Ukraine
Hinfahren oder wegbleiben?
Europaweite Reaktionen auf EM-Boykottvorschlag
Der Streit um einen möglichen politischen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine läuft weiter. Anlass dafür ist der Umgang der ukrainischen Behörden mit der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko. Dieser hat international massive Kritik hervorgerufen. Timoschenko, die wegen Amtsmissbrauchs zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, leidet an Bandscheibenproblemen und fordert eine Behandlung durch ausländische Ärzte. Vor Kurzem trat sie zudem in einen Hungerstreik, um gegen ihre zwangsweise Verlegung aus dem Gefängnis in ein ukrainisches Krankenhaus zu protestieren.
Klar positionierten sich Politiker zweier Länder gegen eine Teilnahme: Die Mitglieder der Regierung der Niederlande und Österreichs werden der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine fernbleiben. Die Minister der österreichischen Koalitionsregierung beschlossen dies am 2. Mai 2012. Vizekanzler Michael Spindelegger von der konservativen Volkspartei erklärte: "Das ist unser Zeichen der Solidarität mit Julia Timoschenko". Österreich ist allerdings gar nicht bei der EM vertreten, das Team hatte in der Qualifikationsgruppe A nur den vierten Platz geschafft.
In der ausländischen Presse wurden die Rufe Deutschlands nach einem Boykott vielfach kommentiert. Die "Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz schreibt beispielsweise am 2. Mai 2012: "Nach Jahren des Wegsehens und der routinierten Abwiegelung hat Deutschland die Ukraine als politischen Skandal entdeckt. Die nahende Fußball-Europameisterschaft und der skandalöse Umgang des Regimes von Präsident Janukowitsch mit der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko haben die politische Klasse plötzlich ihr so lange Zeit friedlich schlummerndes Menschenrechtsgewissen finden lassen, und vereint setzen Regierung und Opposition die Machthaber in Kiew unter Druck. Dass es die 'orangen' Politiker um Timoschenko und den damaligen Präsidenten Juschtschenko mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auch nicht sonderlich genau nahmen, und dass Timoschenko von ihrer Gefängniszelle aus den Skandal orchestriert - es scheint niemanden in Deutschland zu kümmern."
Die liberale dänische Tageszeitung "Politiken" aus Kopenhagen meint am 2. Mai 2012 zur Debatte um einen Politiker-Boykott der Fußball-EM bei den Spielen in der Ukraine: "Kanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso wollen das EM-Fußballturnier in der Ukraine boykottieren, solange Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko dort eingesperrt ist und brutal misshandelt wird. Es gereicht den europäischen Toppolitikern zur Ehre, dass sie diesen Skandal auf die Tagesordnung setzen. Aber Boykott ist kein Weg nach vorn. Bewegen können westeuropäische Politiker nur etwas, indem sie durch Anwesenheit die Aufmerksamkeit für den Fußball nutzen, um auch Aufmerksamkeit für die Lage der Menschenrechte zu erzeugen. Niemand hört Politikern zu, die wegbleiben. Die Opposition braucht Leute, die kommen und ihre Stimme erheben."
Die russische Tageszeitung "Kommersant" aus Moskau schreibt am 2. Mai 2012: "Mit dem Fall Timoschenko erleben die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Ukraine die schwerste Krise seit Amtsantritt von Präsident Viktor Janukowitsch vor gut zwei Jahren. Für den Staatschef dürften die stürmischen Reaktionen aus dem Westen eine böse Überraschung sein. Zwar versucht das Außenministerium in Kiew abzuwiegeln. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Janukowitsch noch vor der Fußball-Europameisterschaft zum Handeln gezwungen ist. Denn gerade in der Ukraine spielen die Nationalmannschaften mit den meisten Fans. Wenn deutsche, englische oder französische EM-Touristen aber die Partien boykottieren, entgehen dem Land Millionen Euro."
Zum Thema einer möglichen Verlegung der Fußball-EM äußerte sich der Veranstalter, der europäische Fußballverband Uefa, inzwischen mit einer klaren Absage - ungeachtet der Menschenrechtslage in der Ukraine. "Das bekäme man in so kurzer Zeit nicht hin", sagte der Uefa-Turnierdirektor Martin Kallen der "Süddeutschen Zeitung".
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