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Kulturzeit heute
27. Mai 2016
Moderatoren
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
Navigationselement
Erst im Alter von 50 Jahren begann die literarische Karriere des gelernten Ingenieurs und promovierten Ökonomen Sansal.
Was kommt dann?
Boualem Sansal zum Krieg in Libyen
Lange hat die internationale Gemeinschaft mit einer Entscheidung zum Krieg in Libyen gezögert. Dann kam Frankreich und setzte sich an die Spitze der Kriegsallianz. Ausgerechnet der Philosoph Bernard-Henri Lévy, kurz BHL, soll bei Sarkozy Überzeugungsarbeit geleistet haben. Ist es ein gerechter Krieg, um ein Massaker am libyschen Volk zu verhindern? "Ich glaube nicht wirklich, dass das der Grund war", sagt der algerische Schriftsteller Boualem Sansal.
Sarkozy habe ein Imageproblem in der arabischen Welt", erklärt Sansal. "Sein Premier und seine Außenministerin haben sich Urlaube von Diktatoren finanzieren lassen, er selbst hat Mubarak und Gaddafi in Paris hofiert. Frankreichs Bild in der arabischen Welt ist katastrophal. Aber Frankreich hat enorme Interessen dort. Was macht also ein Präsident, der seine Glaubwürdigkeit wieder herstellen will? Er sucht sich eine Rechtfertigung. Da hat ihm Bernard-Henri Lévy in die Hände gespielt."

Sansal wirft Europa Doppelmoral vor
Boualem Sansal ist der wohl bekannteste Schriftsteller Algeriens, der noch im Land lebt. In seiner Heimat sind seine Bücher längst verboten, er selbst wird überwacht. Sansal ist eine der kritischsten Stimmen der arabischen Welt. Auch jetzt meldet er sich zu Wort - und wirft Europa Doppelmoral vor. Und noch mehr - sogar Verrat an den eigenen Idealen: "Die europäischen Staaten haben lange die Diktaturen unterstützt", so Sansal - "und tun es immer noch. Dabei haben sie die arabischen Völker völlig ignoriert, verachtet, wie Wilde behandelt, obwohl sie wussten, dass dort Zivilgesellschaften existieren, die sehnsüchtig auf Freiheit und Demokratie warten. Europa hat diese Länder belogen, es hat sich belogen und es hat seine Öffentlichkeit belogen."

Jahrzehntelang hat Europa mehr über Ressourcen als über Menschenrechte nachgedacht. Nordafrika wurde zum vergessenen Kontinent. Heute zahlen die Menschen in Europa und Arabien einen hohen Preis für die westliche Scheinheiligkeit. Sansal fordert jetzt ein radikales Umdenken: weg vom Markt, zurück zur Moral. "Es wäre großartig, wenn die arabische Revolution auch zu einer Revolution in Europa führen würde", so Sansal. "Europa und seine Führer müssen sich eingestehen: Wir haben uns geirrt."

Eine neue "alte" Diktatur?
Keiner weiß, was nach den Revolutionen in der arabischen Welt kommt? Demokratie? Islamismus? Oder gar eine neue "alte" Diktatur? Sansal ist skeptisch: "Natürlich wissen wir, was Diktatur heißt. Alle wissen das. Einige nehmen sich die Macht, verhaften Oppositionelle, töten sie, enteignen sie. Aber was heißt Demokratie? Was passiert, wenn ich den Propheten kritisiere? Werde ich dann enthauptet? Oder wenn jemand sagt: Demokratie und Freiheit, schön und gut, aber bitte keine Rechte für Frauen." Ist der Islam das Demokratie-Hemmnis? Solange die alten traditionellen und religiösen Diskurse dominieren, bestehe wenig Aussicht auf Erfolg, sagt Sansal. Ist ein Wandel möglich? "Ich glaube nicht wirklich daran. Im Moment sind alle sehr euphorisch, aber es ist eine romantische Phase, ein bisschen wie in einem Roman", glaubt Sansal. "Die Gesellschaften sind alles andere als homogen. Die Traditionellen sind weiterhin sehr stark. Ihnen steht die Jugend gegenüber, die eine Demokratie nach kalifornischem Vorbild will. Der Kampf beginnt gerade erst."

In Libyen dauern die Kämpfe an. Wie lange noch? Und was kommt danach? "Es wird viel Hass geben. Die Menschen werden sich gegenseitigen hassen", sagt Sansal. "Die Leute von Bengasi werden die Menschen aus Tripolis hassen, weil sie Gaddafi unterstützt haben. Die Gesellschaft wird im Hass leben. Und diejenigen, die heute von einer Demokratie in Libyen reden, schön und gut, das muss sein. Aber sie verkennen die Realität. Boualem Sanal ist Mahner, Ankläger, Pessimist. Leider, so sagt er, habe sich sein Pessimismus bis heute stets bestätigt - keine guten Aussichten.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
VideoInterview mit Boualem Sansal
geführt von Claudia Altmann (23.08.2008)
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