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© dpa Lupe
Der polnische Staatspräsident Komorowski und Bundespräsident Wulff haben die Ausstellung "Tür an Tür" im Gropius-Bau in Berlin eröffnet.
Was darf Kunst?
Streit um Video des Künstlers Artur Zmijewski
Am 21. September 2011 ist die deutsch-polnische Welt noch in Ordnung: Gemeinsam eröffnen der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski und Bundespräsident Christian Wulff die Ausstellung "Tür an Tür" im Gropius-Bau-Berlin. 1000 Jahre deutsch-polnische Geschichte werden exemplarisch anhand von 800 Kunstwerken erzählt. Inzwischen sind es nur noch 799 Werke. Denn dort, wo vorher ein Video des polnischen Künstlers Artur Zmijewski zu sehen war, klafft nun eine Lücke. Der Museumsdirektor ließ das Werk entfernen.
"Wir haben uns das nicht einfach gemacht", sagt Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus in Berlin. "Es ist eine Abwägung, und nach wie vor denke ich, sie ist richtig." Der provokante Film heißt "Berek", "Fangen". Darin laufen nackte Menschen voreinander her, necken sich, versuchen sich zu greifen, kichern. Eine scheinbar harmlose Szenerie - und doch ein Skandal, denn der Film wurde auch in einer ehemaligen Gaskammer eines Konzentrationslagers gedreht. An einem Ort, wo die Nationalsozialisten Menschen auf grausame Art umgebracht haben. Ein Brief von Hermann Simon vom Centrum Judaicum brachte alles ins Rollen. "Das habe ich auch nachdrücklich geschrieben", sagt er. "Ich bin nicht der, der hier über Kunst zu urteilen hat. Aber diese Arbeit […] ist abstoßend. Ich finde sie auch - das stand nicht im Brief - widerlich, richtig widerlich. Das ist eine Meinungsäußerung." Eine "Meinungsäußerung" mit Folgen.

Künstler ist brüskiert
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Artur Zmijewski erfuhr über Facebook, dass sein Kunstwerk aus der Schau entfernt wurde.
Artur Zmijewski, mehrfach ausgezeichneter Künstler und Documenta-Teilnehmer, ist brüskiert. Dass sein Werk aus der Ausstellung entfernt wurde, erfuhr er zufällig über Facebook. Bis heute hat keiner der Verantwortlichen mit ihm gesprochen. Niemand hat gefragt, warum er diesen Film überhaupt gemacht hat. "Ein Besuch der Gedenkstätte Auschwitz hat alles ausgelöst", sagt Zmijewski. "Wie die Menschen sich dort verhalten, was sie dort machen. Ich war vor vielen Jahren als Erzieher mit einer Gruppe von acht- bis 14-jährigen Jungs in Auschwitz. Sie waren völlig überfordert von dem Ort, von der Situation. Sie rannten herum und spielten im ehemaligen Vernichtungslager Fangen. Das gab mir den Anstoß für den Film."

Zmijewski versteht seine Kunst als gesellschaftliche Einmischung, die auch verstören soll. Immer wieder entlarven seine Werke die Verlogenheit von gesellschaftlichen Konventionen, etwa im Umgang mit Behinderten. In Zmijewskis Film springt ein Gesunder ein, leiht einem Einbeinigen sein Bein. Ein polnisches Paar lässt er mit geschulterten Spaten in Nürnberg auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände paradieren, wo Hitler die Aufmärsche seines Reichsarbeitsdienstes abnahm. Sie animieren Besucher zum Hitlergruß. Zmijewski zeigt, wie dünn der zivilisatorische Firnis ist.

Für einen anderen Film überredete er einen 92-jährigen ehemaligen KZ-Häftling, sich die verblasste Nummer, die ihm die Nazis eintätowiert hatten, auffrischen zu lassen. Quälende elf Minuten lang schaut man zu, wie der Mann noch einmal zum Opfer gemacht wird. Geht das zu weit? Wann ist Kunst noch Provokation, wann schon geschmacklos? "Es ist nicht meine Rolle, die Gefühle der Betrachter zu analysieren", sagt Zmijewski. "Ich beschäftige mich auch nicht damit, wie jemand, der diesen Film anschaut, diesen Film empfindet. Als Künstler ist das nicht meine Aufgabe."

Kuratorin spricht von Zensur
Lupe
Kuratorin Anda Rottenberg fühlt sich vor den Kopf gestoßen.
Vor den Kopf gestoßen fühlt sich auch Anda Rottenberg, die polnische Kuratorin der Ausstellung. Sie wurde von der Entfernung des Films ebenfalls erst nachträglich informiert. Mit restriktiven Eingriffen in ihre Arbeit hat Rottenberg ungute Erfahrungen gemacht. Sie verlor ihren Job an einer Kunsthalle in Warschau, nachdem sie dort eine lebensecht wirkende, von einem Meteoriten erschlagene Papstfigur ausgestellt hatte. "Natürlich ist das Zensur", sagt Anda Rottenberg. "Wir kennen in Polen die Zensur sehr gut. Wir haben jahrelang um die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks, der Kunst gekämpft. Das war ein Hauptanliegen der Solidarnosc. Ich weiß ganz genau, was das bedeutet. Und für die Beseitigung des Kunstwerkes gibt es nur einen einzigen Ausdruck: Zensur."

Rottenberg hält "Berek", den Film, der in der Gaskammer spielt, für legitim und wichtig. Denn irgendwann wird die Generation, die das Grauen der Konzentrationslager noch selbst erlebt hat und davon erzählen kann, nicht mehr da sein. In welcher Form darf die Kunst daran erinnern? Darf das auch in provokanter, vielleicht auch abstoßender Form geschehen? "Man muss vielleicht daran erinnern, dass eine Gaskammer ein Ort des schrecklichsten Verbrechens ist", sagt Gereon Sievernich. "Vielleicht des schrecklichsten Verbrechens, dass je in Europa begangen wurde. Ich kann verstehen, dass man sich darüber empört. Das muss man verstehen. Ein Kunstwerk spielt nie in einem politikfreien Raum." Anda Rottenberg weist dagegen darauf hin, dass es in diesem Fall nicht um Ästhetik gehe, sondern um das Gedächtnis. "Wir reden immer über das Gedächtnis und die Erinnerung an den Holocaust. So radikale Künstler wie Artur Zmijewski haben das gute Recht, auch mit ungewöhnlichen Mitteln das Gedächtnis wachzurütteln. Wenn nämlich banalisiert wird, trivialisiert wird, dann werden dieses Gedächtnis und die Erinnerung gelöscht."

Lupe
Hermann Simon (l.) und Gereon Sievernich sorgten für die Entferndung des Videos.
Vielleicht ist die Entfernung des Films aus der laufenden Ausstellung auch eine Bestätigung des Provokationskünstlers Zmijewski. Denn wenn ein Museumsdirektor in einer Demokratie zu so drastischen Mitteln greift, dann muss es sich um ein wahrhaft brisantes Kunstwerk handeln. Ebenfalls im Gropius-Bau verantwortet Sievernich noch eine Ausstellung mit Fotografien des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Sie wird auch als Protest gegen die Einschränkung der Kunstfreiheit, allerdings in China, gezeigt. Aber das ist natürlich nur ein Zufall.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Ausstellung
"Tür an Tür. Polen - Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte"
Martin-Gropius-Bau-Berlin
Bis 09.01.2012