph. So lebt das große musikalische Erbe der Roma in Ungarn doch noch weiter - aller Diskriminierung und Vorurteile zum Trotz.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
mehr zum Thema