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© mev Lupe
Ein Tabu: Frauen schlagen Männer.
Wenn Frauen schlagen
Tabuthema Männer als Opfer häuslicher Gewalt
Ist Gewalt in der Partnerschaft wirklich eine reine Männerdomäne? Eine aktuelle Erhebung des baden-württembergischen Innenministeriums hat ergeben, dass immer mehr Frauen gegen ihre Partner handgreiflich werden. Es ist ein Tabuthema, mit dem sich die Politik schwer tut.
Von allen Tabus in unserer Gesellschaft ist die Gewalt, die von Frauen gegen Männer in Partnerschaften ausgeübt wird, wahrscheinlich das größte. Nichts ist in unseren Köpfen so fest verankert, wie der Blick auf den Mann als alleinigem Täter und der Frau als exklusivem Opfer. Das öffentliche Bild der Frau gleicht mehr und mehr dem einer coolen Königin, die, befreit von Fremdbestimmung, ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Das Ende von traditioneller Gängelung, festgeschriebenen Rollenmustern und ökomischer Abhängigkeit hat die Frauen zwar befreit, aber etwas übersehen, was im Zuge dessen ans Tageslicht kam: Frauen unterscheiden sich in ihrem Agressionspotential nur wenig von Männern.

Gleichverteilung der Gewalt
Internationale Studien belegen, dass Frauen bei häuslicher Gewalt das gleiche Niveau erreicht haben, wie man es zuvor Männern zugeshrieben hat. Auch wenn die Frauen selbst oder die Gesellschaft dies nicht wahrhaben wollen. Feministische Empörung ist in diesem Zusammenhang angebracht - fragt sich nur, in welche Richtung. Gibt man bei Google "Gewalt von Frauen" ein, ist die erste Auskunft "Gewalt gegen Frauen", versehen mit der Bemerkung, dass dies immer noch ein besonders großes Tabu sei.

"Die aktuellen Zahlen zeigen, dass es bei Gewalthandlungen in Partnerschaften zu einer Gleichverteilung der Gewalt kommt, und Frauen wie Männer in gleichem Maße Gewalt gegenüber ihren Partnern einsetzen", erklärt der Soziologe Bastian Schwithal. "Das lässt sich zum einen in den schwächeren Formen der Gewalt feststellen, aber interessanterweise auch bei den ausgeprägten, schweren Formen der Gewalt. Dieses Thema wird von vielen Institutionen und Forschern immer noch sehr einseitig behandelt: nämlich die Gewalt des Mannes gegenüber der Frau."

Männliche Opfer suchen selten Hilfe
Gewalt gegen Männer wie gegen Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung und nach unseren Wertmaßstäben kriminell. Doch worin unterscheidet sich das männliche vom weiblichen Bewusstsein, Opfer zu sein? "Der erste Aspekt ist darin zu suchen, dass männliche Opfer wesentlich seltener staatliche Hilfsinstitutionen aufsuchen und auch wesentlich seltener von ihren Gewalterfahrungen berichten", so Schwithal. "Das hängt mit ihrem Rollenverständnis zusammen." Die männliche Rolle sehe keine Opfer-Erfahrung vor. "Es gibt einzig die Täterperspektive, die dem Mann zugeschrieben wird. Und der zweite Aspekt ist, dass die Zahlen, die die Diskussionen um Gewalt in Partnerschaften prägen, vorwiegend Zahlen aus dem 'Hellfeld' sind, das heißt, Zahlen die den staatlichen Institutionen, wie der Polizei, klinischen Institutionen bekannt werden." Die Dunkelziffer, so schätzt man, ist mindestens ebenso hoch.

Auch zur weiblichen Gewalt gehören verbale und emotionale Übergriffe, und eine nicht zu unterschätzende, zügellose Verachtung. "Es fing mit verbalen Beleidigungen und Tritten an und endete dann im Krankenhaus, aber wir Männer gehen ja nicht zur Polizei deswegen", sagt ein Betroffener. "Ich kann bestätigen, dass das Verhältnis von Gewalt zwischen Männern und Frauen ausgewogen ist", sagt der Familientherapeut Peter Thiel vom Männerhaus Berlin, "möglicherweise mit einem leichten Überhang bei leichter physischer Gewalt bei Frauen als Täterinnen. Das ist die Erfahrung aus der Paarberatung."

Falsch verstandene Emanzipation
Das Gewaltpotential von Frauen einfach zu negieren, wirft ein denkbar schlechtes Licht auf das, was Emanzipation bedeutet: Respekt vor der Menschenwürde und ganz sicher nicht das Kopieren derer, die man einst bekämpft hat. "Hier rufen in der Regel Männer an", sagt Thiel, "bei denen massive psychische Gewalt passiert - aber auch körperliche Gewalt auf einer leichten Verletzungsebene, in Form von Wurfgeschossen, die einen irgendwo am Bein treffen, oder auch der berühmte Schlag mit dem Nudelholz, den es tatsächlich gibt."

Eine postfeministische Errungenschaft, scheint darin zu bestehen, sich männlichem Verhalten anzupassen, und trotzdem anders wahrgenommen zu werden. "Weibliche Gewalt wird als weniger schwerwiegend wahrgenommen, als weniger schädlich", sagt Soziologe Bastian Schwithal. "Während männliche Gewalt immer mit schwerer Gewalt assoziiert wird und auch mit der Begrifflichkeit 'ausschließlich'. Wenn von häuslicher Gewalt gesprochen wird, dann allgemeinhin immer von der männlichen Gewalt gegenüber der Frau." Manche Drohungen werden von Frauen als Scherz verstanden. Und es gibt zu Recht Aufstände, wenn sich Männer ähnliches einfallen lassen. Die emotionalen Verletzungen, in denen Männer zu kastrierten Wichten gemacht werden, sind Legion. Diese Übergriffe finden sich in allen Schichten der Bevölkerung und spielen sich hinter jeder noch so schönen Fassade ab.

25 Prozent der gemeldeten Opfer sind Männer
Allein in Berlin weist die Statistik erschreckende Ergebnisse nach. "Die aktuelle Kriminal-Statistik des Landes Berlin weist für das Jahr 2009 alleine 16.000 Fälle häuslicher Gewalt aus", so Schwithal. "Davon sind 25 Prozent Fälle, in denen Männer Opfer weiblicher Gewalt geworden sind." Das waren mehr als 4000 Männer - allein in Berlin. Die Zahl stammt ausschließlich aus Anzeigen, also der "Hellfeld-Studie". Die restlichen 25 Prozent der Opfer sind durch statistische Befragungen, die "Dunkelfeldstudien" bekannt. Diese Männer finden allerdings so gut wie nirgendwo Hilfe, die dem Selbstbild der Männer, kein Opfer sein zu dürfen, Rechnung trägt. Die Bundesregierung kennt zwar die Ergebnisse der internationalen Studien, hat sich aber bis heute nicht dazu durchringen können, darauf zu reagieren.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Bastian Schwithal
"Weibliche Gewalt in Partnerschaften: Eine synontologische Untersuchung"
Books on Demand 2005
ISBN-13: 978-3833431562
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