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© dpa Lupe
In Homs eskalieren die Kämpfe zwischen Assads Soldaten und der Opposition.
Syrien und der Westen
Neue Thesen zum Freiheitskampf
Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur arabischen Welt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, ist überzeugt: Die Oppositionellen in Syrien werden vom Westen ausgerüstet und logistisch unterstützt. Es geht um starke geopolitische Interessen des Westens in diesem Raum. Wir haben mit ihm gesprochen.
Die Botschaft der Bilder aus Syrien ist eindeutig: Das Regime von Bashar Al-Assad schießt auf das eigene Volk und provoziert einen Bürgerkrieg - eine Perspektive die wenig Zweifel zulässt.

Scharfe Vorwürfe
"Das, was als friedliche Rebellion begonnen hat und von Assad blutig niedergeschlagen worden ist, hat durch die Unterstützung von außerhalb, durch den Einsatz massiver Gewalt auch von Seiten der Opposition eine völlig andere Qualität", sagt Meyer. Der ausgewiesene Kenner der Region äußert scharfe Vorwürfe. Der Konflikt in Syrien bekommt durch seine Analyse ein anderes Gesicht. "Es läuft alles darauf hinaus, dass die bisher teilweise unterdrückte Mehrheit der sunnitischen Bevölkerung islamistisch orientiert ist, dass sich hier eine sunnitische Achse, mit Unterstützung der Sunniten im Irak, im Libanon, in Saudi-Arabien, ausbildet, die gewaltsam den Sturz will. Diese Komponente wird in der Medienberichterstattung völlig außer acht gelassen."

Damit wird das eher säkulare Syrien zum Schauplatz eines religiösen Konflikts. Dennoch sollen laut einer Umfrage der syrienkritischen Qatar-Foundation nach wie vor 50 Prozent der Bevölkerung hinter Assad stehen. "Eine Ablösung des Regimes würde bedeuten, dass hier sunnitische Islamisten die Macht übernehmen - und das ist nicht im Interesse des großen Teils des städtischen syrischen Bevölkerung, die unter säkularen weltlichen Bedingungen sehr viele Fortschritte erlebt hat, wirtschaftliche Liberalisierung und Ähnliches."

Westlich ausgebildeter Präsident
Mit Bashar Al-Assad kam im Jahre 2000 ein im Westen ausgebildeter Präsident an die Macht. Dieser führte zwar den diktatorischen Stil seines Vaters fort, öffnete Syrien aber auch für einen wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt. Der sogenannte Damaszener Frühling versprach die Reform alter Strukturen. "Das Religiöse war im Falle von Syrien bisher kein Thema", so Meyer. "Wir haben es bisher mit einer säkularen, weltlichen Herrschaft von Assad zu tun. Die ethnischen Differenzierungen, die religiösen Gegensätze wurden weitgehend überdeckt. Aber genau diese Gegensätze brechen jetzt wieder hervor und es zeigt sich deutlich, dass vor allem die oppositionellen Widerstandskämpfer in erster Linie Sunniten sind, die zum Teil noch alte Rechnungen aus der Zeit des Vaters von Assad zu begleichen haben."

Immer wieder hat Assad die Aufstände als lokalen und international motivierten Terror abgetan. In diese Argumentation passt auch, dass plötzlich neue Akteure auf den Plan treten, Trittbrettfahrer, die den Konflikt für sich nutzen wollen. "Von besonderer Bedeutung", so Meyer, "ist allerdings die Unterstützung, die der syrische Aufstand von El-Kaida bekommen hat. Wir können jetzt feststellen, dass plötzlich die Sensibilisierung größer wird: Sunnitische Islamisten sind diejenigen, die zum Kampf gegen Bashar Al Assad aufrufen, diejenigen, die auch aufgrund der internationalen Vernetzungen mit großer Gefahr die Sieger in Syrien sein werden. Das ist weder das, was der Westen will, was die syrische Bevölkerung zum größten Teil auch nicht will, und was auch große Teile der arabischen Welt nicht unbedingt wollen."

Al-Dschasira unterstützt Opposition
Klar positioniert haben sich das Emirat Katar und der Sender Al-Dschasira, der im Westen inzwischen ein großes Renommee hat und auf dessen Quellen man sich zu großen Teilen bezieht, unterstützt wie zuvor in Tunesien, Libyen und Ägypten die Opposition. "Gegenwärtig steht Al-Dschasira ganz klar parteiisch auf der Seite des Emirs von Katar und damit der konservativen Monarchien auf der arabischen Halbinsel", sagt Meyer. "Al-Dschasira hat in Katar seinen Hauptsitz und die Berichterstattung von Al-Dschasira läuft überwiegend darauf hinaus, das wiederzugeben, was die Oppositionellen verbreiten - und allenfalls mit kritischem Fragezeichen andere Stellungnahmen von Seiten der Regierung auszusenden."

Die Radikalisierung des Konflikts, die Rolle deder freien syrischen Armee und die mediale Begleitung durch ausländische Sender und das Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaats fördern den Zerfall des Vielvölkerstaats. Assad gerät unter Zugzwang und wehrt sich gegen jeglichen politischen Druck, egal ob vom Westen, oder von der arabischen Liga. "Die FSA mit ihrer Bewaffnung liefert die Rechtfertigung für das Regime Assad gegen diese aufständischen vorzugehen", so Meyer. "Die Lösung wäre nicht 'mehr Waffen', denn mehr Waffen nur zu mehr Blutvergießen führen würden, zu mehr Bürgerkrieg führen." Nach Meyers Thesen könnte der Konflikt Folgen für die gesamte Region haben. Die islamistische Gefahr droht die gesamte arabische Halbinsel zu erfassen. Reduziert sich der Konflikt auf alten Hass zwischen Schiiten und Sunniten? Und welche Rolle spielt der Westen?

"Wir erleben die Interessen der sunnitischen konservativen Monarchien auf der arabischen Halbinsel", so Meyer. "Dahinter steckt auch die Rivalität mit Iran. Hier kann man eine wichtige Macht ausschalten. Dahinter stecken ebenso die Interessen des Westens, die Interessen Israels - über Syrien kommen iranische Waffen an die Hisbollah. Wenn man die syrische Regierung beseitigt, entfällt damit der wichtigste Unterstützer der Hisbollah, die wiederum Israel bedroht." Die Eskalation scheint unaufhaltsam. Das eindeutige Bild der Krise bröckelt.Der Umbruch in der arabischen Welt bedeutet nicht automatisch eine bessere Zukunft.

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Schwerpunkt
Arabische Revolution
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