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© dpa Lupe
"70 staatliche und städtische Bühnen statt 140 - wäre das die Apokalypse?"
"Pure Provokation"
Kritik an Thesen im Buch "Der Kulturinfarkt"
Mit radikalen Kürzungsszenarien haben vier Autoren den Kulturbetrieb gegen sich aufgebracht. Sie fordern einen radikalen Umbau des Subventionssystems. Kulturinstitutionen reagieren irritiert. Dabei ist das Buch "Der Kulturinfarkt" noch gar nicht erschienen.
"3200 statt 6300 Museen in Deutschland, 70 staatliche und städtische Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken statt 8200 - wäre das die Apokalypse?", fragt das Autorenquartett. Schließlich würden auch Kirchen aus Mangel an Gläubigen geschlossen, Schulen machten dicht und Krankenhäuser fusionierten. "Die Welt mag untergehen, Deutschland geht ins Theater", schreiben sie.

Der Deutsche Kulturrat fragt sich, von welcher Realität hier die Rede sei. "Fakt ist: selbst die von den Autoren geforderte Reduzierung des Kulturetats um 50 Prozent bringt keine nennenswerte Entlastung der öffentlichen Haushalte", heißt es in einer Mitteilung. "Ein konstruktiver Beitrag zur sachlichen Diskussion sieht anders aus, jedoch würde man damit weniger öffentliche Aufmerksamkeit erreichen", sagt Friedrich Loock vom Institut für Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.

"Kulturpolitik am Küchentisch"
Die Kulturpolitik befinde sich in einer Lähmung, weil sie bei schrumpfenden Haushalten eine wachsende Zahl von Einrichtungen erhalten müsse, schreiben die Autoren in einem Beitrag für den "Spiegel". Zugleich sinke die Nachfrage für die Angebote, weil sich die Zahl der Nutzer nicht vermehrt habe. "Wenn die Lösungen so einfach wären, könnte Kulturpolitik am Küchentisch gemacht werden", kontert der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann. "Verzicht von anderen zu fordern, ist leicht. Besser wäre es, die Autoren gehen in ihren eigenen Kulturinstitutionen mit gutem Beispiel voran." Das Kultursystem sei - bedauerlicherweise -, so Loock, "ein höchst komplexes System, das sich nicht so leicht entwirren lässt. Wenn es sich so leicht lösen ließe, dann hätten wir dieses Strukturproblem heute nicht."

Die Intendantin der Dresdner Semperoper, Ulrike Hessler, erinnert in der Debatte den hohen Stellenwert von Kunst und Kultur. "Wir sind das Krankenhaus der Seele, wir vermitteln wichtige Werte", sagt sie. Kunst und Kultur könnten nicht nur nach finanziellen Gesichtspunkten betrachtet werden, sonst müsste auch die Subventionierung anderer öffentlicher Bereiche infrage gestellt werden. Der Deutsche Bühnenverein wirft den Autoren gar "Unwissen und einen Mangel an kulturpolitischer Verantwortung" vor. Der Verband warnt vor Massenentlassungen an Theatern, würde ein solcher Kahlschlag durchgezogen. Außerdem sei es irrig anzunehmen, dass das ersparte Geld in andere Theater gesteckt würde.

Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) wirft den Autoren "pure Provokation" vor. "Etwas mehr Lust an der konstruktiven Auseinandersetzung als Lust an der puren Provokation wäre hilfreich gewesen", hätte sie sich gewünscht. Der Vorschlag der Autoren lasse völlig außen vor, "dass bei einem so massiven Eingriff der Flurschaden größer wäre als der vermeintlich zu erzielende Gewinn".

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Das Kulturzeit-Gespräch mit dem Soziologen Dieter Haselbach (14.03.2012)
Buch
© Albrecht KnausLupeDieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz
"Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention"
Albrecht Knaus 2012
ISBN-13: 978-3813504859