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Kulturzeit heute
21. Mai 2013
  • Pulverfass Mitrovica - Das Kosovo bleibt ein Schmuddelkind
  • 3sat-Preis Theatertreffen
  • Kulturelle Bildung
Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© ap Lupe
Tamas Eszes (l.) will die Minderheit der Roma aus Ungarn vertreiben.
Der braune Spuk
Bürgerwehren in Ungarn
Die Truppe nennt sich Vederö, was so viel heißt wie "Wehrkraft". Die Assoziation mit der deutschen Wehrmacht ist durchaus gewollt. Vederö ist eine paramilitärische Truppe mit einem klar definierten Ziel: Sie will die Minderheit der Roma aus Ungarn vertreiben.
Patronen sind genug da - selbst für Minderjährige. Auf einem Privatgrundstück, 80 Kilometer von Budapest entfernt, mitten in der ungarischen Puszta, haben ungarische Rechtsextremisten ihr Lager aufgeschlagen. Das Selbstbewusstsein ist groß genug, um die Filmaufnahmen - besonders gerne vom deutschen Fernsehen - zuzulassen. Was aussieht wie ein fröhlicher Familienausflug, ist eine Wehrsportübung einer eigentlich verbotenen Bürgerwehr. Den Anführer, Tamas Eszes, ein Mann mit Generaluniform, schert das wenig.

Unverhohlener Hass
© reuters Lupe
Das Roma-Viertel liegt gegenüber dem Vereinsheim von Eszes.
"Ich bin gelernter Koch", sagt Eszes. "Ich mache auch Zigeunerbraten. Und das würde ich niemals in Roma-Braten umbenennen. Wer wollte für so etwas denn die Kochbücher umschreiben? Zigeuner bleibt eben Zigeuner. Die leben seit 600 Jahren in Ungarn, haben sich immer noch nicht unseren Sitten angepasst." Der unverhohlene Hass auf Roma - Zigeuner, wie sie sagen - eint alle hier. Dabei sind Tamasz Eszes und seine Leute vor kurzem schon einmal von der Polizei festgenommen und streng verwarnt worden, weil sie Roma im Dorf Gyöngyöspata bedroht haben. Tamas Eszes besitzt hier ein großes Anwesen. Aus ihm wollte er eine Art Vereinsheim für Rechtsextreme machen. Das Anwesen liegt genau gegenüber dem Roma-Viertel. "Angeblich hätten wir ihnen Angst gemacht", beschwert sich Eszes, "und die öffentliche Ordnung mit unseren Uniformen gestört - auf meinem Privatgrundstück. Das kann doch nicht sein."

Am Karfreitag mussten mehr als 100 Polizisten die rund 400 Roma im Dorf schützen und für Ruhe sorgen. Denn Tamas Eszes und seine Leute hatten für das Osterwochenende Schießübungen angekündigt. Bevor es dazu kam, schritt die Polizei ein und nahm die selbsternannten Bürgerwehrler fest. Allerdings nur für ein paar Stunden. Einige der Polizisten sind bis heute im Dorf geblieben. Die hier abgesagten Schießübungen finden jetzt erst einmal woanders statt. Die Roma sind fassungslos. Janos Farkas vom Roma-Rat in Gyöngyöspata fragt: "Warum hat die Regierung nicht längst alle rassistischen und faschistischen Organisationen verboten? Bei euch in Deutschland gibt es doch auch solche Gesetze, dass man solche Organisationen jederzeit auflösen darf. Wir bräuchten auch so ein Gesetz. Bei euch gibt es doch auch Neonazis."

Bürgerwehren: Offiziell verboten
© dpa Lupe
Eszes wurde von der Polizei festgenommen und verwarnt.
Tatsächlich hat die ungarische Regierung nach dem Vorfall in Gyöngyöspata zumindest offiziell uniformierte Bürgerwehren verboten. Der rechtskonservative Regierungschef Orban hatte - wohl auch auf Druck der Europäischen Union - ein hartes Durchgreifen angekündigt. Das Problem ist nur: Sogar im Parlament sitzt ein Mann mit Uniformweste: der Chef der rechtsextremen Jobbik-Partei, die seit Jahren hinter diesen Bürgerwehren steht. Regierungssprecherin Anna Nagy bittet um Verständnis, dass in Ungarn trotz des neuen Gesetzes Terror-Milizen eben nicht einfach aufgelöst werden könnten. "Es ist immer schwer, diese schmale Linie zu ziehen", sagt sie. "Kann der Staat Selbstverteidigung verbieten? Oder kann der Staat verbieten, dass man Jugendliche organisiert? Das ist ein schmaler Grat. Das muss man verstehen. Jeder Rechtsstaat muss das akzeptieren, denn sonst könnte man doch keinen Sportverein gründen."

Eine Art Sport machen sie ja tatsächlich auch beim Verein "Wehrkraft" in Ungarn. Kaum eine Stunde Autofahrt vom Dorf Gyöngyöspata entfernt, nähern sich neugierige Bürger aus den umliegenden Häusern ohne Scheu. "In der Gemeinde wird gemunkelt, dass hier eine paramilitärische Übung gemacht wird", sagt ein Anwohner. "Mich interessiert die Sache deshalb, weil ich für die Jobbik-Partei im Gemeinderat sitze und in der nächsten Woche wohl Auskunft geben muss, was ihr hier so treibt." Und der selbsternannte General erklärt jovial: "Naja, wisst ihr: Ich brauche für meine Schießübungen jetzt erst einmal ein Gelände, wo keine Zigeuner in Sichtweite sind. Deshalb sind wir hier."

"Jobbik heißt alle Nationalgesinnten willkommen"
Eigentlich wollen sie bald wieder in das Dorf Gyöngyöspata zurückkehren.Sympathisanten haben sie dort sogar in der lokalen Politik. Der Jobbik-Lokalpolitiker Oskar Juhasz erklärt: "Wir kennen Tamas Eszes. Er hat nichts mit Jobbik zu tun. Wir denken, er ist ein guter Soldat, aber ein schlechter Stratege. Was er an Kampftechniken vermittelt hat, kritisieren wir gar nicht. Aber wir sind mit seinem Verein nicht einverstanden. Klar ist aber auch: Jobbik heißt alle Nationalgesinnten willkommen."

Auch die interessierten Bürger, die zum paramilitärischen Trainingscamp gekommen sind, zeigen wenig Berührungsängste. Sie wünschen Tamas Eszes, dass seine Organisation auch im Parlament Anerkennung finde. Die Verabschiedung ist im besten Einvernehmen, die Parole lautet: "Durchhalten Freunde, durchhalten." Dann geht es weiter mit den Nahkampfübungen. Die Truppe will schließlich einmal die Ruhe und Ordnung in Ungarn garantieren. Und Tomas Eszes hat noch ein weiteres Ziel: bei den bevorstehenden Wahlen neuer Bürgermeister von Gyöngyöspata zu werden.

Sendedaten
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