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© dpa Video
Der Verena Becker-Prozess hat begonnen. Wird sie ihr Schweigen brechen?
Im Visier
Der Prozess gegen Verena-Becker hat begonnen
Mehr als drei Jahre hat Michael Buback für diesen Prozess gearbeitet. Dafür, endlich vor Gericht der Frau gegenüber sitzen zu können, von der er glaubt, dass sie seinen Vater ermordet hat. Im Verfahren gegen Verena Becker ist Michael Buback Nebenkläger. 33 Jahre nach dem Mord an Siegfried Buback soll endlich geklärt werden, wer die tödlichen Schüsse auf den ehemaligen Generalbundesanwalt abgegeben hat.
Am 7. April 1977 werden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter erschossen. Jahrelang hat sein Sohn Michael auf eigene Faust ermittelt und Fragen gestellt. Ohne ihn gäbe es heute keinen Prozess gegen Verena Becker. Für den Staat galt der Fall Buback längst als gelöst. Doch von Anfang an gab es Zeugen, die eine Frau als Beifahrer auf dem Motorrad der Mörder gesehen haben wollen. Warum, so fragt Michael Buback, wurde in diese Richtung nie ermittelt? "Das ist schon aufregend, wenn man sieht, dass in der 'Bild'-Zeitung am 4. Mai 1977 unter der Überschrift 'Buback-Mörder' die Bilder von Gerhard Sonnenberg und Verena Becker sind", so Michael Buback.

Vernichtete Akten, verschwundene Namen
© reuters Lupe
Michael Buback und seine Frau Elisabeth vor dem Prozess.
Als die Polizei Verena Becker verhaftet, hat sie die Tatwaffe des Buback-Mords dabei. Auch ein Schraubenschlüssel des Motorrads, auf dem die Mörder saßen, findet sich. Es sind erdrückende Beweise, sollte man meinen. "Der Ermittlungsrichter, der daraufhin gesagt hat, Verena Becker sei dringend tatverdächtig, ist - wie wir heute wissen - daran verzweifelt, dass den Hinweisen nicht nachgegangen wurde", so Buback. "Er beging Selbstmord." Schützt jemand die Terroristin? Eine Merkwürdigkeit nach der anderen entdeckt Bubacks Sohn. Beckers Name verschwindet aus Akten, Beweismittel werden - angeblich aus Platzgründen - vernichtet, wichtige Zeugen nie gehört.

"Vor allen Dingen ist überraschend", so Buback, "dass von all diesen vielen Personen, die Hinweise auf eine Frau hätten geben können, keiner bei beiden Prozessen zum Karlsruher Attentat als Zeuge geladen war. Das ist für uns völlig unverständlich." Im September 2010 hieß es dann von Bundesanwalt Walther Hemberger: "Es gibt keine belastbaren Zeugenaussagen, die Frau Becker auf dem Motorrad gesehen haben." Doch Michael Buback hat sie benannt: 20 Augenzeugen, die eine Frau gesehen haben wollen. Sie seien unglaubwürdig, sagt die Bundesanwaltschaft.

Mit dem Verfassungsschutz unter einer Decke?
© AP Lupe
Verena Becker im Jahr 1975
Wer ist Verena Becker? Michael "Bommi" Baumann, Mitbegründer der Terrorbewegung "2. Juni" lernt sie in den 1960ern kennen. Mit anderen Frauen bildet sie die radikale Gruppe "Schwarze Braut" und sucht die Nähe zu Baumann. "Sie waren alle in Wohnungen, die dem Verfassungsschutz gehört haben", sagt Ex-Terrorist Baumann. "Das haben wir erst jetzt herausgefunden. Die ganzen Häuser in der Köpenicker Straße und in der Eisenbahnstraße, wo die Damen alle saßen, haben Volker von Weingraber gehört, der auch in den Schmücker-Mord involviert ist und vom Verfassungsschutz Unsummen gekriegt und jetzt ein Weingut in der Toscana hat." Ulrich Schmücker war Geheimdienstspitzel und Weggefährte von Verena Becker. Er wurde ermordet.

Die Tatwaffe fand sich später im Tresor des Verfassungsschutzes. Ingeborg Barz baute gemeinsam mit Becker eine radikale Gruppe auf. Auch sie soll für den Dienst gearbeitet haben. Peter Urbach besorgte den wütenden Studenten Waffen und verübte im Dienste des Staates Anschläge. "Wir haben gedacht, wir handeln autonom", so Baumann. "Der Gedanke ist unheimlich, dass man irgendwo auf dem Schachbrett hin- und hergeschoben worden ist oder zwar über das Schachbrett rennen durfte, aber immer noch eine Figur war." Es ist anzunehmen, dass der Verfassungsschutz es auch bei Verena Becker versuchte - vielleicht als sie 1974 eine Jugendstrafe absaß. Sie war es, die immer wieder mit harten Worten Militanz einpeitschte.

War Verena Becker eine Agentin?
"Dann kam die Meldung hoch, sie wollen Autobomben in Stuttgart hochgehen lassen", erinnert sich Baumann. "Das war natürlich eine Provokation vom Verfassungsschutz. Da hatte die RAF auch sofort gesagt, damit habe sie nichts zu tun. Es ist auch nichts passiert. Und da habe ich zu ihr gesagt: 'Das wäre Wahnsinn, so etwas zu tun'. Da hat sie gesagt: 'Wie so denn? Trifft doch bloß die ganzen Bürgerschweine'. Da sagte ich: 'Bist du wahnsinnig, hakt es bei dir?'"

Auch die Publizistin Regine Igel sitzt an dem Fall Becker. Jahrelang hat sie sich mit dem italienischen Linksterrorismus beschäftigt. Dort waren es Geheimdienste, die die Strippen zogen. Sie glaubt, man müsse den Fall Becker in größeren Dimension betrachten: "Im Terrorismus standen sich Ost und West gegenüber, man führte den Kalten Krieg mit besonderen verdeckten Mitteln." War Verena Becker gar eine Agentin? Von der Stasi wurde sie bereits 1969 registriert. In den Ostakten finden sich Hinweise, dass Becker von "westdeutschen Geheimdiensten" seit 1972 "unter Kontrolle" gehalten wurde. Das wurde 1973 und 1976 Stasi-intern sogar noch einmal bestätigt.

Außergewöhnlich rasche Begnadigung
© ap Lupe
Verena Becker hatte einen festen Platz in der Militarisierung der RAF.
"In der Militarisierung der Studentenbewegung hat sie einen festen Platz", so Regine Igel, "in der Vororganisation vor der RAF und vor den Organisationen vor dem 2. Juni, ist sie schon aktiv. Wenn man die Autobiografien der ehemaligen Terroristen liest, dann taucht sie immer im Hintergrund als eine durchaus wichtige Person auf." Die junge Verena Becker sitzt zeitweise gemeinsam mit Ulrike Meinhof im Gefängnis, dann bei Gudrun Ensslin. Das BKA darf, wann immer es möchte, Becker zwecks Ermittlungen mit nach draußen nehmen. Bei ihrer außergewöhnlich raschen Begnadigung entscheidet auch der Bundesnachrichtendienst. Das irritiert, ist er doch rein für das Ausland zuständig.

Michael Buback hat in ein Wespennest gestochen. Längst geht es nicht mehr allein um den Mord an seinem Vater, es geht um viel mehr. "Man nimmt uns immer war als die Bubacks, die dort ein persönliches Problem lösen wollen", sagt Michael Buback. "So ist es aber nicht. Nach den langen und intensiven und auch der nüchtern-analytischen Beschäftigung, da habe ich den Eindruck, dass wir trotz der persönlichen Betroffenheit objektiv sind. Und was uns vielleicht von den anderen beiden Parteien untescheidet: Wir sind unabhängig." Um die Frage, wer geschossen hat, geht es der Bundesanwaltschaft nicht. Verena Becker soll Bekenner-Schreiben geklebt und vorbereitet haben, mehr nicht. Werden die Verwicklungen der Geheimdienste ans Licht kommen? Dieser Prozess ist nicht nur ein Prozess, er ist auch Politik. Und wenn Verena Becker weiter schweigt, könnte es passieren, dass alles bleibt, wie es ist.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
© dpaWer erschoss Siegfried Buback? - Ein "Kulturzeit extra" befasst sich mit der schwierigen Suche nach der Wahrheit
Mediathek
VideoDas Gespräch mit Michael Buback (21.08.2009)
Mediathek
Interview mit Michael Buback, geführt von Armin Conrad, Redaktionsleiter "Kulturzeit" (04.11.2008)
Buchtipp
Michael Buback
"Der zweite Tod meines Vaters"
Droemer Knaur 2008
ISBN-13: 978-3426274897
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