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Moderatoren
PORTRÄT
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© Reuters Lupe
Silvio Berlusconi hinterlässt viel verbrannte Erde in Italiens Kulturlandschaft.
Italia quo vadis?
Kulturschaffende über die Ära Berlusconi
17 Jahre lang hatte Silvio Berlusconi Zeit, die italienische Medienlandschaft seinem Eigennutz zu unterwerfen. In dieser Zeit ritt er nicht nur die Staatsfinanzen zu Boden, sondern hinterließ auch in der Kulturlandschaft Verheerungen.
Er stand für alles Gute der Italiener - und viel Schlechtes: Uritalienisch war seine Energie und Verführungskraft, aber auch die Eitelkeit, indiskutabel seine Geschmacklosigkeiten und sein Opportunismus. Er hat Italien entzweit - und war noch im Moment der Niederlage kamerageil. Es gab nur ein Für oder ein Gegen ihn. Die Crew des Teatro Elfo in Mailand fühlt sich befreit nach seinem Rücktritt. Elio de Capitani ist eine wichtige Stimme des unabhängigen Theaters Italiens. Er kennt Silvio Berlusconi sozusagen von innen. Denn er spielte ihn im Film "Il Caimano" als korrupten Unternehmer, der alles dem eigenen Profit unterordnet.

Das Gift muss wieder aus den Menschen heraus
© reuters Lupe
Nanni Moretti war der Regisseur der Berlusconi-Satire "Il Caimano".
"Viele Leute um mich herum empfinden nun eine große Freude", sagt Capitani. "Mir gelingt das aber nicht, denn das Gift ist tief drin. Es reicht nicht,dass Berlusconi geht, das Gift muss wieder aus den Menschen heraus. Dafür braucht es viel mehr Zeit." "Il Caimano" zeigt, wie Berlusconi die Italiener mit seiner Unterhaltungsmaschinerie ruhig gestellt hat. De Capitani ortet das Problem jedoch nicht nur in den Unterhaltuns-Shows. "Die Krise fand im Fernsehen gar nicht statt, obwohl es vielen Menschen heute schlecht geht", so Capitani. "Da tat man so, als ob nichts wäre. Und Berlusconi behauptete, die Restaurants seien ja voll. Die Realität zu verleugnen, ist auch eine Form von Ignoranz."

Seine Unersättlichkeit stellte er schamlos aus. Was die einen amüsierte, widerte andere an. Die Satirikerin Sabina Guzzanti fährt mit grobem Geschütz auf. Für Beppe Severgnini ist Berlusconi ein gerissener Instinktmensch. Wie er sein Land spaltete, erklärte der Journalist schon im März 2011. "Bunga-Bunga ist der Lärm, der entsteht, wenn Millionen Italiener ihre Köpfe gegen die Wand schlagen, weil sie nicht glauben können, was da passiert. Es scheint Fantasie zu sein", so Severgnini.

Kulturfeindliches Klima
© Reuters Lupe
Für Beppe Severgnini ist Berlusconi ein gerissener Instinktmensch.
Tatsache ist aber: Das gigantische Freilichtmuseum Italien zerfällt. Das antike Pompeji, Teil des Unesco-Weltkulturerbes, droht verloren zu gehen - nicht überraschend, in einem kulturfeindlichen Klima. "Literatur zu studieren ist unnütz", sagt Severgnini. "Du musst etwas Praktisches lernen. Informatik oder Englisch aber nicht Literatur, Philosophie oder Archäologie. Theaterleute und Filmemacher sind alles Parasiten. Da herrscht die Überzeugung: Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun, ist nur Luxus für ein paar Fanatiker, ohne den die Gesellschaft bestens auskommt."

Der Schaden ist immens. Stoßgebete helfen kaum mehr. Und die Zukunft ist alles andere als rosig. Die Kulturschaffenden machen sich auf viel Arbeit gefasst. "Jetzt beginnt für mich eine Epoche", sagt Capitani. "Ich hoffe, dass sich Intelligenz, Ernsthaftigkeit und Verdienst durchsetzen. Denn das war einer der Fehler von Berlusconi und der Rechten: Ihr Versprechen, Leistung zu honorieren, haben sie nie eingelöst." Italia quo vadis? Der Komiker Roberto Begnini unterhielt kürzlich das EU-Parlament mit einer hintersinnigen Rede zur Lage der Nation. Beinahe gingen sie vergessen, all die Gesichter des "guten" Italien. Vom dreimal wieder auferstandenen Cavaliere kann die Kultur eineslernen: Das Comeback ist möglich. Doch es braucht Stehvermögen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Fotogalerie
© APBerlusconiDecadence
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