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© ap Lupe
Libyens Rebellen jubeln: Tripolis ist fast komplett in ihrer Hand.
Libyens Aufbruch
Hisham Matar über die Zukunft seines Landes
In Hisham Matars Buch "Geschichte eines Verschwindens" verliert ein Sohn seinen Vater, der auf einer Geschäftsreise entführt wird. Die Geschichte erinnert an das eigene Leben von Hisham Matar: Aufgewachsen in Libyen, floh er mit seinen Eltern ins Exil nach Ägypten, wo sein Vater von Muammar al-Ghaddafis Geheimdienst verschleppt wurde. Hisham Matar lebt in London, doch führt er uns in seinen Büchern in seine eigene Vergangenheit: nach Libyen.
Heimat ist für Hisham Matar das, was seinen Alltag ausmacht: die gleiche Straße entlang gehen, sehen, wie sich ein Baum verändert. Seit 25 Jahren ist London diese Heimat, und doch weiß er, dass er sie jederzeit verlassen kann.

Hisham Matar ist in Libyen aufgewachsen, und wenn er schreibt, dann holt er sich diese Vergangenheit zurück. In Libyen selbst sind seine Bücher verboten, sie werden dennoch gelesen und ins Land geschmuggelt. Denn er erzählt vom allzu Menschlichen und davon, wie eine Diktatur in das Leben jedes Einzelnen eindringt. "Was mich interessiert, sind die kleinen Details", sagt er. "Wie beispielsweise ein Mensch anders liebt, wenn er unter Druck gerät, wenn die sozialen und politischen Verhältnisse so groß, komplex und übermächtig werden. Wie liebt dann jemand anders?"

Gewalt-Regime
Matar ist in New York geboren, sein Vater arbeitet bei der Uno. In den 1970er Jahren geht die Familie nach Tripolis zurück. Gaddafi bestimmt als Revolutionsführer die Politik - ein Regime, das mit unverhohlener Gewalt auf alles reagiert, was es nicht kontrollieren kann. Es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Bücher, die sich kritisch mit dem Land beschäftigen, werden verboten, Schriftsteller ins Gefängnis gebracht. Eine ganze Generation verschwinde aus dem Bewusstsein, so Hisham Matar.

Als er acht Jahre alt ist, muss seine Familie das Land verlassen. Sein Vater ist ein erbitterter Gegner der Gaddafi-Diktatur. Sie gehen nach Ägypten, wo der Vater eines Tages vom Geheimdienst entführt wird. Bis heute weiß er nicht, ob sein Vater noch am Leben ist. "Wenn jemand stirbt, weißt du, dass er tot ist", so Matar. "Aber in meinem Fall, wo jemand verschwindet, ist alles anders. Da ist die Qualität der Sehnsucht, der Trauer eine andere. Denn in diesem Fall überdauert die Hoffnung alles."

Welt ohne Vertrauen
In seinem Roman "Geschichte eines Verschwindens" lässt Hisham Matar seinen Helden Nuri gleich am Anfang sagen, dass kein Tag vergeht, an dem er nicht nach seinem Vater sucht. Doch dieses Buch hat nur vordergründig mit seinem Leben zu tun, obwohl auch Nuris Vater von Unbekannten entführt wird und die Geschichte in Kairo spielt. Noch bevor Nuris Vater verschwindet, stirbt seine Mutter. Und dann ist er auch noch von seiner Stiefmutter fasziniert. Hisham Matar erzählt davon, was der Verlust aus Menschen macht. Seine Helden sind innerlich zerrissen, hineingeworfen in eine Welt, in der es kein Vertrauen mehr gibt. Er spielt mit Andeutungen, lotet Gefühle aus. Es sind Gefühle, die er aus seiner Kindheit kennt.

"Ich bin aufgewachsen mit dem Wissen, dass wir überwacht werden, dass immer jemand anderes unsere Telefongespräche mithört", erinnert sich der Autor. "Auch in unserem ganz persönlichen Leben in Ägypten wussten wir immer, dass selbst die Leute, die bei uns arbeiteten, die unser Essen kochten, unsere Betten machten, mit dem Geheimdienst verbunden waren." Hisham Matar sagt, er sei nie politisch gewesen. Für ihn kann nur Kultur definieren, wer man ist, und so spricht er über diese, schreibt Aufsätze, mischt sich in Debatten ein und erklärt das Leben in Libyen, von dem wir oft nur die narzisstisch inszenierten Auftritte Gaddafis wahrgenommen haben. Für Hisham Matar war Libyen lange Zeit eine Quelle der Schmerzes und der Scham. Seit dem Beginn der Aufstände sind diese Gefühle verblasst, alles, was er hört, lässt ihn hoffen.

Matars Vater: Held für die Demonstranten
"Zum ersten Mal sehe ich Menschen, die stolz sind auf das, was in ihren Ländern geschieht", so Matar. "Man kann sogar sagen, es ist das erste Mal, während unseres gesamten Lebens, dass die Ereignisse im Nahen Osten junge Westeuropäer inspirieren. Mal ehrlich: Wann gab es das schon einmal?" Jemand hat Matar ein Plakat zugeschickt. Es zeigt seinen Vater. Für die Demonstranten ist er ein Held. Sie fragen, wo er ist. Hisham Matar sagt, Libyen ist ein Land, in dem bis zum Beginn der Aufstände jedem gesagt wurde, was er zu denken habe. Und nun ist plötzlich alles anders. Es ist diese Kraft, die ihn fasziniert.

"Viele Sachen haben mich sehr bewegt", so Matar: "zum Beispiel, dass nach all dieser sehr aggressiven Gewalt gegen die Bevölkerung die Menschen weiterhin das Licht wollen. Sie wollen in Würde leben und selbst entscheiden, wie sie leben." Als seine Familie vor mehr als 30 Jahren flieht, entsteht ein Foto. Zurückgelassen in Tripolis, haben es Mäuse angefressen, eine Tante findet und rahmt es für ihn. Die Aufnahme ist wie ein Sinnbild für seine Romane. Hisham Matar geht es um das, was bleibt, wenn mit Gewalt das Leben zersetzt wird. So erzählt er vom Überleben, von Liebe und Verrat. Und darin ist er ein Meister, ein großartiger Erzähler.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© KLuchterhandLupeHisham Matar
"Geschichte eines Verschwindens"
Luchterhand 2011
ISBN-13: 978-3-630-87245-2
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