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Lupe
Lewinsky wider das Vergessen: "Ich glaube, man muss ab und zu ein Buch schreiben oder einfach die Geschichte wieder erzählen."
Todesghetto als Idyll
Charles Lewinsky auf den Spuren von Kurt Gerron
Einst wurde der Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron von den Nazis gezwungen, in Theresienstadt einen Propagandafilm zu drehen. Der Autor Charles Lewinsky erzählt in seinem Roman "Gerron" nun die Geschichte des Juden. Wir haben Lewinsky dabei begleitet, wie er zum ersten Mal das heutige Theresienstadt besucht und die Spuren der tragischen Vergangenheit vor Ort erkundet.
Theresienstadt, 60 Kilometer nördlich von Prag, ist heute eine idyllische Kleinstadt. Es sei fast nicht auszuhalten, "wie das alles herausgeputzt, angemalt und heile Welt ist", so Lewinsky. "Man hat das Gefühl, da kann doch nie etwas Schlimmes passiert sein, da ist doch alles wunderbar. Wenn man sich überlegt, wie grauenhaft das hier drin ausgesehen haben muss in der Zeit, dann ist es richtig schwierig, mit dem umzugehen."

Durchgangslager für Juden aus Europa
Theresienstadt war die Vorhölle von Vernichtungslagern wie Auschwitz. Die SS hatte eine ganze Kleinstadt zum Durchgangslager für Juden aus ganzEuropa gemacht. Hunger, Krankheiten, Tod - das Elend hier kannte alle Facetten. Nach dem Krieg wieder besiedelt, übt sich das Städtchen heute in Normalität. Kaum vorstellbar, dass hier 140.000 Menschen eingepfercht lebten. "Für mich ist das Verrückteste, wie leer das alles ist", so Lewinsky. "Dass sich nichts bewegt, als ob die Stadt im wörtlichsten Sinn ausgestorben wäre, und da sind zigtausend Leute eingesperrt gewesen. Das ist furchtbar eng gewesen, furchtbar voll. Man hat nie einen Moment für sich allein gehabt. Und jetzt ist das alles so leer und tot."

Kurt Gerron, ein beliebter Komiker, Filmstar und Regisseur, war einer der Häftlinge. Nach langjähriger Flucht war der Jude nach Theresienstadtdeportiert worden. Die Nazis zwangen ihn, hier einen Film zu drehen - einen Film, der die Weltöffentlichkeit belügen sollte. Einen Film, der nicht die Wahrheit erzählt über Deportationen und Todeslager, sondern das pure Gegenteil.

Kurt Gerron inszenierte das Todesghetto als Idyll, in dem es genug zu essen gibt, Konzerte, Sport und Freizeitvergnügen, ehrliche Arbeit und häusliches Glück in netter Unterkunft. Dennoch erzählen die Details vom Elend, wenn man genau hinblickt. Alle Menschen tragen den gelben Stern, die Kennzeichnung für Juden. Die Blicke der Kinder sind oft abwesend, die Augen starren ins Leere. Die verletzten Seelen konnte Kurt Gerron nicht vertuschen. Die Dreharbeiten zu diesem Film waren eine tragische Groteske, eine Qual für alle Beteiligten. "Da vorne auf diesen Wällen hat es kleine Schrebergärten gegeben", zeigt Charles Lewinsky, "wo man Gemüse anbaute, aber natürlich nur für die SS, wo kein Gefangener hinkam, außer für den Film. Im Film mussten sie dann so tun, als ob das ihre Gärtchen wären. In Wirklichkeit war es so, dass sogar die einzelnen Tomaten an den Sträuchern abgezählt waren. Und wer eine Tomate gestohlen hätte, wäre sofort deportiert oder erschossen worden."

Geron hatte keine Wahl
In seinem Roman schildert Charles Lewinksy den Gewissenskonflikt, in den Kurt Gerron gestoßen wird, seine Skrupel, die Vergeblichkeit seines Ringens um Würde. Er muss lügen. Die SS zwingt ihn, prominente Häftlinge ins Bild zu setzen, damit die Welt erfahre, sie seien noch am Leben - und es gehe ihnen gut. Der Roman führt auch in die Zeit vor der Judenverfolgung zurück, als Kurt Gerron ein beliebter Komiker und begehrter Regisseur war, ein gefeierter Schauspieler neben Stars wie Marlene Dietrich. In Theresienstadt ist dieses Leben zerstört. Gedemütigt muss Gerron sein Talent in den Dienst einer verlogenen Propagandamaschinerie stellen. "Ich glaube, Gerron hat keine Wahl gehabt", sagt Lewinsky. "Es ist nicht so, dass er eine reale Wahl hatte: Mache ich den Film oder nicht? Die einzige Alternative wäre gewesen, sich zu weigern. Das hätte den sicheren Tod bedeutet. Es gibt jetzt manche Leute, die ihnkritisieren und sagen, das ist unmoralisch gewesen, diesen Film zu drehen. Er hat in einer Welt gelebt, wo Moral nicht mehr existiert hat."

Charles Lewinskys Roman endet lapidar mit der einfachen Feststellung, dass Kurt Gerron nach Beendigung der Dreharbeiten nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Vor den Toren Theresienstadts führt uns Charles Lewinsky an einen Ort, an dem man vergessen könnte, was hier geschehen ist. Er erzählt uns, warum er dieses Buch geschrieben hat. "Gerade an so einem Ort wie dort mit einer wunderschönen romantischen Landschaft sind wir nur ein paar Schritte aus Theresienstadt draußen und niemand von den Leuten, die in dem Ghetto eingesperrt waren, ist jemals dort hingekommen. Erst, als der Krieg verloren gewesen ist, haben die Deutschen die Asche der Leute, die im Lager gestorben sind, in den Fluss geworfen. Sie wollten, dass man es vergisst. Ich glaube, man muss ab und zu ein Buch schreiben oder einfach die Geschichte wieder erzählen. Das ist auch eine Aktion gegen das Vergessen."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© Nagel&KimcheLupeCharles Lewinsky
"Gerron"
Nagel & Kimche 2011
ISBN-13: 978-3312004782
Info
Kurt Gerron hieß eigentlich Kurt Gerson. Er starb am 28. Oktober 1944 in der Gaskammer in Auschwitz.