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Kulturzeit heute
2. Oktober 2014
  • Koloss von Prora
Moderation
PORTRÄT
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© dpa Lupe
"Italien steht nicht zum Verkauf", so die Parole der Jugendbewegung Casa Pound.
Mussolinis Enkel
"Casa Pounds" rechte Jugendzentren in Italien
Inmitten des Migrantenviertels Esquilino in Rom befindet sich einer der symbolträchtigsten Orte des italienischen Neofaschismus: Hier hat sich die "Casa Pound" als Zentrum der Bewegung etabliert. Simone di Stefano ist der Gründer der Organisation, die mit einem Mix aus neofaschistischer Gegenkultur und ideologischer Propaganda in Jugendkulturzentren um sich greift.
"Ein Volk von Dichtern, Künstlern, Helden, Heiligen, von Denkern, Wissenschaftlern, Seefahrern, Weltreisenden": So steht es in römischen Lettern an Mussolinis imposantem sechsstöckigen Weltausstellungs-Palast im Süden Roms, am legendären EUR. Diese Verknüpfung von Kunst und Faschismus hat heute in der Caput Mundi wieder seine jugendlichen Verfechter. Casa Pound heißt das wohl aktivste Jugendzentrum der Neofaschisten in der Nähe des Bahnhofs Termini, ausgerechnet im Migrantenviertel Esquilino. Hier ist Mussolini kein Tabu: "Mussolini ist für uns ein Vater", sagt Simone di Stefano, Mitbegründer von Casa Pound. "Er ist der Vater unserer Heimat Italien, so wie wir sie heute kennen."

In der Grauzone der Legalität
Angefangen hat Casa Pound 2003 mit der Besetzung eines leerstehenden Wohnhauses. Inzwischen leben hier 26 italienische Familien. Casa Pound, das alternative "Centro Sociale" mit dem Symbol der Schildkröte, hat in der Grauzone der Legalität Wohnraum geschaffen. Die Hausbesetzung, das Aufbegehren gegen absurde Mietforderungen in Rom und der Kampf gegen Immobilienspekulation - eigentlich die sozialtypischen Themen der Linken - sind erfolgreich das Terrain von Casa Pound geworden. "Die Schildkröte ist ein Tier, die ihr Haus immer mit sich trägt", sagt Adriano Scianca, Kultursprecher von Casa Pound. "Und da Casa Pound im Kampf um den Wohnraum entstanden ist, war das eine ganz intuitive Entscheidung. Die oktagonale Form mit acht Ecken hatte schon Plutarch im römischen Reich oder Friedrich II. mit seinem Castel del Monte."

Die geschickte Verknüpfung von Kultur und Politik ist das Erfolgsrezept von Casa Pound. In nur zwei Jahren wuchs die Bewegung um mehr als 1000 eingeschriebene Mitglieder in ganz Italien mit mehr als 50 Büros. In einer 24 Stunden-Hotline kümmern sie sich neben Wohnraum um Arbeit, Steuer und Gesundheit. "Blocco Studentesco" heißt ihre Studentenorganisation mit einem straff organisierten Kulturprogramm aus wöchentlichen Podiumsdebatten und Lesungen. "Pound" heißen sie, weil sie sie sich auf den US-Schriftsteller Ezra Pound berufen. Der ging 1920 nach Italien und wurde ein glühender Propagandist Mussolinis. "Wucher ist Sünde", war sein Credo. Und auch hier gibt man sich gern als Saubermänner. "In den von uns besetzten Häusern gibt es klare Regeln", so Simone di Stefano. "Es gibt keine Waffen in unseren Wohnungen, keine Personen, die etwas mit Prostitution zu schaffen haben."

Theater soll die rechte Botschaft verkünden
Ihr eigenes Theater ist das "Teatro Non Conforme", mit engem Bezug zur futuristischen Avantgarde um Filippo Tommaso Marinetti. Die Regisseurin Cristina de Lucia nimmt dafür in Kauf, mit nichtprofessionellen Schauspielern zu proben, denn die ideologische Übereinstimmung ist hier wichtiger. Es herrrschen Ekstase und Energie alla Marinetti. De Lucia sagt, es gehe nicht darum, "Regeln zu akzeptieren und Kompromisse zu machen, nur um berühmt zu werden, und nicht, weil dir das am Herzen liegt und du eine Botschaft vermitteln willst. Denn das Theater ist gemacht, um eine Botschaft zu verkünden. Für uns liegt die in der Aktion, der Schönheit der Aktion. Die Besetzung von Casa Pound ist eine Aktion, die einer starken Sehnsucht entspringt."

Wie sehr Casa Pound inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, erkennt man an dem Buch "Nessun dolore" des Strafverteidigers von Casa Pound, Domenico de Tullio. Sein Werk über alternative Jugendkulturen der Rechten war noch in einem kleinen Verlag erschienen. Doch die Geschichte um einen 18-jährigen Aktivisten von Casa Pound wurde nur wenige Tage nach Erscheinen schon zum dritten Mal aufgelegt. Einer der renommiertesten Verlage Italiens, der Rizzoli Verlag, publizierte es.

Buchhandlungen, Rockband, Kulturzentren
"Rizzoli ist auf Casa Pound zugegangen, weil sie dieses Buch haben wollten", sagt der Autor. "Das Interesse ist vom Verlag ausgegangen. Um das Phänomen Casa Pound kennenzulernen und weil sie positiv davon angetan waren, haben sie sich entschlossen, ein Buch darüber zu machen." Allein zehn Buchhandlungen in Rom, ein Shop mit Devotionalien, eine in Italien unter Jugendlichen populäre Rockband und eine tägliche Radiosendung: Das alles zeigt, wie professionell sich dieses "alternative" Kulturzentrum der Rechten in Italien ausbreitet.

"Seit einigen Jahren hat der Faschismus sein ganz eigenes Innenleben", sagt Simone di Stefano. "Früher gab es innerhalb der Parteien unterschiedliche politische Strömungen, die sich auch in nationalen Bewegungen wiederfanden. Heute haben diese politischen Ausrichtungen aufgehört, innerhalb der traditionellen Parteien zu existieren. Heute befinden sich diese Strömungen alle innerhalb von Casa Pound und haben eine viel radikalere Vision als irgendeine klassische Bewegung oder eine Partei von rechts." In Rom, wo der Mussolini-Balkon am Palazzo Venezia demnächst wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll, ist eine explizit revisionistische Erinnerungspolitik schließlich auch kein Tabu mehr.

Sendedaten
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