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© reuters Lupe
Wie gehen wir um mit dem Bösen, dem Radikalen in unserer Gesellschaft?
Unter uns
Von alten und neuen Nazis
Eine Gesellschaft, die Extremtäter wie die Zwickauer Neonazis oder Anders Breivik für gestört hält, macht es sich zu einfach. Der Sozialwissenschaftler und Psychologe Michael Buchholz warnt davor, vorschnell Gene, Gehirn oder eine schwere Kindheit für ihr Verhalten verantwortlich zu machen. Wir haben mit ihm gesprochen.
Ein Mann bombt und schießt 77 Menschen in Norwegen in den Tod. Es ist ein Anschlag auf ein ganzes Volk, ausgeführt von einem rechtsradikalen Täter. Entsetzen und Trauer lassen die Welt erstarren. Was geht in einem solchen Menschen vor? Wie lassen sich die Taten der Anders Breivik dieser Welt erklären und wie bestrafen? Das Gericht ordnet eine psychiatrische Untersuchung an. Das Ergebnis dieser Kommission eröffnet heftige Debatten in der Fachwelt. "Es gibt Experten, die mit Diagnosen ein solches entsetzliches Verhalten belegen, aber etwas zu diagnostizieren, heißt noch lange nicht, auch eine Erklärung zu haben", erklärt der Psychoanalytiker Michael Buchholz. "Eine Gesellschaft muss sich auch auf allen anderen Ebenen, vor allem auch auf der politischen Ebene, mit solchen Taten auseinander setzen."

Gelebte Psychopathologisierung
Die Norweger stürzen ins Bodenlose, als sie hören, Breivik sei nicht schuldfähig, sondern psychisch hochgradig gestört. Er soll also nicht ins Gefängnis, sondern in die Psychiatrie. Kritisiert wird an dem Gutachten, dass die rechtsradikalen und islamfeindlichen Äußerungen Breiviks als Symptome für Geisteskrankheit bezeichnet werden. "Wenn man ein solches Denken hat, in dem man abweichende, politische Meinungen, auch extreme Meinungen psychopathologisch erklären zu können meint", so Buchholz, bleibe man "die Antwort auf die große Frage schuldig, wie es möglich war, dass Millionen Menschen Hitler gewählt haben, in anderen Ländern andere Diktatoren. Es kann nicht sein, dass sie alle psychopathologisch auffällig gewesen sind. Da verhebt sich die Diagnostik."

Wenn Breivik verrückt ist, hat er nichts mit uns zu tun. Oder sind wir ihm doch ähnlicher als wir wahr haben wollen - auch wenn wir nicht um uns schießen? Wird er zum Verrückten erklärt, damit wir uns alle abgrenzen und entlasten können, weil wir nicht wahrhaben wollen, welche Kräfte in uns allen schlummern? Ein Reflex um die Verantwortung für die Radikalen dieser Welt aus unserer Mitte zu treiben? "Rechtsradikale denken immer in Begriffen von Ausgrenzung", sagt Buchholz. "Die einen müssen ausgegrenzt werden, die andersrassigen, die, die Mohammedaner sind, oder Islamgläubige. Immer die, die anders sind als man selbst."

Haben wir die, die anders sind, gut geschützt?
Und eben genau dieses gedankliche Muster vollzieht die Gesellschaft, indem sie eine für sie offensichtlich bequeme Lösung wählt, nämlich die Ausgrenzung des von ihr erkannten Bösen. "Wir dürfen, wenn wir über einen Täter wie Breivik nachdenken, nicht denselben Ausgrenzungsvorgang in unserem eigenen Denken wiederholen", sagt Buchholz. Haben wir diejenigen, die anders sind, genügend geschützt, egal, was sie glauben oder woher sie kommen? Entziehen wir uns nicht täglich unseren offenen oder stummen Vorurteilen? Das "Verrückte" in all seinen Schattierungen kommt nicht aus Hinterhof-Garagen und auch nicht aus einem gesellschaftlichen Vakuum: Sie alle leben unter uns und gehören zu uns.

Längst scheint rechtes Gedankengut unsere Gesellschaft durchdrungen zu haben. Diese Erfahrung hat der US-amerikanische Arzt Brian Studer in Berlin gemacht. "Dieser Besuch war sehr anders als meine bisherigen Besuche in Berlin", berichtet er. "Es gab einen interessanten Vorfall in einer nahegelegenen Kneipe. Ein Freund und ich gingen aus, um ein Bier zu trinken, und wir kamen mit zwei jungen Frauen ins Gespräch. Interessanterweise wollten die jungen Frauen nicht mit mir sprechen. Mein Freund fragte sie, warum sie sich nicht mit mir unterhalten wollen und sie sagten ihm: 'Wir glauben, dein Freund ist ein Jude.' Das war ganz schön schockierend für mich. Ich bin katholisch und ich identifiziere mich nicht als Jude. Ich fragte sie, warum sie denken, ich sei jüdisch - und sie sagten, 'wegen der Form deiner Nase'.

Studie: 20 Prozent mit antisemitischen Vorurteilen
Verheerend ist nicht das Erkennen des Fremden, sondern die Weigerung es zu respektieren. "Wir sollten sehen, dass unsere eigene Gesellschaft, also die Bundesrepublikanische, aber auch die norwegische Gesellschaft, natürlich eine lange Tradition der Anhängerschaft an rechtsradikales Gedankengut hat", sagt Michael B. Buchholz. Dieses rechtsradikale Gedankengut ist innerhalb der Familie vertikal gesickert über die Generationen hindurch und hat viele beeinflusst. Wir haben in Deutschland gerade eine Studie gehabt, dass 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Vorurteile hegen. Das meine ich, wenn ich sage: 'Er gehört zu uns.'"

Wenn eine Studie aufzeigt, dass jeder fünfte Deutsche zwischen 18 und 29 Jahren nicht weiß, was das Wort Auschwitz bedeutet, ist auch das ein Beleg dafür, dass dies aus unserer Mitte kommt. Schulklassen entdecken das Holocaust-Mahnmal als Spielplatz, weil sie von Lehrern dort hin gebracht werden, ohne zu erfahren, wo sie sind. Kein Wunder, dass junge Menschen chronisch unterversorgt sind, was Information und Wissen über Deutschlands Geschichte und den Holocaust angeht.

Wir haben wenig Grund, uns von den so genannten Verrückten zu distanzieren, solange wir mit so viel Gelassenheit mit den täglichen Unerträglichkeiten umgehen. Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile, Gewalt und Hass haben das gesellschaftliche Leben durchdrungen. Und es sind eben nicht nur die Anderen, sondern auch all jene, die sich blind und taub stellen. Das Böse ist keine abstrakte Größe, sondern stets konkret. Wir betrachten uns gerne als zivilisiert und offen und sind es auch zu großen Teilen. Ausruhen aber können wir uns darauf nicht. Daran erinnern uns die Breiviks dieser Welt immer wieder.

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© dpaDas braune Geschwür
Die Terrormorde der Zwickauer Zelle
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