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© dapd Lupe
18 der 20 Opfer sollen auf der "Haifischinsel" vor Namibia gestorben sein. Dort hatten die Deutschen während des Kolonialkrieges (1904-1908) ein KZ.
Relikte der Vorfahren
Berliner Charité gibt Herero-Schädel zurück
Als erste von mehreren wissenschaftlichen Einrichtungen will die Berliner Charité 20 namibische Schädel an die Regierung des afrikanischen Staates zurückgeben. Deutsche Wissenschaftler hatten die Köpfe vor mehr als 100 Jahren nach Berlin gebracht und sie für ihre Rassenforschung benutzt.
Am 26. September 2011 reisen etwa 50 Mitglieder einer Delegation aus Namibia nach Berlin, um hier die sterblichen Überreste ihrer Ahnen abzuholen, der Herero und Nama. Unter ihnen ist Johanna Kahatjipara, eine Angehörige des Volkes der Herero. Vor mehr als 100 Jahren begingen die Deutschen an ihnen den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts in Namibia, dem damaligen Deutsch-Südwestafrika. 80 Prozent der Herero und Nama wurden getötet. Auch Johanna Kahatjiparas Familie war unter den Opfern. Deutschen Boden betritt sie deshalb mit gemischten Gefühlen.

"Die Charité möchte um Entschuldigung bitten"
"Ich freue mich, dass ich dabei bin, um dieser Geschichte beizuwohnen", sagt Kahatjipara. "Für mich ist das ein wichtiger Moment, ein Moment der Wahrheit." Viele Köpfe der damals Ermordeten wurden nach Deutschland verschleppt und hier vermessen und untersucht. Man wollte die Überlegenheit der deutschen Rasse beweisen. Die Schädel lagern bis heute in den Kellern deutscher Universitäten – in Freiburg und Berlin. Die Charité in Berlin gibt nun, nach langen Verhandlungen, 20 der geraubten Schädel zurück. "Die Charité möchte um Entschuldigung bitten bei den Völkern in Namibia, bei der Regierung in Namibia und möchte zugleich eben die Schädel, die jetzt von unserer Seite identifiziert werden konnten, zurückgeben", so der Sprecher der Charité Thomas Schnalke. Weitere 20 Schädel sollen bis September 2012 folgen. Hier müssen die Wissenschaftler noch untersuchen, ob sie wirklich aus Namibia kommen.

In Berlin besucht die Delegation aus Namibia die Relikte ihrer Vorfahren - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Begleitet von Ritualen und Gesängen, verkünden sie den Ahnen, dass sie gekommen seien, um sie heimzuholen - endlich. "Mir liefen die Tränen herunter", sagt Ida Hoffmann, die Vorstandsvorsitzende der Nama-Delegation. "Und wenn ich darüber spreche, fühle ich mich miserabel. Es bleibt die Frage, warum die Deutschen uns das angetan haben und trotzdem keine Entschädigung leisten wollen."

Verdrängt koloniale Vergangenheit
Auf dem Garnisonfriedhof in Berlin-Neukölln besuchen einige Herero und Nama einen Gedenkstein für die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia. Auch dieser Gedenkstein macht deutlich, wie sehr Deutschland seine koloniale Vergangenheit verdrängt. "Dieser Stein gilt den Opfern des Völkermords". sagt Christian Kopp vom Aktionsbündnis der Zeugen des Völkermordes. "Aber der Völkermord wird hier nicht benannt, und es wird auch nicht gesagt, wie viele Opfer es auf namibischer Seite gab. Wir fordern deshalb von der deutschen Regierung, dass sie endlich den Völkermord anerkennt, dass sie sich entschuldigt, und dass sie sich zu Reparationen bereit erklärt."

Johanna Kahatjipara weiß aus ihrer eigenen Familiengeschichte, wie sehr die Herero und Nama unter den Deutschen gelitten haben. "Während des Krieges sind die Männer enthauptet worden", sagt sie. "Auch der Onkel meiner Tante Metha war unter den Opfern. Die Frauen mussten die Haut mit Glasscherben von den Schädeln entfernen. Dann wurden die Schädel in Kisten verpackt und nach Deutschland gebracht." Die Überlebenden wurden in Konzentrationslager gebracht - die ersten, die Deutschland gebaut hat. "In den Konzentrationslagern lebten die Leute unter schrecklichen Bedingungen", sagt Kahatjipara. "Sie mussten hart arbeiten, auch die Kinder, und sind dabei geschlagen worden, bis sie vor Erschöpfung Hunger, Durst und Krankheiten umgefallen sind."

Keine offizielle Anerkennung der Schuld
Auch Captain Petrus Koper, der traditionelle Führer der ältesten Nama-Gruppe in Namibia, vermutet Schädel seines Verwandten in Deutschland. "Ich kam vor allem auch, um den Schädel meines Häuptlings Mennasse Noresep heimzuholen, der am 1. Dezember 1905 enthauptet wurde", sagt er. "Ich verlange, dass die deutsche Regierung sich dafür entschuldigt und die notwendigen Entschädigungszahlungen für die Fehler der Vergangenheit leistet." Daran denkt die Bundesregierung aber nicht. An einer Podiumsdiskussion, zu der das Aktionsbündnis geladen hatte, nahm kein Vertreter der deutschen Regierung teil. Eine offizielle Anerkennung der historischen Schuld bleibt aus. Hans-Christian Ströbele von den Grünen mahnt das deutlich an: "Für mich ist klar und unübersehbar, wenn man sich mit den Fakten beschäftigt, dass es sich in den Jahren 1904 bis 1908 um einen Genozid an den Völkern der Herero und Nama gehandelt hat. Der Deutsche Bundestag sollte das klar benennen und in einer Entschuldigung erklären."

Diese Entschuldigung fordert der Sprecher der Delegation der Herero und Nama neben Reparationszahlungen Ueriuka Festus Tjikuua. Er sucht aber auch den Dialog. "Der Weg, der gegangen werden muss, ist der des Dialogs", sagt Tjikuua. "Als unsere Leute in diesen Kampf verwickelt waren, sprachen wir mit Gewehren. Wie sind heute in einem neuen Zeitalter, in dem die Diplomatie zwischen Nationen die Antwort auf alle internationalen Probleme ist. Deutschland ist eines der westlichen Länder. Sie behaupten, eine Demokratie zu sein. Weshalb haben sie Angst, mit uns zu sprechen?" Die Frage bleibt unbeantwortet. Die Herero und Nama können mit den Schädeln ihrer Vorfahren wieder nach Hause zurück kehren - mit mehr jedoch nicht.

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