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© dpa Lupe
"Es ist eine Form der Homogenisierung der Gesellschaft", so Saschenbrecker.
Zwangseinweisung
Deutschland im Homogenisierungswahn
Jedes Jahr werden in Deutschland rund 200.000 Menschen in die Psychiatrie eingewiesen - doppelt so viele wie noch vor 15 Jahren. Manche Zwangseinweisung scheint übereilt zu sein. Wissenschaftler schätzen, dass sich jede zehnte Einweisung ohne Rechtsgrundlage vollzieht.
Es betrifft Menschen aller Schichten und aller Bildungsgruppen. Besonders häufig sind es ältere Menschen, wie zum Beispiel die Berlinerin Gisela Z.. Mehrfach wurde sie gegen ihren Willen eingewiesen. "Das ist furchtbar", sagt sie. "In irgendeiner Haltung wird man angeschnallt und muss dann verharren oder schlafen." Gisela Z. wurden Klopfen und Lärmen in ihren eigenen vier Wänden vorgeworfen, dazu mangelnde Wohnungspflege. Es gab Beschwerden von der Nachbarschaft. Keine Frage: Sie hätte fremde Hilfe gut gebrauchen können. Ihr Betreuer entschied sich aber für eine Zwangseinweisung - angeblich zum Wohl der Betroffenen - für die Rentnerin eine Qual.

Menschen, die keiner Norm entsprechen
"Ich habe mich nur in mich zusammen gekrochen und gehofft, dass es Hilfe gibt", berichtet sie. "Ich habe nachts nicht schlafen können von den Medikamenten. Ich konnte nicht mehr reden." Gisela Z. wehrte sich gegen die Bevormundung. Zu den Anwälten, die sie dabei unterstützten, gehörte Thomas Saschenbrecker: Der Experte für Psychiatrie-Recht warnt, dass immer mehr Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, in Psychiatrien zwangsabgeschoben werden. "Es ist eine Form der Homogenisierung der Gesellschaft", sagt er. "Hier wird alles, was unbequem, was auffällig ist, 'weggeschafft'. Nicht in der krassen Form, aber leider viel zu oft gegen die Interessen der Individualität."

Wie schnell es zu Zwangseinweisungen kommen kann, bestätigt eine frühere Krankenschwester einer Psychiatrie, die nicht genannt werden möchte. Altenheime würden Menschen einliefern lassen. Gründe gäbe es viele: steigender Kostendruck, Überlastung oder schlicht Bequemlichkeit. "Weihnachten fährt nur eine halbe Schicht", berichtet sie. "Und wenn viel Arbeit ist, werden die Leute verteilt." Auch in geschlossene psychiatrische Abteilungen?, fragen wir nach. "Dann wird der Hausarzt angerufen: 'Er hat geschlagen'. Und bei uns stellt sich meistens heraus, es ist alles vollkommen harmlos."

Menschenwürde wird entzogen
Laut Gesetz muss der Betroffene entweder sich selbst oder andere gefährden, bevor ihn ein Arzt oder Betreuer einweisen lassen kann. Es gilt der Aspekt der Fürsorge. Doch immer häufiger würden die Grundrechte Betroffener gebrochen, warnt der inzwischen emeritierte Politikwissenschaftler Wolf Dieter Narr, Mitbegründern des Komitees für Grundrechte und Demokratie. "Das ist unerhört, wenn man bedenkt das Satz eins des ersten Artikel des Grundgesetzes heißt: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'. Das heißt, mindestens 200.000 Bürgerinnen und Bürgern wird jedes Jahr ihr zentrales Grundrecht, die Würde, entzogen."

Das St. Joseph Krankenhaus in Berlin-Weißensee ist eine der Kliniken, in denen Gisela Z. untergebracht war. Es ist ein christliches Vorzeigehaus: offen, demokratisch und modern. Die Zwangseinweisung von Gisela Z. sei Ausdruck von Humanität, erklärt die Leiterin, Chefärztin Iris Hauth. "Das ist auch eine ethische Frage", sagt sie. "Wenn Menschen in eine Psychose, eine schwere psychische Störung geraten, lässt man sie dort, weil sie selbst keine Krankheitseinsicht haben. Man lässt sie in ihrem Leiden oder greift an dieser Stelle eine Fürsorgepflicht und holt sie aus ihren Leiden heraus."

Im Zweifel gegen die Freiheitsrechte
Das Amtsgericht hat die Betreuung für Gisela Z. wieder aufgehoben. Sie sei in der Lage, ihren Willen frei zu bestimmen. Wie weit kann ein psychisch kranker Mensch für sich Verantwortung übernehmen? Der Gratz zwischen Fürsorge und Freiheitsberaubung ist manchmal schmal. Eine Zwangseinweisung sollte immer die Ausnahme bleiben. Immer häufiger wird im Zweifel gegen die Freiheitsrechte der Betroffenen entschieden und für den störungsfreien Ablauf der Gemeinschaft. Das beobachtet auch der Bremer Rechtswissenschaftler und Strafverteidiger Hellmuth Pollähne. "Der Druck auf Bekannte und Verwandte nimmt zu", sagt er. Das Motto sei: "Schafft uns doch diesen Störfaktor vom Hals. Dafür gibt es Profis, dafür gibt es Einrichtungen und Verfahren, die das Problem entsorgen."

"Betreuungsrecht ist inzwischen regelrecht zum Großunternehmen geworden", sagt Rechtsanwalt Thomas Saschenbrecker, "wo man jedes Jahr immer mehr Menschen unter Betreuung stellt und die Leute wegsperrt, weil es bequemer ist." Es gibt wenig Platz für Sonderlinge. Die Normierung des Lebens findet längst statt. Mithilfe der Wissenschaft sucht man Antworten auf die Frage: Was ist normal, was unnormal? Doch wo die Wissenschaft Klarheit verschaffen soll, bleibt wenig Platz für Grautöne. Was nicht passt, wird weggesperrt. "Das Gefährliche ist die Bereitschaft", so Pollähne, "bei noch mehr Menschen noch früher sagen zu können und auch juristisch zu entscheiden und durchzusetzen: Vor dir muss die Gesellschaft geschützt werden. Die Bereitschaft zur Chemie oder zum Wegsperren wächst mit dem vermeintlichen Glauben und der vermeintlichen Gewissheit, man könne naturwissenschaftlich belegen, wer gefährlich und wer krank ist."

Die Zahl der Zwangseinweisungen steigt rapide, und auch die Zahl der Betreuungen hat sich in den letzten 20 Jahren knapp verdreifacht. Doch was der Gesellschaft das Gefühl der Sicherheit verschaffen soll, wird zum Rückschlag für die Freiheitsrechte hunderttausender Bürger - wie Gisela Z..

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