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© Christian Thiel
Terry Pratchett kämpfte gegen Alzheimer und für ein selbstbestimmtes Sterben.
Der Herr der "Scheibenwelt"
Fantasy-Autor Terry Pratchett ist tot
Er war einer der erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit, der Herr der "Scheibenwelt"-Serie. Mehr als 60 Millionen Bücher hat der britische Fantasy-Autor Terry Pratchett zeitlebens weltweit verkauft. Am Ende konnte er nur noch unter großer Mühe schreiben - er litt an Alzheimer. Pratchett kämpfte gegen die Krankheit, um seine Würde und für ein selbstbestimmtes Ende. Er wurde 66 Jahre alt.
Er hat uns träumen lassen von einer Welt, die von einer Schildkröte getragen und von Magiern und Drachen bevölkert wird. In 50 Romanen schuf Terry Pratchett ein eigenes Fantasy-Universum, "The Colour of Magic" ("Die Farben der Magie") war sdein erster Roman. Doch Englands wohl erfolgreichster Autor litt an Alzheimer. Dass etwas nicht stimmt, merkte er erstmals 2006. "Es passierte so allmählich, dass ich es erst auf andere Sachen schob", sagt Pratchett. "Auf einmal konnte ich keine Krawatte mehr binden. Ich dachte, das sind wohl diese neuen Krawatten. Dann machte ich eine Lesereise nach Italien, traf den Botschafter und seine Frau sagte: 'Sie tragen ihr Oberteil falsch herum'. Ich sagte: 'Madam, ich bin so früh aufgestanden, um das Flugzeug zu kriegen und musste mich im Dunkeln anziehen'. Das stimmte wahrscheinlich. Wir haben darüber gelacht. Aber dann gab es diese kleinen Unfälle immer öfter."

"Der 'Rolls Royce unter den Alzheimern'"
Wir traffen Terry Pratchett 2012 in einem Londoner Bürohaus. Die winzigen Gänge verwirrten ihn und beim Tee muss Pratchett erst überlegen, wie man eine Tasse hält. "Ich habe etwas, das man PCA nennt, Posterior … jetzt habe ich es vergessen", sagte er. "Es ist eine Form von Alzheimer. Man nennt sie den 'Rolls Royce unter den Alzheimern'."

Die Krankheit griff zuerst den Seh-Sinn an. Pratchett, der Bestseller-Autor, konnte nicht mehr schreiben, sich nicht mehr ohne fremde Hilfe anziehen. Nur die Katastrophe, die ihn wie in Zeitlupe traf, erkannte er - glasklar. "In dem Moment, als ich erfuhr, dass ich Alzheimer habe, fiel alle Angst von mir ab", berichtete er. "Mein Assistent fragte: 'Wem werden wir das erzählen?' Und ich sagte: 'Jedem! Stellt es ins Netz!' Und das tat ich auch, sobald ich es meiner Frau gesagt hatte. Das war das Beste, was ich je gemacht habe."

Kampf für ein würdiges Sterben
Seine Krankheit hatte Pratchett zum Aktivisten gemacht. Er traf unheilbar Kranke, kämpfte für ein würdiges Sterben, für einen selbstbestimmten Tod. Das britische Recht verbietet Sterbehilfe. Doch Pratchett meinte, es sei nicht unsere Pflicht, uns zu Tode zu quälen. "Ich wünsche mir, wenn mein Alzheimer unerträglich wird, dass man mir eines Tages erlaubt, in den Garten zu gehen, mich auf eine Liege zu legen, Thomas Tallis auf dem iPod, ein Glas Brandy in der Hand - und ein wohltätiger Arzt schickt mich sanft in den Schlaf", sagte Pratchett.

In Pratchetts Werk ist der Tod immer schon gegenwärtig. Rincewind, seinem Zauberer, begegnete er wie einem Bekannten. Weil Terry Pratchett nicht den Tod fürchtete, sondern das, was davor kam, hatte er für die BBC einen Film gedreht. Darin begleitete er todkranke Briten in die Schweiz. Nur dort dürfen sie legal sterben. "Choosing To Die" ist ein tief bewegender und hoch umstrittener Film. Die letzten Szenen zeigen die letzten Momente im Leben von Peter Smedley. Im Beisein seiner Frau und Terry Pratchetts trinkt er tödliches Gift. "An diesem Tag dabei zu sein, in diesem Raum, war absolut surreal", berichtete Pratchett. "Nicht schlimm, aber surreal. Ich dachte: Ich sehe einem Menschen beim Sterben zu, das ist schlimm. Aber dieser Mensch litt an einer furchtbaren Krankheit - er wollte sterben. Also ist es gut. Und seine Frau konnte ihm einen Tee machen. Das ist so Englisch. Also ist es eine gute Sache."

Umstrittener Film
Tausende beschwerten sich bei der BBC über den Film. Andere machten sich Hoffnung, dass Pratchett etwas für unheilbar Kranke ändern könne. Er jedenfalls wollte kämpfen, solange es ging. "Ich hoffe nicht, dass meine Seele noch eine Runde drehen muss, einmal war genug", sagte Pratchett. "Windeln, das Laufen lernen, das alles nochmal. Die Pubertät war auch ganz schön knifflig. Allerdings würde es mir nichts ausmachen, zurückzukommen, wenn mich jemand wie eine Schachfigur aufs Brett setzt und sagt: 'Jetzt mach es noch einmal besser." Nun erklärte sein Verlag: "Die Welt hat einen seiner klügsten, scharfsinnigsten Geister verloren." Terry Pratchett starb "zu Hause, während seine Katze auf seinem Bett schlief, umgeben von seiner Familie".

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
nano spezial
© dpaKampf gegen das Vergessen
Ursachen und Therapie von Alzheimer
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