Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Archiv & Vorschau
Juni 2013
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
27
28
29
30
31
01
02
0304050607
08
09
1011121314
15
16
1718192021
22
23
24
25
26
27
28
29
30
Kulturzeit heute
20. Juni 2013
  • "Unsere Mütter, unsere Väter" in Polen
Moderation
Video-Porträt
Cécile Schortmann
Bei Cécile Schortmann lässt gute Kunst alle Sinne vibrieren. Aber auch tolle Musik berührt unsere Moderato-
rin. Und wenn ihr der Beruf zu stressig wird, entspannt sie sich bei Yoga.
NavigationselementNavigationselement
© dpa Lupe
Wie steht es um die Akzeptanz von Muslimen in Deutschland?
Wie islamfeindlich sind die Deutschen?
Hass- und Morddrohungen gegen Sarrazin-Kritiker
Geht es um die Themen Islam und Zuwanderung, kochen die Emotionen hoch. Als Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit den Islam einen Teil Deutschlands nannte, kam es zum Aufschrei. Und doch hat Wulff nur Worte wiederholt, die der ehemalige Innenminister Wolfgang Schäuble bereits 2006 im Bundestag sagte: "Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas. Er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft". Ist Deutschland islamfeindlich geworden?
Sind Muslime in Deutschland integrationswillig, gehören sie dazu? Die Debatte hinterlässt Spuren. Jan Stöß, Stadtrat im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, hat festgestellt, dass sich die Stimmung unter den Migranten in den vergangenen Wochen drastisch verändert hat. "Da ist eine Beklemmung und Bedrückung bis hin zu Vorfällen, wo es tatsächlich zu tätlichen Übergriffen kam", so Jan Stöß. "Einer Frau wurde auf der Straße das Kopftuch heruntergerissen und gesagt: 'In Deutschland trägt man kein Kopftuch.' Das sind besorgniserregende Vorfälle."

Hat Sarrazin die Debatte vergiftet?
Es herrscht ein gefährliches Klima. Hat Thilo Sarrazin mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" die Debatte vergiftet? Mit seinen kritischen Thesen zur Überfremdung ist er auf Lese-Tour. Auf einer Veranstaltung des Literaturhauses München referiert er vor dem Bildungsbürgertum. Der Saal ist brechend voll und scheinbar alle sind auf seiner Seite. Es gibt großen Applaus von Bürgern aus der Mitte unserer Gesellschaft. In München mit auf dem Podium ist der Sarrazin-Kritiker und Soziologie-Professor Armin Nassehi. Seine Argumente werden niedergebuht. "Ich glaube, die Debatte ist im Moment durch das Buch eher schwieriger geworden", sagt Nassehi. Buh-Rufe und Pfiffe begleiten seine Worte.

"Eigentlich sollte man erwarten, dass ein gebildetes Literaturhaus-Publikum in München das beste Publikum sein könnte, vor dem man über Integration spricht", so Nassehi. "Aber das hat nicht geklappt, ganz im Gegenteil. Dieses Publikum war tatsächlich eher daran interessiert, sich eigene Ressentiments und Vorurteile bestätigen zu lassen und keineswegs zu diskutieren." Welche Folgen hat die Sarrazin-Debatte? Eine repräsentative Umfrage von infratest-dimap fragte, wer der Aussage, "Seit Sarrazins Buch kann man sich trauen, den Islam offener zu kritisieren", zustimmt. 44 Prozent der Befragten waren dieser Meinung. Sinken die Hemmschwellen, den Islam offen zu kritisieren?

Islamfeindliche Einstellung wächst
Oliver Decker forscht über politische Einstellungen in der Mitte unserer Gesellschaft. Er ist Wissenschaftler an der Universität Leipzig und beschäftigt sich seit 2002 mit diesem Thema. Auch er hat eine Studie zum Thema Islamfeindlichkeit durchgeführt. Die Umfrage-Ergebnisse aus dem Frühsommer bergen Zündstoff: "Die aktuellen Ergebnisse deuten darauf hin", so Oliver Decker, "dass wir es mit einer deutlichen Zunahme an islamfeindlicher Einstellung der Bevölkerung zu tun haben. Mit einer sehr deutlichen Zunahme, die von bisher etwa 34 Prozent auf über die Hälfte der Bevölkerung angewachsen ist, die islamfeindlichen Aussagen zustimmen."

Die pauschale Debatte über Muslime zeige Wirkung, sagt die Migrationsforscherin Naika Foroutan von der Humboldt-Universität Berlin. "Wenn man sie immer wieder mit Kriminalität, Integrationsverweigerung und Bildungsrückstand, sogar teilweise genetischen Defekten und Unzucht in Verbindung bringt", so Foroutan, "dann ist das gefährlich, weil es auch Menschen, die vielleicht in dieser Form nie über eine ganze Gruppe nachgedacht haben, in diese Richtung stößt und ihnen diese Wörter in den Mund legt. Es gibt immer weniger Hemmschwellen, diese Wörter zu benutzen."

Offene Beschimpfungen per E-Mail
Wissenschaftler, die sich kritisch zur aktuellen Islam-Debatte äußern, bekommen Morddrohungen, werden in Blogs und in Hass-E-Mails beschimpft. Die Rede ist von "verkackter Moslemlogik". Die Wissenschaftler werden als "Kamelficker" und "islamische Hetzer" bezeichnet. Erschreckend ist, dass viele der Beschimpfungen ganz offen erfolgen. "Distanzlose und unhöfliche E-Mails kommen unter voller Namensnennung", so Naika Foroutan. "Diese Menschen hätten sich wahrscheinlich, bevor diese Debatte losging, noch nicht in dieser Form geäußert."

Wissenschaftliche Erkenntnisse über zunehmende Islamfeindlichkeit, Hass- und Droh-E-Mails sowie Beschimpfungen von Migranten zeigen, dass die Kluft gefährlich groß wird. "Ich glaube", so Jan Stöß, "das sind Vorfälle, die sich häufen. Wir müssen aufpassen, dass wir den sozialen Frieden nicht gefährden."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
SWR-Mediathek
Der Beitrag von Sebastian Bösel und Ulrich Neumann
Mediathek
© Foto LichtblickVideoDas Gespräch mit dem Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz (13.10.2010)
mehr zum Thema