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© dpa Lupe
Auf dieser Brachfläche in Berlin-Kreuzberg sollte das Guggenheim Lab stehen.
Kiez gegen Guggenheim
Das Guggenheim Lab und die linke Berliner Szene
Der Kampf gegen die Gentrifizierung in Berlin treibt weitere Blüten: Nach Protestankündigungen hat die Guggenheim-Stiftung ihr Projekt BMW Guggenheim Lab auf einer Brachfläche in Berlin-Kreuzberg abgesagt. Das Labor sollte vom 24. Mai bis 29. Juli 2012 auf einer Brache im östlichen Teil Kreuzbergs stehen.
In Berlin-Kreuzberg, dem Stadtteil der Aufständischen, wollte das Guggenheim Lab unter dem Motto: "Confronting Comfort" über Stadtentwicklung diskutieren. Der Titel geht dem Projekt nun voraus: Konfrontation ist der Lieblingssport der Kreuzberger. Bewohner und Kiez-Initiativen wehrten sich erfolgreich.gegen das Lab an der Spree. Die Brache gehört den Bürgern - und das soll erstmal so bleiben. "Wenn das Lab da ist, kann ich hier abends nicht mehr am Ufer sitzen und ein Bierchen trinken", sagt eine Anwohnerin. "Der Hund kann nicht mehr herumlaufen. Man soll so eine Brache erhalten, denn das, was Berlin-Kreuzberg ausmacht, sind nicht geregelte Zonen, wo das Ordnungsamt herumläuft. Es sind nicht nur Linksautonome dagegen, sondern auch ganz normale Leute, die hier abends am Ufer sitzen wollen."

Autonome Szene gegen das Projekt
Was wäre aber an einer vorübergehenden mobilen Kunsthalle so schlimm gewesen, die noch dazu eine Debatte über die Zukunft der Stadt anstoßen wollte? "Es gab im März eine Infoveranstaltung, wo die Guggenheim-Leute das ganze Projekt vorgestellt haben", so der Künstler und Kabarettist Rolf Kuhl. "Sie haben gesagt: 'Ihr könnt gerne Kritik üben, kontroverse Meinung - alles kann integriert werden.' Aber es gab keine Möglichkeit für die Teilnehmer der Veranstaltung zu sagen: 'Nee, wir wollen das ganze Projekt nicht.' Das war eine Form der Bürgerbeteiligung, wo man eigentlich nur mit Ja oder Enthaltung stimmen konnte."

Zur kollektiven Empörung über die Eigensinnigkeit der Veranstalter kommt die Wut auf den Hauptsponsor BMW: "Wir halten BMW für einen miesen Konzern, der gigantisch hohe Profite macht", sagt "Martin Schwarz", der nicht erkannt werden will, von der Initiative "BMW Lab verhindern". "Kein Autokonzern in der BRD beschäftigt so viele Leiharbeiter wie BMW: Mies bezahlt, die Gewinne explodieren, und das Grundkapital von BMW und der Familie Quandt stammt aus Arisierungen, aus Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus. Wir werden versuchen, den Spieß umzudrehen und aus diesem Lab eine Image-Beschädigungskampagne für BMW zu machen."

Steigende Mieten, knapp werdender Wohnraum
BMW und Guggenheim wollten ein möglicherweise zu großspuriges Projekt in ein eigenwilliges Soziotop pflanzen, in einen Kreuzberger Kiez, der ganz andere Probleme hat: steigende Mieten, knapp werdender Wohnraum, Gentrifizierung. SO36 ist heute einer der einkommensschwächsten Teile Berlins, die Mieten sind hoch wie nie zuvor. Eine Anwohnerin, die seit Anfang der 1980er Jahre in Kreuzberg lebt, beklagt: "Es geht nur ums Geld. Wir haben im Haus keine türkischen Mitbewohner mehr. Die sind alle raus. Und Drei-Zimmer-Wohnungen kann sich nur noch eine WG leisten, die kostet 900 Euro. Das sind 80 Quadratmeter. Da kann man sich ausrechnen, wer da am Ende noch bleibt."

Die Diskussion gehe gerade wieder dahin, etwas mehr preiswerten Wohnraum zu schaffen, sagt Stadtsoziologe Sigmar Gude. "Dazu sagt der Finanzsenator: 'Ich habe das Geld nicht, ich will kein Grundstücke billig verkaufen, damit sie billig öffentlich genutzt werden können.' Wenn es ein öffentliches Grundstück war, dann ist es eben verkauft worden, um die vielen Schulden von Berlin zu zahlen."

Bürgerinitiativen, Internetproteste, Aktionen
Und Kreuzberg wäre nicht Kreuzberg, wenn man diese Entwicklungen einfach hinnehmen würde: Früher waren es die 68er, Hausbesetzer und 1. Mai-Krawalle, heute sind es Bürgerinitiativen, Internetproteste, Aktionen gegen Mietwucher. Und es werden immer noch Häuser besetzt - wie jetzt eines in der Bevernstraße. Hier werden Mieter zugunsten teurer Eigentumswohnungen verdrängt. "Ich denke schon, dass die Kreuzberger schon immer so drauf waren, dass sie sich mit vielen Sachen kritisch auseinandersetzen", sagt Rolf Kuhl. "Wir engagieren uns, da werden vielleicht auch bestimmte Grenzen überschritten. Wir machen Konzerte, Kundgebungen, vielleicht mal eine Besetzung, aber rufen nie zu Straftaten oder Gewalt auf."

"Es gibt in Kreuzberg, besonders in SO36, eine kritische Masse", so Gude, "und offensichtlich eine Kommunikationsstruktur, die es ermöglicht, auf solche Dinge zu reagieren. An anderer Stelle wird in manchen Kreisen vielleicht nur gegrummelt, aber sie schaffen es nicht, diesen Prozess so öffentlich zu machen." Und was wird nun aus dem Lab? Die Berliner Politik will das Projekt auf jeden Fall und sucht nach einem neuen Standort. Die organisierten Lab-Gegner erklären jedoch, weiter gegen die Pläne vorzugehen - auch über das widerständige Kreuzberg hinaus.

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