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© dpa Lupe
Das Franziskaner-Kloster in Schönbrunn bei Dachau hat eine dunkle Vergangenheit.
Das Leiden der Kloster-Kinder
Die dunkle Geschichte von Schönbrunn
Jahrzehntelang waren die Akten der ermordeten Kinder von Schönbrunn bei Dachau weggeschlossen. Sie waren behindert oder psychisch krank und lebten in einem katholischen Heim - bis dessen Leiter, Prälat Josef Steininger, sie in den Tod schickte.
"Nach dem Krieg wurde Steininger als Widerstandskämpfer geehrt", sagt der Journalist Markus Krischer. "Alles hing davon ab, dass er bereits in den 1950er Jahren eine Chronik verfasste über die Vorkommnisse in Schönbrunn in der Zeit des Dritten Reiches. Darin heißt es über Steininger: 'Wenn ich jetzt nach Ende der schrecklichen Zeit zurück denke, so empfinde ich es als ein wunderbare Sache, dass das Kloster und die Anstalt Schönbrunn so gut durch alle Gefahren hindurch gerettet wurde. Ich bin überzeugt, dass der liebe Herrgott auf die Fürsprache der Gottesmutter und des heiligen Josef hin und auf das ununterbrochene Beten der Schönbrunner Schwestern und Pfleglinge so wunderbar geholfen hat. Pfleglinge hat es in Schönbrunn nach 1945 eben nicht mehr gegeben. Die waren alle fort.'"

In Schönbrunn bei Dachau lebten zu Kriegsbeginn rund 900 behinderte Menschen zusammen mit den Franziskanerinnen des angeschlossenen Klosters. Dass Anstaltsdirektor Josef Steininger mit den Nazis kollaborierte, wollte hier über ein halbes Jahrhundert niemand wahr haben. "Das ist schwer zu realisieren und akzeptieren, weil wir keine andere Geschichte kannten", sagt Schwester Benigna Sirl, Generaloberin des Klosters Schönbrunn. "Es herrscht im Moment auch bei den Schwestern ein Stück weit Enttäuschung. Sie sind traurig, und fragen sich: Warum ist es so? Ist es überhaupt so?" Noch immer hat man Zweifel. Doch Historiker haben Beweise, dass Prälat Steininger schon 1940 Kontakt zu Münchner Behörden suchte. Er hatte seine Anstalt heruntergewirtschaftet, suchte nach frischem Geld, wollte der Stadt Häuser vermieten. Doch darin lebten noch die Behinderten.

1944 ging der letzte Transport
"Die Absprache war ganz klar", erklärt die Historikerin Annemone Christians: "Für vier Häuser in Schönbrunn wurde die Absprache getroffen, dass für die dort vorhandenen Patienten Räume frei gemacht wurden, damit dann im Laufe des Frühjahrs 1941 die ersten Bewohner von Münchner Altersheimen nach Dachau, sprich Schönbrunn, verlegt werden konnten." Nach und nach ließ der Kirchenmann räumen. Am 2. Juni 1944 ging der letzte Transport. 47 Kinder mussten Schönbrunn verlassen. Den Schwestern sagte ihr Direktor, es ginge nicht anders. "Sie haben sie begleitet mit diesen grauen Bussen und mussten sie dort abgeben", berichtet Schwester Benigna. "Da haben sich schlimme Szenen abgespielt. Sie haben sich zum Teil festgehalten an den Schwestern, wollten wieder mitfahren."

Anfang der 1990er entdeckte Markus Krischer die Akte von Edith Hecht, einem kleinen behinderten Mädchen aus Schönbrunn. 15 Jahre mauerten die Nonnen und ließen ihn nicht in die Archive. In der Psychiatrischen Klinik München-Haar wurde Edith 1944 ermordet. Sie kam mit dem letzten Kindertransport aus Schönbrunn. "Die Behandlung zum Tod, das war die einzige Behandlung, die hier in der Fachabteilung möglich und erlaubt war", so Krischer. "Die Kinder bekamen über Tage große Dosen von Beruhigungsmitteln, Luminal oder Veronal, ins Essen gemischt. Die Kinder wurden nicht mehr wach, atmeten über Tage flach und dann so flach, dass sie zwingend an einer Lungenentzündung erkrankten und starben."

Anstaltsarzt schickte Kinder in den Tod
Edith Hecht wurde 13 Jahre alt. So wie sie wurden hunderte Bewohner aus Schönbrunn ermordet. Dort ging der Alltag weiter. Statt Behinderter pflegten die Schwestern nun TBC-Kranke und Alte aus München. Den braunen Machthabern galt die Anstalt als Paradebeispiel gelungener Zusammenarbeit. Markus Krischer fand zudem Überweisungen des Anstaltsarztes Hans-Joachim Sewering. Der SS-Mann schickte Kinder in den Tod, weil sie - so schrieb er - die TBC-Kranken störten. Nach dem Krieg machte er Karriere, wurde Präsident der Bundesärztekammer. Und wusste angeblich von nichts. "Über die Vorgänge in Haar war nichts bekannt", sagte Sewering 1978. "Wir kennen es erst aus der Nachkriegszeit aus den Prozessen. Das sind grausame und entsetzliche Dinge gewesen, aber von Seiten der Anstalt, in der ich aushilfsweise mitgearbeitet habe, war nicht bekannt, ob im Einzelfall so etwas geschieht oder nicht."

Das ist eine Lüge. Historikerin Tanja Kipfelsberger war die Erste, die endlich das Schönbrunner Archiv sichten und die Biographien der Opfer erforschen durfte. Johann beispielsweise litt unter den Spätfolgen einer Gehirnhautentzündung. "Wenn ihn andere auslachten, dann sagte er: Ihr braucht mich nicht auslachen, wenn ich nervenkrank bin", berichtet Kipfelsberger. "'Das vergeht schon', sagt er dann. 'Ich darf nur die Hoffnung nicht aufgeben.' Das ist auch sehr eindrucksvoll, wie ein Kind seine Gefühle ausdrückt und wie er sich auch selbst Mut macht." Auch der 15-jährige Johann überlebte nicht. Die erwachsenen Behinderten wurden von den Münchner Ärzten nicht vergiftet. Sie ließen sie verhungern. In nur wenigen Monaten verloren die Behinderten im Hungerhaus über die Hälfte ihres Gewichts. Steininger, der geistliche Direktor Schönbrunns, muss es gewusst haben. 1961 starb er. Im Kloster wird er immer noch verehrt.

"Ich möchte mit ihm einen Weg zur Versöhnung gehen", sagt Schwester Benigna, "und möchte ihn fragen und ihm sagen, was mich schmerzt. Ich möchte ihn aber auch als gesamte Person wahrnehmen - nicht nur mit dieser einen dunklen Seite, sondern auch die Person, die er war und auch Respekt verdient. Er ist jetzt der Wehrlose, er kann sich nicht verteidigen." Die Behinderten wurden ermordet, Täter und Mitwisser leben nun auch nicht mehr. Mehr als 60 Jahre brauchte es, bis die Geschichte Schönbrunns endlich erzählt werden konnte. Viel zu spät für all die Eltern, die nach dem Krieg wissen wollten, was mit ihren Kindern wirklich geschah.

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Kulturzeit: montags bis freitags,
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