Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Juli 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
27
28
29
30
01
02
03
04050607080910111213141516
17
1819202122
23
24
2526272829
30
31
Mediathek
SENDUNG vom 22.07.2016
Sendung verpasst?

Navigationselement
Navigationselement
Lupe
Herero-Schädel in der Freiburger Uni sollen jetzt würdevoll bestattet werden.
Koloniales Erbe
Streit um Herero-Schädel in Deutschland
Ein Rückgabestreit beschäftigt derzeit diverse Universitäten und Museen: Noch immer liegen dort menschliche Schädel, die als Beutestücke aus dem Herero-Aufstand in Namibia nach Deutschland gebracht wurden. Nachfahren der Herero fordern sie jetzt zurück, um sie würdevoll bestatten zu können.
Menschliche Knochen, Schädel, Schrumpfköpfe, Mumien - was in europäischen Museen zu sehen ist, könnte einem Gruselkabinett alle Ehre machen. Doch die Exponate sind echt, etwa im Historischen und im Völkerkundemuseum St. Gallen in der Schweiz. Wo Schrumpfköpfe ausgestellt werden, kommen die Menschen in Massen. Diese Köpfe hackten kriegerische Stämme im Amazonasgebiet ihren Feinden ab. Die Sammlungen wandern um die Welt. In St. Gallen löste die Schau eine heftige Debatte aus, ob man menschliche Körperteile ausstellen darf, die grausame Zeugnisse von Kriegsverbrechen und Völkermord sind.

Schrumpfköpfe als Spielzeug
Lupe
Schrumpfköpfe im Museum in St. Gallen
Der Direktor des Museums in St. Gallen hat kürzlich unverhofft noch einige zusätzliche Exponate erhalten. "Wir haben letztes Jahr, als die Diskussion auf ihrem Höhepunkt war, Schrumpfköpfe von allen möglichen Leuten zugesandt bekommen, die sich von diesen Stücken trennen wollten", so Daniel Studer. "Darunter waren Fälschungen, aber auch einige echte Stücke. Unter anderem kam einer mit ganz kurzen Haaren." Dieser sei in der betreffenden Familie den Kindern zum Spielen gegeben worden. "Die behandelten ihn wie eine Puppe und haben ihm auch die Haare geschnitten, das heißt, sie haben Friseur gespielt." "Das geht so nicht mehr", sagte sich die Familie. "Man möchte ihn doch einem Museum überlassen."

Im St. Gallener Museum hat man sich ganz bewusst dafür entschieden, die Schrumpfköpfe auszustellen - eingebunden in ihren Kontext, um so die Gesamtheit des Lebens im Amazonasgebiet aufzuzeichnen. Doch müssten die Gebeine nicht eigentlich in ihrer Heimat die letzte Ruhestätte finden?Dieser Meinung sind jedenfalls die betroffenen Ethnien, von denen sich jetzt mehr und mehr zu Wort melden und die Rückführung der Überreste ihrer Ahnen verlangen. Im Überseemuseum in Bremen wird deshalb im Auftrag des Deutschen Museumsbundes von der Leiterin des Museums, Wiebke Ahrndt, eine Arbeitsgruppe zusammengestellt. Sie soll einen Leitfaden zum Umgang, aber auch zur Rückgabe von menschlichen Überresten erarbeiten.

Zurückgeben ja - aber wem?
Lupe
"Wenn wir mit dem Thema menschliche Gebeine in Museen konfrontiert werden", so Ahrndt, "dann ist die erste emotionale Reaktion auch bei uns: Geben wir doch alles zurück. Das ist menschlich. Aber wir müssen immer gucken: Wer sitzt uns gegenüber, wer will etwas von uns? Wir müssen Einzelfälle prüfen, denn wir sind treuhänderisch tätig. Alles zurückzugeben, funktioniert nicht. Nehmen wir das Beispiel von den berühmten Schrumpfköpfen: Sie kommen von den Shuah aus dem tieferen Südamerika. Die Shuah haben Trophäen-Köpfe ihrer Feinde angefertigt. Wem sollen wir denn diese Köpfe zurückgeben, wenn wir alles zurückgeben sollten? Das ist eine schwierige Frage, die sich leider nicht so leicht beantworten lässt."

Juristisch leichter einordnen lässt sich dagegen die Forderung der Herero und Nama aus Namibia. Sie verlangen von Deutschland Schädel zurück, die unter anderem in Universitätssammlungen in Freiburg und Berlin lagern. Diese Schädel stammen aus der Zeit um 1900, als die Deutschen nach der Kolonialisierung Südwest-Afrikas in einem beispiellosen Genozid viele Angehörigen der dort lebenden Herero und Nama töteten. Esther Muinjangue, die Vorsitzende des Herero-Genozid-Komitees, fordert die Schädel zurück. "In diesem Genozid zwischen 1900 und 1908 wurden unsere Vorfahren getötet und ihre Schädel nach Deutschland gebracht", sagt sie. "Wir wollen die Schädel jetzt nach Hause holen, denn sie gehören nicht hierher. In Namibia werden wir sie nach den vorgeschriebenen Ritualen behandeln. Wir wollen die Schädel behalten, damit die Seelen unsere Vorväter und -mütter in Frieden ruhen können.“

Aufarbeitung der Kolonialzeit
Lupe
Heiko Wegmann: Aufarbeitung muss stärker in den Mittelpunkt.
Der Freiburger Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann setzt sich dafür ein, die Aufarbeitung dieses kolonialen Erbes stärker in den Mittelpunkt zu rücken: "Die Schädelsammlungen sind angelegt worden, um unter anderem die Höherwertigkeit der weißen Rasse gegenüber Menschen anderer Länder und Herkünfte zu beweisen", erklärt Wegmann. "Diese Ideen haben sich sehr lange gehalten, und so wurden in Deutschland während der Kolonialzeit auftragsgemäß Schädel und menschliche Weichteile besorgt, die jetzt in den Archiven liegen. Heute wird so etwas eher als Kulturerbe betrachtet, denn problematisiert. Man will auch die Kosten sparen, die dadurch entstehen, auf die Opfergruppen zuzugehen und die Sachen zurückzugeben."

Der Forderung der Herero und Nama soll jetzt endlich nachgekommen werden. Doch sind noch längst nicht alle Schädel identifiziert. Daran arbeitet zur Zeit ein Forscherteam an der Berliner Charité. Der Leiter des dortigen medizinhistorischen Museums warnt vor voreiligen Schritten. "Unser Bestreben ist es, dass wir zu 100 Prozent nur Schädel zurückgeben, die zu den ethnischen Gruppen Herero und Nama gehören, deshalb auch unsere intensive Recherche", so Thomas Schnalke. "Sollten wir berechtigterweise unsicher sein, dann müssten wir das zumindest sagen und weiter recherchieren und nicht pro forma aufgrund irgendwelcher Sachzwänge Schädel zurückgeben. Das wäre fatal, weil wir Gefahr laufen, sehr zu Recht kritisiert zu werden, dass wir uns eines Auftrages entledigen."

Die Erarbeitung von Rückgabe-Richtlinien und die Identifizierung der Schädel in deutschen Sammlungen kann nur der erste Schritt in die richtige Richtung sein. Der zweite wäre, aus Respekt und Pietät alle menschlichen Überreste, egal, wo sie sind, zu registrieren und ohne Aufforderung zurückzugeben.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uh
Info
Im Januar 1904 erhob sich das Volk der Herero gegen die Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Südwestafrika. Seit Beginn der deutschen Herrschaft im Jahr 1884 war die einheimische Bevölkerung im heutigen Namibia zunehmend verarmt. Die deutschen Siedler hatten sich immer größere Länderein angeeignet und entzogen so den Herero, einem Volk von Viehzüchtern, die Lebensgrundlage.

Mit der Schlacht am Waterberg am 11. August 1904 artete die Niederschlagung des Aufstandes in einen Vernichtungsfeldzug aus. In dem Krieg, der bis 1908 andauerte, kamen 65.000 der 80.000 Herero ums Leben. Außerdem starben 10.000 der 20.000 Nama, die sich nach der Schlacht am Waterberg dem Aufstand angeschlossen hatten. Historiker sprechen vom ersten von Deutschen begangenen Völkermord.
mehr zum Thema