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Kulturzeit heute
20. Mai 2013
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Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© dapd Lupe
Für die Salafisten ist die Koran-Aktion längst zum PR-Coup geworden. Sie haben Schätzungen zufolge bereits mehr als 300.000 Korane in Deutschland verteilt.
Ruf zum Islam
Die islamistische Gruppierung "Dawa FFM"
Seit Wochen stehen Salafisten mit ihren Infoständen in Einkaufstraßen in Deutschland, Österreich und der Schweiz - ihr Ziel ist es, rund 25 Millionen Koran-Exemplare unters Volk zu bringen. Die heiligen Bücher gibt es an Ständen druckfrisch und kostenlos - finanziert von privaten Spendern. Im Rhein-Main-Gebiet ist besonders die Gruppe DAWA FFM aktiv. Doch über die Hintergründe der Aktion will keiner von DAWA FFM reden. In Journalisten sehen deren Mitglieder die Feinde ihrer Mission.
"Das Wort 'Dawa' bedeutet 'Ruf zum Islam'", erklärt der Journalist Wolf Schmidt. "Tatsächlich geht es um Missionierung. Insofern kannn man sagen, dass es ein Missionierungsnetzwek ist. Darüber hinaus ist es aber mehr als das, nämlich der Versuch einer radikalen Minderheit, den Islam in Deutschland zu kapern, indem man in die Fußgängerzone geht, indem man Islam-Seminare für Jugendliche macht, indem man im Internet massiv präsent ist."

Salafistische Propaganda
Organisator der bundesweiten Koranverteilaktion ist der Kölner Ibrahim Abou Nagie, ein radikaler Prediger, der mit seinem Verein "Die Wahre Religion" salafistische Propaganda in Deutschland steuert. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen ihn wegen Störung des religiösen Friedens. In einem Youtube-Video predigt er sein Islamverständnis:"Wenn einer kommt und sagt, nein, ich will der Bibel folgen, kommt er ins Paradies? Niemals, der kommt für ewig in die Hölle", heißt es da. "Wenn ein Jude sagt, ich will dem Koran nicht folgen, ich folge nur der Tora, kommt der ins Paradies? Niemals, der kommt nur in die Hölle für Ewigkeit. Warum? Weil Allah den Juden und Christen im Koran befohlen hat, dem Koran zu folgen und an den Propheten Mohammed zu glauben."

Der Journalist Wolf Schmidt hat jahrelang in der gut vernetzten Szene recherchiert. In seinem Buch "Jung, deutsch, Taliban" geht er der Frage nach, mit welchen Methoden Salafisten Jugendliche rekrutieren und radikalisieren. "Es gibt im Salafismus Gruppen, die haben mit Gewalt und Terror nichts zu tun, die sind ultrafromm", sagt Schmidt. "Die mögen reaktionär sein, aber man braucht keine Angst haben, dass jeder, der mal im Salafismus war, mit einem halben Fuß im Terrorismus ist. Aber tatsächlich gibt es so ein Brückenspektrum zur Militanz."

Brücke zum Dschihad
Im Internet geben Gruppen wie DAWA FFM den Ton an - eine Art Brücke zum Dschihad. Der Koran als Gesetz, die Scharia als Ziel, die Welt eingeteilt in "halal" oder "haram", "erlaubt" oder "verboten". Mit einer fundamentalistischen Koraninterpretation wollen sie sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen. Dabei stilisieren sie sich als Opfer von Diskriminierung. "Jeder Muslim muss wissen, dass wir hier in Europa gehasst werden, weil wir Muslime sind", so Abdellatif Rouali von DAWA FFM.

Abdellatif Rouali ist der prominenteste Prediger von DAWA FFM. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen der Anwerbung von Dschihadisten. Der selbst ernannte Sheik streitet die Vorwürfe zwar ab, bei einem Islamseminar in Mayen jedoch suchte er 2012 den Schulterschluss zu Ex-Gangster-Rapper Deso Dogg, der in Kampfliedern offen den Märtyrer-Tod anstimmt. Protest und Provokation - DAWA FFM ist eine Gruppe, die nach eigenen Regeln lebt. Besonders jugendliche Underdogs fühlen sich vom verschworenen Kreis der Salafisten angezogen. "Sehr viele dieser Jugendlichen haben schwierige Biografien und sind auf der Suche", sagt der Islamwissenschaftler Jochen Müller. Sie finden in diesen Gruppen das Gefühl von Gemeinschaft, sie finden Führer, Autoritäten, die mit ihnen in ihrer Sprache sprechen könnnen. Darin sind die Salafisten gut. Sie versuchen explizit auf spezifische Jugendgruppen einzugehen und deren Sprache zu sprechen. Etwa wenn sie Rapper wie Deso Dogg für ihre Zwecke engagieren und instrumentalisieren."

Islam als Wertesystem vermitteln
Jochen Müller arbeitet für den Berliner Verein "ufuq" mit muslimischen Jugendlichen in Bildungseinrichtungen. Dort vermittelt er den Islam als Wertesystem und nicht als salafistische Verbotsreligion. "Unsere Erfahrung ist, dass die Vorstellung eines Islams, der in gut und böse, schlecht und falsch unterscheidet, Jugendliche anfällig macht", so Müller. "Wenn sie aber über Religiösität, Spiritutalität und religiöse Werte nachdenken - Wie kann ich meine Religion denken? Wie kann ich sie im Alltag mit meinen Freunden und in der Familie leben? - , sensibilisiert sie das für einfache Antworten und kann sie gegen die Angebote des Salafismus immunisieren."

Bei Arid Uka gab es so eine Immunsierung nicht. Im März 2011 erschoss der gebürtige Kosovo-Albaner am Frankfurter Flughafen zwei US-amerikanische Soldaten. "Turboradikalisierung" nennen Experten seinen Weg zum Dschihad. Ein fiktives Vergewaltigungsvideo einer Muslima durch US-amerikanische Soldaten stachelte ihn zu seiner Tat an. Abu Reyyan nannte er sich auf Facebook. Salafistische Websites wie die von DAWA FFM lieferten ideologische Munition für ihn. Seit Ende 2008 beobachtet der hessische Verfassungsschutz "DAWA FFM" und prüft derzeit ein Verbotsverfahren. Doch hilft das, die zunehmende Radikalisierung Einzelner zu verhindern?

Forderung nach unabhängigen Anlaufstellen
"Ich glaube, dass Verbote einzelner Vereine nicht viel bringen werden", sagt Wolf Schmidt. "Was man bräuchte und was in Deutschland noch nicht großartig passiert, ist da präventiv ranzugehen, im Vorfeld anzusetzen, damit die jungen Leute sich gar nicht erst radikalisieren. Es bräuchte Beratungsstellen von unabhängigen Experten, die Eltern, Angehörigen oder auch Lehrern eine Anlaufstellen bieten, um sich zu informieren: Was passiert da eigentlich, muss man sich da Sorgen machen, welche Gruppen sind da wirklich, in die diese jungen Leute rein geraten?"

Die Stadt Frankfurt hat den Stand von DAWA FFM auf der Einkaufsstraße Zeil mittlerweile verboten. Doch für die Salafisten ist die Aktion längst zum PR-Coup geworden. Sie haben Schätzungen zufolge bereits mehr als 300.000 Korane in ganz Deutschland verteilt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Ch.Links VerlagLupeWolf Schmidt
"Jung, deutsch, Taliban"
Ch. Links Verlag 2012
ISBN-13: 978-3861536635
Mediathek
© ZDFVideoInterview mit Jochen Müller ( "ufuq")