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Kulturzeit heute
31. Mai 2016
Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© dpa Lupe
Heinrich von Kleist schweigte in Gesellschaft meist, er hatte Angst zu versagen.
Der gehemmte Fluss
Der stotternde Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist gilt als Dichter überschäumendem Temperaments, dessen Texte mitunter schwer verständlich sind. Eine Bevölkerungsgruppe hat mit den Kleistschen Texten "Über das Marionettentheater" und "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" keine Verständnis-Probleme: die Stotternden. Kleist selbst war nämlich Stotternder.
Der Dichter Heinrich von Kleist litt unter starkem Stottern. Er beobachtete seine Störung genau und stellte fest, dass übertriebene Sorge um das, was er sagen will, seinen Redefluss zusätzlich hemmte. "Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, da versteht jemand, wie es mir geht, wie ich emfpinde", sagt die Stotterexpertin Mechthild Engert. "Kleist sagt mir: Auch wenn dein Sprechen verworren ist, Du denkst völlig klar und wahrscheinlich trefflicher als andere."

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Stromschnellen stehen bei Kleist für überstürzende Gedankenbewegungen.
Wer stottert, ist oft auf der Flucht. Kleist reist viel. In der Natur sieht er Bilder für seine seelischen Vorgänge. Stromschnellen stehen für überstürzende Gedankenbewegungen. Er sehnt sich nach geordnender Harmonie, ein Ideal, das natürlichen Bewegungen eigen ist. Das nennnt er Grazie, Anmut. "Für Kleist war die Anmut eines der bewundernswertesten Dinge, die es gab", sagt der Kleist-Biograf Mathieu Carrière. "Und anmutig sein heißt, flüssig sprechen zu können. Er selbst empfand sich als ungeschickten Stolperer, Stotterer, Stammler."

Gefahr der Fehlerhaftigkeit
Der Stotterer neigt dazu, der plötzlich auftretenden Sprechhemmung auszuweichen. Kleist schwieg in Gesellschaft meist, hatte Angst zu versagen. Als Dichter vermied er Worte, die er als unpassend empfand. "Das Misslingen der Grazie, also dieses Bewusstwerden, dass wir fehlerhaft sind, oder wie er es sagt: der Sündenfall, dass man nackt dasteht, das kann einen immer überkommen, wenn man stottert", sagt Mechthild Engert. "Man ist immer in der Gefahr, sich als fehlerhaft zu zeigen. Und es stimmt auch, dass eine übergroße Bewusstheit das Problem oft verschlimmert."

Nur ein kleiner Teil von dem, was Stotternde ertragen, wird äußerlich sichtbar. Kleist hat viele seiner Bühnenfiguren mit großen inneren Spannungen ausgestattet. "Wenn die Menschen bei Kleist sehr erregt sind, dann fallen sie meistens in Ohnmacht", sagt Carrière. "Vielleicht fallen sie in Ohnmacht, um sich vor der Demütigung des Stotterns zu schützen. Kleist hatte wahnsinnige Angst davor, öffentlich aufzutreten. Er hasste zum Beispiel Examenssituationen, weil das Situationen waren, in denen man klare Gedanken fassen musste, bevor man sie aussprach. Kleist war immer dann am besten, wenn er mit irgendetwas anfing, ohne zu wissen, was er sagen wollte." In seiner Schrift "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" jedenfalls formuliert Kleist, wie man zum flüssigen Sprechen kommt. Dieser Text hilft vielen Stotternden.

Glücklicher Akt der Kommmunikation
Ihm nahe stehende Personen bewirken bei Kleist, dass er sein Selbstmisstrauen vergisst. In endlosen Briefen an Braut und Schwester schreibt er ganz flüssig. Noch flüssiger spricht er, wenn sie ihm gegenüber sitzen. "Bei Kleist kommt noch etwas ganz eigenartiges hinzu, er zieht aus dem Blick des Gesprächspartners die Energie, die das Sprechen in Gang hält, auch wenn der Gedanke noch nicht fertig ist", so Carrière. "Das heißt, Kleist war so begeistert und beglückt, wenn er das Gefühl hatte, dass ihm jemand zuhört, dass er keine klaren Gedanken mehr brauchte, sondern das Sprechen sich in diesem Akt der Kommunikation verselbstständigt."

In unermüdlichem Üben von Bewegungsabläufen, wie im Tanz, sieht Kleist den Weg, zwanghafte Selbstbewertung abzuschütteln und natürliche Anmut und Grazie wiederzuerlangen. "Das ist vielleicht die Botschaft eines Stotterers an alle, dass man seine Talente einbringen und entfalten muss", sagt Mechthild Engert. "Das hat Kleist getan. Miich fasziniert an ihm sein Wille, sein Drang, wahrhaftig zu sein." Plötzlich, nach langem, unerträglichem Schweigen, brach es immer wieder aus Kleist heraus: ein lang anhaltender, ungehemmter Redefluss. Der Drang, seine Gedanken zu darzustellen, kann selbst vom Stottern letztlich nicht gebremst werden.

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