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© dpa Lupe
So soll es aussehen: das Guggenheim Abu Dhabi.
Kunststreik in der Wüste
Protest gegen das neue Guggenheim in Abu Dhabi
Der Louvre und das Guggenheim-Museum in der Wüste? Die Vereinigten Arabischen Emirate sahen in ihrer kulturellen Öffnung zum Westen ein Vorbild für die ganze Golfregion. "Wir haben eine Zivilisation der Menschlichkeit", kündigte man vollmundig 2008 an, als die Pläne für "das größte Kulturprojekt des Mittleren Ostens" präsentiert wurden. Menschlichkeit fordern nun Künstler und Intellektuelle für die Arbeiter, die das Mammutprojekt in Abu Dhabi schaffen sollen.
Abu Dhabi, die Hauptstadt der arabischen Emirate, ist eine schillernde Wunderwelt inmitten der Wüste. Hier bauen Scheichs "Saadiyat Island", die "Insel der Glückseligkeit". Es sei das größte Kulturprojekt der Menschheit, so rühmt man sich. Die Crème de la Crème der Kunstwelt wird hier für 30 Milliarden Dollar eingekauft, inklusive Dependancen des Louvre und des Guggenheim-Museums. Entworfen wurde die Insel von Stararchitekten. Frank Gehrys Guggenheim soll 2014 mit einer monumentalen Kunstschau eröffnen.

Bedingungen wie für Sklaven
© ap Lupe
Human Rights Watch kämpft für die Arbeiter in Abu Dhabi.
Diese boykottieren jetzt aber mehr als 130 internationale Künstler in einem einzigartigen Kunststreik. Solange die Insel auf dem Rücken rechtloser Gastarbeiter entsteht, wollen sie keine Werke liefern. "Wir haben ägyptische Arbeiter getroffen, die viel Geld an Anwerbefirmen gezahlt haben", berichtet der Künstler René Garbi. "Sie haben ihre Kühe, ihr ganzes Hab und Gut verkauft und Schulden gemacht, um in Abu Dhabi zu arbeiten. Doch die versprochene Arbeit gab es nicht. Sie bleiben sechs Monate, versuchen einen Job zu finden, sie überziehen ihre Visa und so werden sie fast zu Sklaven."

Auch die renommierte New York University expandiert auf Saadiyat Island. Kulturwissenschaftler Andrew Ross gehört zu den Mitiniatiatoren des Boykotts. "Unser Ziel ist es, den Druck auf diese beiden Institutionen aufrechtzuerhalten, bis ein effektives Überwachungssystem in Kraft tritt", sagt Ross, "das gute Arbeitsbedingungen sicherstellt, Berichte veröffentlicht, voll transparent ist. Das gab es noch nie in Abu Dhabi. Das gab es noch nie in dieser Region. Wir leisten Pionierarbeit. Das große Ziel ist es, die Menschenrechtsstandards für die Gastarbeiter in der ganzen Region zu erhöhen, Abu Dhabi als Exempel dafür zu statuieren."

David gegen Goliath
Es ist ein Kampf David gegen Goliath, Künstler gegen eines der mächtigsten Museen der Welt. Hier zieht man sich zurück auf ein formales Antwortschreiben an die Künstler, nachzulesen im Internet: "Das Guggenheim teilt die Ziele zum Schutz der Arbeiter, die Ihre Petition und Human Rights Watch zum Ausdruck bringen", so der Bauherr. "Wir glauben, dass die von uns bereits erzielten Erfolge von Human Rights Watch nicht adäquat dargestellt werden." Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kämpft schon seit Jahren gegen die Ausbeutung am Golf. Ihre Forderungen decken sich mit denen der Künstler.

"Das wichtigste ist Transparenz", so Priyanka Motaparthy von Human Rights Watch. "Sie müssen einen unabhängigen Kontrolleur öffentlich benennen, verbindliche Richtlinien veröffentlichen, einen jährlichen Bericht vorlegen. Das zweite ist die Durchsetzung dieser Richtlinien. Was ist, wenn Arbeiter Anwerbekosten zahlen mussten und theoretisch das Recht haben, diese von ihren Arbeitgebern erstattet zu bekommen, die aber nicht zahlen? An wen können sie sich dann praktisch wenden, um ihr Recht durchzusetzen? Wenn ihnen ihre Pässe abgenommen werden, sie nicht das versprochene Gehalt bekommen? Welche Strafmechanismen gegen organisierte Ausbeutung wird es geben?"

Transparenz gefordert
Das Guggenheim sieht sein Ansehen beschädigt. "Im Augenblick befürchten wir, dass die Aussagen von Human Rights Watch und die Petition der Künstler ein Projekt aufs Spiel setzt, das verspricht, positiven Einfluss auf die Region zu haben", heißt es auf der Homepage des Projekts. So folgten auf den Protest auch prompt Versprechen von Abu Dhabis Entwicklungsbehörde: Arbeiter sollen entschädigt, ein unabhängiger Kontrolleur eingeführt werden. "Wir haben keine Möglichkeiten, diese Aussagen zu überprüfen", sagt Andrew Ross. "Solange sie keine transparenten und öffentlich zugänglichen Beweise haben, gibt es keinen Grund, ihnen zu glauben. Wir verhandeln mit dem Guggenheim seit fast einem Jahr, seit neun Monaten - nicht öffentlich. Wir haben Fortschritte gemacht. Aber nicht schnell genug. Deshalb haben wir uns entschieden, diese Petition zu veröffentlichen."

Politische Kunst ist für das iranisch-palästinensische Künstlerpaar Ayreen Anastas und René Gabri keine Frage. Angst vor Institutionen? Kein Thema. "Wir machen keine leere Geste", sagt Ayreen Anastas. "Wir glauben daran, etwas verändern zu können. Man kann Institutionen nicht als unberührbare, monumentale Gebilde betrachten. Es sind auch Menschen, die dort arbeiten, mit ihnen kann man verhandeln. Und: Was ist das Guggenheim ohne Künstler? Das ist die Frage." Es wäre das, was die Emirate ohne Gastarbeiter wären: leer. 80 Prozent der Bevölkerung hier sind Gastarbeiter. Sie ermöglichen den Petrodollar-Prunk. Scheichs sammeln Prestige-Objekte, westliche Institutionen verdienen auf Kosten ihrer moralischen Standards.

"Einer muss den Preis bezahlen"
"Am Ende muss jemand den Preis zahlen", sagt Human Rights-Aktivistin Priyanka Motaparthy. "Entweder die Entwicklungsbehörde oder der Arbeiter, der 150 Dollar im Monat verdient, der Anwerbegebühren gezahlt hat, der eine Familie unterstützen muss. Einer muss den Preis bezahlen. Wer ist in einer besseren Position? Die Entwicklungsbehörde oder der Arbeiter? Im Augenblick jedenfalls ist es der Arbeiter, der zahlt. " Die Golfstaaten blieben von den Aufständen in der Region verschont. Hier herrscht Reichtum statt Revolution. Doch der Geist der Freiheit liegt in der Luft.

"Die Ereignisse im Mittleren Osten haben den Westen auf die Werte zurückgeworfen, für die er steht: Meinungsfreiheit und Demokratie", so Gabri. "Gerade ist eine gute Zeit, weil wir die Bedeutung dieser Worte wiederentdecken. Und in den nächsten zehn Jahren wird es hoffentlich eine Entwicklung dahingehend geben, dass diese Begriffe ihre Bedeutung wiedererlangen." Eine Welt ohne Ausbeutung ist das nächste Mammutprojekt am Golf.

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Kulturzeit: montags bis freitags,
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