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© ap Lupe
Ein Schuss, der die Republik veränderte: 1967 wurde Benno Ohnesorg am Rande einer Demonstration gegen den persischen Schah erschossen.
Gezielte Tötung?
Der Fall Benno Ohnesorg
Der 2. Juni 1967, der Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg starb, hat die Bundesrepublik verändert, eine ganze Generation politisiert und Teile von ihr in den Terrorismus geführt. Journalist Peter Wensierski und Buchautor Uwe Soukup erforschen seit Jahren die Hintergründe der Schüsse auf Ohnesorg. Recherchen haben ergeben: Er ist vorsätzlich ermordet worden.
Die Krumme Straße 66 in Berlin ist kein normaler Hinterhof, sondern ein Tatort. Hier wurde vor 45 Jahren der Student Benno Ohnesorg erschossen. "Ein Augenzeuge sagte zu mir im Gespräch, nach dem Schuss sei es so gewesen, [der Polizist Karl-Heinz, Anm. d. Redaktion] Kurras und seine Leute haben Ohnesorg da liegen lassen wie ein angeschossenes Wild", erklärt der "Spiegel"-Journalist Peter Wensierski. Alles, was nach dem Schuss passiert sei, sei "auf so makabere Art und Weise vertuscht worden, dass ich als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wurde, als ich angefangen habe, diese Sachen aufzudecken", so der Autor Uwe Soukop. An die 300 Fotos vom Tatort haben die beiden gesammelt und jetzt erstmals digital analysiert - Zentimeter für Zentimeter. "Das hier ist Benno Ohnesorg mit einem knallroten Hemd, beigefarbener Hose", erläutert Wensierski, "und charakteristisch für ihn hier unten sind seine Sandalen ohne Strümpfe, Jesuslatschen."

Bislang nie entdeckte Spur
Auch Prügelorgien auf dem Hinterhof unmittelbar vor dem tödlichen Schuss und eine bisher nie entdeckte Spur von Ohnesorg sind zu sehen. "Wenn man hier bei diesem Bild näher heranfährt an die Stelle, sieht man hinten die Füße einiger Polizeibeamter und man erkennt auch wieder die Sandalen mit nackten Füßen von Benno Ohnesorg", sagt Peter Wensierski. "Er steht hier noch, hier in diesem Moment lebt er noch. Er steht noch, ist umringt von lauter Polizeibeamten." Einer der Beamten vor Ort ist Karl-Heinz Kurras. Ein Privatfoto, geschossen von Wolfgang Schöne, zeigt einen damaligen Fotoreporter bei Axel Springer, der Kurras nahestand und ihn kurz nach dem Todesschuss besuchte. "Er hat gesagt, er ist im Innenhof gewesen, die Studenten sind hinterher gekommen. Der Hof war voll von Menschen, er ist von mehreren Leuten umringt worden und hat so etwas wie ein Messer blitzen sehen", so der ehemalige Polizei-Reporter Wolfgang Schöne.

So erzählt es Kurras später auch vor Gericht - und wird freigesprochen. Zeugen bleiben ungehört, Beweise werden unterschlagen. Die Ermittler hätten die Aufnahmen eines Fernsehkameramanns schon damals sichten können - und hätten dann dieselben unglaublichen Entdeckungen gemacht wie jetzt Soukup und Wensierski. "Vor dem hellen Käfer zeichnet sich diese Gestalt ab mit einer Pistole in der Hand", sagt Peter Wensierski. "Es ist zweifelsfrei Karl-Heinz Kurras und es ist zweifelsfrei seine Waffe. Er hat sie am ausgestreckten Arm gezogen, geht vom Rasen kommend mehrere Meter völlig frei und unbedrängt, nicht in Notwehr, auf die Gruppe zu." Benno Ohnesorg, so hat Soukup weiter recherchiert, wurde bereits von Polizisten verprügelt, als Kurras mit seiner Pistole dazu kam. "Es muss ungefähr hier gewesen sein", so Uwe Soukup. "Er war etwa so in der Hocke. Nach Zeugenaussagen ist es so gewesen, dass er sich die Hände über den Kopf hält und 'Aufhören!' gerufen hat. Andere Zeugen sagen auch, dass er gerufen hat: 'Bitte nicht schießen.'"

Kurras einfach übersehen?
War es eine gezielte Tötung? Auch Foto-Reporter Schöne war dabei in jener Nacht und erinnert sich: "Dann bin ich wieder rein gelaufen und sehe da jemanden auf dem Boden liegen, habe mich umgedreht und ein Foto gemacht." Sein Foto zeigt nur die halbe Wahrheit. "Es war immer nur so veröffentlicht", erläutert Peter Wensierski. "Tatsächlich zeigt es aber hier am Rand Karl-Heinz Kurras und es zeigt seinen Vorgesetzten. Beide ganz deutlich zusammen um das Opfer stehend." Vor Gericht bestritten beide, sich begegnet zu sein. Und auch Schöne will Kurras nicht gesehen haben - trotz des Fotos. "Ja, das ist auf dem Negativ kaum zu sehen, das ist ein Futzelchen", sagt Wolfgang Schöne. Seinen Bekannten Kurras einfach übersehen? Schöne schoss jede Woche mit ihm. Dubios: Auch die Polizei schnitt Kurras auf ihren Abzügen einfach ab. "Ich möchte fast vermuten, dass dort im Labor möglicherweise genauso ein Unsinn passiert ist wie auf diesen Fotos hier, dass Teile von den Fotos, die unwichtig erschienen, weggelassen worden sind", sagt Wolfgang Schöne.

Der Todesschütze - unwichtig? An Zufälle glaubt Wensierski nicht. Noch einmal Kurras: Kurz nach seinem Schuss brüllt er Reporter an, sie sollen den Hof verlassen. Ohnesorg wird abtransportiert. Und die Vertuschung geht weiter, jetzt an der Leiche des Studenten. "Was dann geschah im OP-Saal, ist, dass ein Teil seiner Schädeldecke entfernt wurde, nämlich genau die Stelle des Einschusses, und in dieser Nacht verschwunden blieb", sagt Peter Wensierski. Der verantwortliche Arzt des Krankenhauses nennt als Todesursache "stumpfe Gewalt". Als Gerichtsmediziner Volkmar Schneider am nächsten Tag Ohnesorg obduziert, ist die Kopfhaut über der manipulierten Wunde gar zugenäht. "Und an der rechten Seite im Zentrum etwa sieben Zentimeter oberhalb des rechten Ohres finden wir die Einschusslücke von den Rändern, die erweitert sind, offrensichtlich durch den Einsatz einer Knochenzange", erläutert der Obduzent Volkmar Schneider. "Hier ist die eigentliche Einschusslücke gewesen", deutet er an, "und alles, was hier so zackig ist, das ist also erweitert worden. Was macht das für einen Sinn, jetzt diese Schusslücke zu erweitern. Ich kann da keinen rechten Sinn erkennen."

Ohnesorgs Schädel noch in Berlin?
Es sei denn, man wollte die eigentliche Todesursache verschleiern. Der Schädel von Benno Ohnesorg - da sind sich Wensierski und Soukup sicher - liegt immer noch im Berliner Institut für Gerichtsmedizin. Doch dort will man das weder bestätigen noch dementieren. Überhaupt seien die Asservate in einem schlechten Zustand. Dann folgt der Rausschmiss. "Der Schädel von Benno Ohnesorg ist zu wichtig, als dass er in irgendwelchen Kisten hier unten im Keller durcheinander aufbewahrt werden soll", sagt Peter Wensierski.

Die beiden werden nicht locker lassen. Sie fordern, dass der Schädel gesucht, gefunden und endlich bestattet wird, so wie Ohnesorg im Juni 1967. "Wenn man diesen Fall genau analysiert, denke ich, kann man eine Menge lernen für die Gegenwart und die Zukunft", so Peter Wensierski. "Das Wichtigste ist, denke ich, dass man niemals Dinge vertuschen und verschleiern darf, in dem Glauben, das hilft. Genau das Gegenteil passiert, das zeigt der Fall Ohnesorg. Es wir alles noch schlimmer." Tausende gaben Ohnesorg damals das letzte Geleit. Dann waren die friedlichen Zeiten endgültig vorbei. Der Schuss und all die Lügen trieben viele in Gewalt und Terrorismus. Aufgeklärt ist der Fall bis heute nicht. 45 Jahre sind vergangen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Info
Benno Ohnesorg
Der Student Benno Ohnesorg wurde am 23. Juni 1967 am Rande einer Demonstration gegen den persischen Schah erschossen. Sein Tod gilt als einer der Auslöser für die Radikalisierung der Studentenbewegung und bereitete auch linksterroristischen Gruppen wie der RAF den Boden.
Info
Karl-Heinz Kurras
2009 wurde bekannt, dass der Kriminalbeamte Karl-Heinz Kurras SED-Mitglied und Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Staatssicherheitsdienstes war.
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