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Video-Porträt
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© AP Lupe
Überwachungskameras gibt es heute schon an vielen Orten.
Big Brother 2.0
Das EU-Überwachungsprogramm "Indect"
Bald schon könnte jeder im Internet Ziel einer Überwachung werden. "Indect" heißt der Albtraum vom Polizeistaat. Die EU forscht an Programmen, die "abnormales Verhalten" erkennen. Indect soll auf aggressive Stimmen und gewalttätige Mimik in Videos und Bildern reagieren. Wer im Netz auffällt, soll durch die Verknüpfung mit Überwachungskameras, Handy-Ortung und unbemannten, vernetzten Flugzeugen auch im öffentlichen Raum flächendeckend ausspioniert werden können.
Wir werden beobachtet - permanent und überall. In Zeiten der Terrorbedrohung wird unser Bedürfnis nach Sicherheit immer größer. Videoüberwachung gehört schon seit Jahren dazu, sie ist Teil unseres Alltags. "Die Tatsache, dass wir daran gewöhnt sind, jede mögliche Situation auch selber zu fotografieren, diese Bilder ins Netz zustellen, trägt dazu bei, es als normal anzusehen, dass Bilder von uns an jedem Ort der Welt und der Stadt und zuhause genommen werden können", sagt der Kulturwissenschaftler Dietmar Kammerer.

Flut der Bilder bewältigen
© ap Lupe
Monitore mit Überwachungskamera-Bildern
Überwachungskameras sollen abschrecken und Gewalt verhindern, bevor sie geschieht. Doch die Flut der Bilder kann niemand mehr bewältigen. "Wenn ich auf eine Wand mit Videobildern gucke, ist es für mich sehr schwierig, tatsächlich etwas zu entdecken", so Dietmar Kammerer. "Die Idee ist, dass durch Verknüpfung von Audio- und Videobild-Informationen ungewöhnliche Verhalten detektiert werden können." Dafür soll jetzt das EU-Projekt Indect sorgen. In Deutschland forscht die Firma Innotec Data an diesem neuen Computerprogramm. Es soll auf Videobildern automatisch verdächtiges Verhalten erkennen und melden. Die Maschine übernimmt, wozu der Mensch nicht mehr in der Lage ist. Automatisch filtert sie potenziell gefährliche Situationen heraus, so das Ziel.

Aber wann ist Verhalten verdächtig oder gefährlich? Wie will man kriminelles Verhalten aufspüren und kategorisieren. Eine schwierige Aufgabe - denn die Grenzen zwischen kriminellem und harmlosem Verhalten sind fließend: Ist beispielsweise jemand, der sein Gepäck stehen lässt, ein potentieller Terrorist? Was macht Verhalten auffällig und wer darf das beurteilen? "Man hat schon vor 200 Jahren geglaubt, man würde den geborenen Verbrecher erkennen, an seinem Gesicht oder auch an seinem Gang, an seiner Art", so Kammerer. "Wenn es denn technisch möglich wäre, was ich nicht glaube. Ich fände es absurd, die Idee zu haben oder daran zu glauben, dass man Verbrecher an ihrem Verhalten vorher erkennen könnte."

Präventive Kriminalbekämpfung nimmt zu
Denn wie unterscheiden sich Hooligan, Terrorist, Pädophiler und Normalo? Schnell gerät jeder unter Generalverdacht. "Die Gefahr sehe ich im Überhandnehmen einer präventiven Kriminalbekämpfung", so Kammerer, "und im Überhandnahmen der Technologisierung. Prävention ist eine gute Idee, zu sagen, wir verhindern Kriminalität, bevor sie entsteht. In dem Fall jedoch heißt Prävention: Alles ist verdächtig und wir schauen uns alles an, was Menschen tun, was Menschen sagen, was Menschen sich über das Internet schicken. Und wir schauen uns alles darauf hin an, ob dahinter nicht eine terroristische Absicht stecken könnte."

Indect wird auch Internetforen systematisch durchsuchen. Wer hier auffällt, kann jederzeit und überall gefunden werden. Denn Überwachungsinstrumente wie Videokameras, Mikrosender und Handy-Ortung sollen vernetzt und mit Datenbanken verbunden werden. "Die Beschreibung des Projekts Indect versammelt schon ein regelrechtes Horrorszenario von Überwachungsmöglichkeiten, die getestet oder ausprobiert werden sollen" sagt der Datenschutzbeauftragte von Berlin, Alexander Dix. "Aus meiner Kenntnis ist kein Datenschutzbeauftragter miteinbezogen worden." Fast elf Millionen Euro lässt sich die EU ihr ambitioniertes Forschungsprojekt kosten.

Problem Datenspeicherung
Ob Indect in Deutschland eingeführt werden kann, ist noch unklar. Es gibt rechtliche Bedenken. "Es muss klar sein, welchem Zweck so eine Technik dient", so Dix. "Es darf keine systematische heimliche Beobachtung der Bewegung von Passagieren, von Menschen im öffentlichen Raum stattfinden. Ein Forschungsprojekt, das in eine andere Richtung geht, droht Geld zu verschwenden, wenn die Ergebnisse hinterher nicht rechtskonform angewendet werden können." Ebenso problematisch ist das Thema Datenspeicherung. "Ziel ist es, Daten aus verschiedenen Quellen intelligent zu verknüpfen", sagt Nils Johanning von Innotec Data. "Aber um diese intelligent zu verknüpfen, ist keine Speicherung in dem Sinne notwendig. Wenn es relevante Sachen sind, dann können sie, bis eine Bewertung stattgefunden hat, zwischengespeichert werden."

Also doch "Speicherung". Und wer überwacht die Überwacher? Wer zahlt wofür? "Was das Seltsame an diesem Programm ist", so der Politikwissenschaftler Eric Töpfer, "ist, dass Dinge, bei denen man meinen müsste, dass sie Aufgabe von Verteidigungs- und Innenministerium sind, plötzlich ausgelagert werden in einen Forschungshaushalt. Wenn man so will, wird Innenpolitik oder Sicherheitspolitik aus dem allgemeinen Forschungshaushalt subventioniert. Das Interesse der Bundesregierung dabei ist, dass es um Industrieförderung geht, weil man auch sieht: Das ist ein neuer Markt, der am entstehen ist." So forscht Innotec Data auch an unbemannten Flugobjekten, an Drohnen. Was bisher nur in Kriegsgebieten zum Einsatz kommt, ist bald vielleicht schon Überwachungsinstrument für Staatsschutz und Polizei.

Militär-Technik übertragen
"Das, was man bei Indect, aber auch bei anderen Programmen beobachten kann, ist, dass letzlich Militärtechnologie in den zivilen Bereich übersetzt wird", erklärt Töpfer. "Bei Indect ist es der Einsatz von unbemannten Flugobjekten, die ursprünglich für den militärischen Bereich entwickelt worden sind und jetzt verfeinert und vielleicht modifiziert im zivilen Bereich eingesetzt werden." Ob militärisch oder zivil - wie unsicher die vermeintliche Sicherheit ist, demonstrieren Berliner Aktionisten des "Seminars für angewandte Unsicherheit". Sie zeigen, wie viele Kameras schon im öffentlichen Raum installiert sind und wie leicht jeder auf diese Bilder zugreifen kann. Schon mit einem simplen Empfänger, zum Beispiel einem Babyfon, können die Signale der Kameras angezapft werden. Wer und wie viele sehen also mit, wenn wir überwacht werden? "1984" ist schon fast Realität. Indect würde ganz Europa zum flächendeckenden Überwachungsstaat machen - ein Albtraum, der Orwell bei weitem übertrifft.

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Reihe
© dpaKleine Phishe
Eine "Kulturzeit"-Reihe zum Thema Überwachung
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