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Seit Jahrzehnten lebt Elfriede Jelinek zurückgezogen in Wien.
Seit Jahrzehnten lebt Elfriede Jelinek zurückgezogen in Wien.
Leben für die Sprache
Elfriede Jelinek wird 70 Jahre alt
Sprachkünstlerin Elfriede Jelinek provoziert und polarisiert durch ihre unnachgiebige Radikalität. Am 20. Oktober 2016 wird die österreichische Schriftstellerin und Theaterautorin, die 2004 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, 70 Jahre alt.
Jelinek wird am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark in kleinbürgerliche Verhältnisse geboren. Ihr Vater, Friedrich Jelinek, war promovierter Diplom-Ingenieur und Chemiker jüdisch-tschechischer Herkunft, überlebte den Holocaust, da er kriegsdienlich in der Rüstungsindustrie tätig war - zerbrach aber daran. Die streng katholische, autoritäre Mutter, Olga Ilona Buchner richtete all ihre Ambitionen darauf, aus der Tochter eine berühmte und erfolgreiche Musikerin zu machen.

Leiden an der Übermutter
Früh muss sich Jelinek der Disziplin unterwerfen, die hohe Kunst abverlangt. Sie bekommt Ballettunterricht, spielt schon als Grundschülerin Klavier, Geige, Bratsche, Gitarre und Flöte. 1964, nach Abschluss der Matura, wird sie am Wiener Konservatorium aufgenommen und studiert Klavier, Orgel und Komposition. Parallel dazu schreibt sie sich an der Universität Wien für Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte ein. Doch die stete Bevormundung durch die Mutter - mit der sie bis zu deren Tod im Jahr 2000 zusammenleben wird - der Leistungsanspruch und die Überforderung führen 1968 zu einem Nervenzusammenbruch. Es folgt ein Jahr völliger Isolation, das sie aufgrund von Angstzuständen zu Hause verbringt.

Im Schreiben findet Jelinek Ablenkung - und ihr Ventil. 1967 stellt sie ihren ersten Gedichtband "Lisas Schatten" fertig. Ihr Romandebüt "wir sind lockvögel, baby", gewinnt 1969 bei den 20. Innsbrucker Jugendkulturwochen den mit 5000 Schilling dotierten Preis. Der Roman erscheint bei Rowohlt. Im gleichen Jahr stirbt ihr an Alzheimer erkrankter Vater. Statt Trauer empfindet sie die Erlösung des Vaters als Erleichterung. Erholt und gestärkt macht sie 1971 ihr Examen als Organistin am Konservatorium, doch ihre Berufung bleibt das Schreiben.

Leben in Wien und München
© reuters Im Schreiben findet Jelinek Ablenkung - und ihr Ventil.
Im Schreiben findet Jelinek Ablenkung - und ihr Ventil.
Während einer Lesung lernt Elfriede Jelinek Gottfried Hüngsberg kennen, der in einer Wohngemeinschaft mit Werner Fassbinder in München lebt. Damals schrieb Hüngsberg für Fassbinder Filmmusik, heute ist er als Informatiker tätig. Nur einige Monate nach ihrem Kennenlernen heiraten Jelinek und Hüngsberg und nehmen sich eine Wohnung in München, die zu Jelineks Zweitwohnsitz wird. Denn sie bleibt mit der Mutter im Haus ihrer Kindheit am Rande des Wiener Waldes. Noch heute lebt sie dort. Seit mehr als 40 Jahren hält die außergewöhnliche Ehe der bekennenden Feministin und des Informatikers.

1980 erscheint ihr Roman "Die Ausgesperrten", der vom Horror einer kleinbürgerlichen Familie handelt, in "Die Klavierspielerin" setzt sie sich mit dem neurotischen Verhältnis zu ihrer Mutter auseinander. "Die Klavierspielerin" wird von Michael Haneke 2001 verfilmt und in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet. Das Buch "Lust", in dem sie die sexuelle Macht des Mannes über seine Frau thematisiert und das 1989 veröffentlicht wird, avanciert zum Bestseller. Als Reaktion folgen Anfeindungen von Seiten der österreichischen FPÖ und der Medien. Woraufhin Jelinek 1995 ein Aufführungsverbot ihrer Stücke in Österreich erteilt - ein Mittel des Widerstands, das sie im Laufe ihrer Karriere noch häufiger anwendet.

Eigenwillige Sprache, obszöne Radikalität
© dpa Kritiker lieben oder hassen Jelineks Werk ...
Kritiker lieben oder hassen Jelineks Werk ...
1995 erscheint eines ihrer wichtigsten Werke: "Die Kinder der Toten". Darin befasst sie sich mit der jüdischen Herkunft des Vaters und klagt die Geschichtsverdrängung an. Kritiker lieben oder hassen Jelineks Werk für ihre eigenwillige Sprache, obszöne Radikalität und ihren tragikomischen Witz. "Meine Lebenstragödie ist, dass man in Deutschland die Juden ausgerottet hat und es dieses jüdische Biotop, diesen Witz, den ich von meinem Vater habe, hier nicht mehr gibt. Was ich so ironisch hinsage, wird hier todernst genommen", sagt sie im Interview mit der "Weltwoche".

Entgegen aller Kritik wird Elfriede Jelinek für ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis und Franz-Kafka-Literaturpreis. 2004 wird ihr die höchste literarische Auszeichnung zuteil, sie erhält den Literaturnobelpreis. Die Jury lobt "den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen". Sie habe "die Absurdität gesellschaftlicher Klischees und ihrer unterjochenden Macht" offengelegt, heißt es. Doch die hohe Auszeichnung löst "Verzweiflung statt Freude" aus. Jelinek, die an Angstneurosen leidet, bleibt den Feierlichkeiten fern, bedankt sich per Videobotschaft.

Bis heute gilt Jelinek als eine der bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart und ihre Stücke zählen zu den am häufigsten aufgeführten in Deutschland. 2014 wurde ihr Werk "Die Schutzbefohlenen" uraufgeführt, in dem sie den Flüchtlingen vor Lampedusa eine Stimme gibt. Zuletzt inszenierte Nicolas Stemann ihr "Wut" - eine Reaktion auf die islamistischen Anschläge auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" - an den Münchner Kammerspielen. Und auf ihrer Website veröffentlichte Jelinek als letztes den Roman "Neid". Nach "Lust" und "Gier" eine Fortsetzung ihres Projektes zu "Todsünden".

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
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