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25. Mai 2016
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Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© www.therefugeevoice.com Lupe
Die israelische Zeitung "Refugee Voice" gibt afrikanischen Flüchtlingen eine Stimme.
Stimme der Schwachen
Die "Refugee Voice" bekämpft Rassismus in Israel
10.000 Flüchtlinge aus Afrika, die in den letzten fünf Jahren über die ägyptische Grenze nach Israel kamen, haben eine Welle von Rassismus im Land ausgelöst. Die israelische "Refugee Voice" ist eine Zeitung von und für Flüchtlinge. Die Botschaft der Zeitung an die Israelis: Besinnt Euch der Schicksale Eurer Eltern und Großeltern!
Die Flüchtlinge kommen durch die Wüste über die kaum bewachte Grenze von Ägypten nach Israel, von Afrika ins Gelobte Land. Sie werden von Israel in überfüllte Lager gepfercht, ohne offiziellen Flüchtlingsstatus zu bekommen. Sie werden in Busse nach Tel Aviv gepackt, wo sie auf sich allein gestellt sind in einer Gesellschaft, die sie nicht will. Doch eine Gruppe beherzter, junger Israelis gibt ihnen nun eine Stimme, eine Zeitung, die sie gemeinsam mit den Flüchtlingen publizieren: die "Refugee Voice".

"Die nehmen uns alles weg"
"Das Feedback, das wir bekommen, ist fantastisch", sagt die Herausgeberin Maya Fennig. "Die Menschen reißen uns die Zeitung förmlich aus der Hand. Deswegen drucken wir jetzt schon 10.000. Wir haben mit der Hälfte angefangen. Du siehst es den Menschen an: Sie sind so glücklich, endlich eine Zeitung in ihrer eigenen Sprache zu sehen." Der Reporter Lanre Vincent Yinka berichtet: "Es herrscht ein ungeheurer Hunger nach Information. Die Situation der Flüchtlinge in Israel ist so hart. Sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Jeden Tag haben sie Probleme mit Behörden. Sie werden verhaftet und eingesperrt."

Eine Passantin beschimpft das Kamera-Team: "Warum zum Teufel filmt ihr die? Die haben mein Land gestohlen. Das Land gehört nicht diesem Müll. Unser Land haben die geklaut. Wir sind im jüdischen Staat und brauchen die nicht in unserm Land. Wir haben keine Arbeit. Haben wir vielleicht Geld zuviel für die? Wohnungen? Die nehmen uns alles weg, diese Schwarzen. Das ist unser Land."

Die aufgebrachte Israelin sagt laut, was viele denken. Bis vor drei, vier Jahren gab es in Israel kein Flüchtlingsproblem. Plötzlich kommen Zehntausende. Die Reaktion: eine Welle von Rassismus und Demonstrationen. "Die Mädchen Israels für das Volk Israel" steht auf einem Plakat, sprich: Afrikaner, Hände weg von jüdischen Frauen. Und die Redner hetzen den Mob nur noch mehr auf. "Ich versteh Euch, Leute, ich versteh Euch", sagt Shlomo Maslawi von der Likudpartei. "Ihr seid sauer auf die, die den Afrikanern Wohnungen vermieten, sauer auf die, die ihnen Arbeit geben." Es fehlt nicht an Stoff für die "Refugee Voice".

Viersprachige Zeitung
Die Zeitung erscheint in vier Sprachen: Englisch, Tigriya, der Landessprache Eritreas, Arabisch und Hebräisch. Die jungen Reporter erzählen Geschichten, die die offiziellen israelischen Medien oft totschweigen. Keiner hat eine journalistische Ausbildung. Noch fehlt es ihnen an Erfahrung, Disziplin, journalistischem Handwerk. "Wir schreiben einen Artikel über die Wohnungssituation und wir kommen irgendwie nicht weiter", berichtet der Reporter Yochai. "Es ist der Job von euch Flüchtlingen, die Leute auf der Straße dazu zu überreden, mit uns zu sprechen." Viele haben Angst mit Reportern zu sprechen, selbst wenn ihre Lage noch so verzweifelt ist. Sie leiden unter katastrophalen Wohnbedingungen, unter Rassismus, unter Gewalt.

Ein Reporterteam ist auf dem Weg in eine Stadt nördlich von Tel Aviv. Dort sind sie mit einem jungen Mann verabredet, der auf offener Straße von israelischen Hooligans mit Messern angegriffen wurde. Der junge Kidane aus Eritrea führt das Interview und übersetzt seiner israelischen Kollegin ins Englische. "Wie viele Messerwunden hat er abgekriegt?", fragt der Reporter der "Refugee Voice". "Etwa sieben oder acht Messerstiche am Rücken", übersetzt Kidane. Die physischen Wunden sind verheilt, doch das seelische Trauma wird noch lange nachwirken.

"Das muss öffentlich gemacht werden"
Die "Refugee Voice" hat kein Budget, zahlt keine Honorare und verteilt die Zeitung gratis. Etwas Geld kommt durch Spenden, der Rest aus eigener Tasche. Die Hürden sind enorm, doch die Story ist wichtiger. "Es ist nicht nur die Gewalt", sagt die Herausgeberin Maya über ihre Beweggründe. "Es ist viel mehr. Leute werden auf der Straße als 'Nigger' beschimpft, angespuckt. Es gibt diese Messerstechereien, aber die Gewalt ist überall." "Das muss öffentlich gemacht werden", findet auch Reporter Kidane Isaac Tuklie. "Und dann muss etwas geschehen, um die Sicherheit der Flüchtlinge zu gewährleisten. Warum kamen wir nach Israel? Hauptsächlich doch, um endlich einen Ort zu haben, an dem wir sicher sind. Alles was wir fordern, ist ein sicherer Ort."

"Diese Menschen sind mir einfach ans Herz gewachsen", sagt Maya Fennig. "Ich sehe sie vor mir und verstehe nicht, warum sie nicht dieselben Rechte haben wie ich. Genau darum geht es in unserer Zeitung." Die "Refugee Voice" ist eine Zeitung von und für Flüchtlinge. Aber nicht nur. Auch an Israelis verteilen sie das Blatt. "Hass kommt oft von Ignoranz", so Fennig. "In dem Moment, an dem Menschen sich Wissen aneignen, an dem sie beginnen zu verstehen, bekommt ihr Denken plötzlich einen neuen Horizont." Der Staat Israel, der einst von Flüchtlingen des Holocausts gegründet wurde, tut sich jetzt schwer damit, den Verfolgten aus Afrika eine neue Heimat zu geben. Die Reporter der "Refugee Voice" geben ihnen zumindest eine Stimme.

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