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Themen am 23.06.2017Navigationselement
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© dapd Lupe
Nicht alles was die documenta 13 zeigt, wird notwendigerweise Kunst sein.
Raum statt Konzept
Die Documenta der Carolyn Christov-Bakargiev
Wofür wird die documenta 13 stehen? Was wird sie offenbaren? Vielleicht wächst in Kassel gerade etwas ganz Großes. Streng geheim, natürlich. Den Weg bestimmt documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev. Ihr Anspruch lautet: die Welt verbinden.
Reisen ist ihre Leidenschaft. Überall trifft Carolyn Christov-Bakargiev Künstler oder stellt die Reihe "100 Gedanken,100 Notizen" vor, Ideen zum Entstehungsprozess der documenta - ohne inhaltliche Vorgaben. "Eines der Hauptkonzepte der documenta ist, dass ich kein Konzept habe", sagt Christov-Bakargiev. "Der Grund ist: Es ist so einfach, ein Konzept zu verkünden, das vorsagt: So sieht zeitgenössische Kunst heute aus und das sind die Werke, die ich zeige. Es ist härter für mich, aber einfacher für Künstler und Teilnehmer, einen Raum für sie zu schaffen."

Ästhetik als Form von Intelligenz
© dpa Lupe
"Eines der Hauptkonzepte ist, dass ich kein Konzept habe", sagt Christov-Bakargiev.
Wo dieser Raum entsteht, dazu herrscht offizielles Schweigen. Als Schauplätze gesetzt sind nur das Fridericianum, das Kino Gloria und die Karlsaue in Kassel. Die Vorboten der documenta 13, Giuseppe Penones Bronzebaum und zwei gepflanzte Apfelbäumchen, stehen für die Kunstrichtung, von der Christov-Bakargiev stark geprägt ist: die Arte Povera, Kunst aus einfachem Material. "Mein Kulturverständnis greift weiter als das, was Menschen normalerweise als Kultur bezeichnen", sagt sie. "Zum Beispiel sage ich, dass Tomaten Kunst sind, weil sie in ihrer Haut unglaubliche und wundervolle unterschiedliche Rottöne bilden. Sie tun das, weil sie Wege finden müssen, auf die Sonne und die Umwelt zu reagieren. Sie tun das nicht, weil sie Rot lieben, sondern als eine Form von Intelligenz. Ästhetik ist für mich eine Form von Intelligenz, von Problemlösung. Farben auch. So gesehen, kann man sagen, Apfelbäume sind Kunst."

Wird Kulturtheorie die documenta 13 dominieren? Eines der Mottos verspricht viel: Zusammenbruch und Wiederaufbau. Gerüchten zufolge sieht Christov-Bakargiev Bauten mit 1950er-Jahre-Architektur als Schauplätze vor. Orte, die wie der Weinbergstollen für die zahlreichen Spuren des Zweiten Weltkriegs in Kassel stehen. Ein Leitmotiv, das für Christov-Bakargiev über die Reflexion der Vergangenheit hinausgeht. "Kassel ist eine Stadt, die zerstört und wieder aufgebaut wurde", so die documenta-Chefin. "Und inmitten der Trümmer gab es die erste documenta. Dieser Aspekt brachte mich dazu, einer Frage nachzugehen. Wenn ich die Gegenwart anschaue, habe ich Probleme damit, die Gleichzeitigkeit von Zusammenbruch und Wiederaufbau zu verstehen. Für Afghanistan, beispielweise, gilt beides: ein nach dem Krieg und ein im Krieg. Das ist merkwürdig. Der Krieg endete 2004, alle kamen zurück und der Krieg schien vorbei zu sein. Gleichzeitig sagt jeder, es herrscht dort noch Krieg. Der Unterschied zwischen heute und 1945/46 ist, dass Krisen und Nichtkrisen gleichzeitig bestehen können."

Grauzonen der Kunst
Nicht alles was die documenta 13 zeigt, wird notwendigerweise Kunst sein, sagt Carolyn Christov-Bakargiev. So wie die Schaffenden nicht nur Künstler sind, sondern aus vielen Lebensbereichen stammen. Denken, lernen, austauschen - das wünscht sie sich - mit offenem Ende. "Ich schaue auf die Grauzonen, auf etwas das vielleicht Kunst ist, vielleicht Kunstvermittlung", sagt sie. "Ich bin interessiert an intersubjektiven Orten zwischen zwei Subjekten. Dieses Gebiet ist reich." Ein Gebiet, für das auch ganz normale Kasseler Bürger gefragt sind. 100 Ausgewählte sollen Besucher zu Kunstwerken führen: Vermittlung als Experiment. "Es gibt ein enormes Programm, das aber nicht auf spezifischen kunsthistorischen Kenntnissen basiert", so Christov-Bakargiev. "Es geht darum, Wissen zwischen unterschiedlichen Bereichen zu teilen. Es ist in eine Vielleicht-Zone, vielleicht Kunst, vielleicht Wissenschaft." Am 9. Juni startet die documenta 13. Vielleicht wird sie ganz groß.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
VideoKulturzeit-Gespräch mit Carolyn Christov-Bakargiev, Kuratorin der documenta 13 (14.10.2011)
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