Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
September 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
31
0102
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
02
Mediathek
SENDUNG vom 31.08.2016
Sendung verpasst?

Navigationselement
Navigationselement
Lupe
Die BDS-Bewegung ruft zum Boykott gegen Israel auf.
Kulturboykott
Die BDS-Bewegung in Israel
"Boykott, Desinvestition und Sanktionen" sind die Ziele der Aktivisten von "BDS". Würde Israel wirtschaftlich und kulturell boykottiert und von der internationalen Gemeinschaft isoliert, müsste die Regierung ihre Palästinenser-Politik ändern, lautet die lautstark propagierte These. Dass es Juden sind, die so zum Boykott des jüdischen Staates aufrufen, sorgt in Israel für entsprechende Aufregung. Doch die kleine Bewegung feiert erste Erfolge: Internationale Künstler haben geplante Konzerte in Israel abgesagt.
Es sind israelische und palästinensische Anarchisten, radikale Linke und Antizionisten. Sie nennen ihre Bewegung BDS: Boykott, Desinvestition und Sanktionen. Für sie ist Israel wegen seiner Besatzungspolitik ein Apartheidstaat. Ihr Ziel ist es, das Land ins internationale Abseits zu drängen. "Warum rufen wir die Welt zum Israelboykott auf?", so Ronnie Barkan vom BDS. "Weil wir sehen, dass die israelische Gesellschaft sich nicht bessert. Im Gegenteil: Sie unterstützt mehr und mehr ein Regime, das eine Politik der ethnischen Trennung betreibt."

Intellektuelle, Künstler und Akademiker
Lupe
Der Politikwissenschaftler Neve Gordon ist Aktivist bei BDS.
Die BDS ist eine politische Gruppierung von Linksaußen, außerhalb des Grundkonsenses, der die Gesellschaft Israels letztlich zusammenhält. Und doch hat sie mittlerweile viele Sympathisanten unter Intellektuellen, Künstlern und Akademikern. Dazu zählt auch Neve Gordon, Professor für Politikwissenschaften. "Beziehungen mit Israel aufrechtzuerhalten, als ob alles in Ordnung sei, ist kontraproduktiv für jene, die in der Welt soziale Gerechtigkeit suchen", sagt er. "Es normalisiert die Besatzung und die damit verbundenen ungeheuerlichen Verstöße gegen Menschenrechte. Deswegen unterstütze ich diesen Boykott." Obwohl sie eine politische Minderheit vertritt, wird BDS immer einflussreicher. Ihren letzten Coup zeigen die Boykottaufrufer stolz in einem Videoclip.

Eine Reihe von internationalen Pop- und Rockstars wie Santana, Snoop Doggy Dog, U2 und Elvis Costello haben Auftritte in Israel abgesagt. Auf seiner Webseite entschuldigt sich Costello, reichlich unbeholfen, in einer Erklärung bei seinen Fans: "Ich muss glauben", sagt er im Video, "dass das Publikum der Konzerte aus vielen Menschen bestanden hätte, die die Siedlungspolitik ihrer Regierung hinterfragen und Verhältnisse verurteilen, die palästinensische Zivilisten im Namen nationaler Sicherheit Einschüchterung, Erniedrigung und noch Schlimmerem aussetzen. Ich entschuldige mich zutiefst bei den enttäuschten Konzertbesuchern sowie den Organisatoren."

"Boykottierende Künstler sind Betrüger"
Lupe
Der Konzertveranstalter Gadi Oron kritisiert die Aktionen des BDS.
Doch Tel Aviver Konzertveranstalter wie Gadi Oron haben keinerlei Verständnis für die politischen Gewissensbisse eines Elvis Costello, der zuerst Karten verkauft und dann einen Rückzieher macht. "Für mich ist Elvis Costello ein Betrüger", sagt Oron. "Er hat hier Menschen betrogen, aber seine Ziele kriegt er so nicht durch. Nehmen Sie Leonard Cohen: Er kam nach Israel. Wir halfen ihm, Palästinenser aus dem Westjordanland ins Stadion zu bringen und er rollte ihnen den roten Teppich aus. Auf der Bühne sagte er, wie sehr er sich freue, durch Musik Israelis und Palästinenser zusammenzubringen, Juden und Araber. So muss man das machen."

Mit dem Ziel, Israel international zu isolieren, macht sich die Bewegung im eigenen Land wenig Freunde. Andere Friedensaktivisten zielen einzig auf einen Boykott der Siedlungen und bekommen so die Unterstützung der gesamten Friedensbewegung. Als sich 36 Schauspieler israelischer Stadttheater weigerten, in Zukunft in dem im Bau begriffenen Kulturzentrum der Siedlerstadt Ariel aufzutreten, solidarisierten sich in Tel Aviv hunderte mit ihnen, so auch der Friedensaktivist Uri Avnery. "Was will man denn mit dem Boykott erreichen?", fragt Avnery. "Wenn man die israelische Bevölkerung überzeugen will, Frieden zu machen, dann muss man die Siedler isolieren. Boykott gegen Israel wird von beinahe allen Israelis als ein Akt gegen die Existenz Israels angesehen. Boykott gegen die Siedlungen macht klar, dass Israel und die Siedler zwei verschiedene Dinge sind."

Die Quelle in Israel angreifen
Lupe
Der Friedensaktivist Uri Avnery unterstützt die BDS-Bewegung.
"Jedes Haus, das in den Siedlungen gebaut wird, jede Firma, die sich in den Siedlungen befindet, erhält einen Kredit von einer israelischen Bank", sagt Neve Gordon. "Ohne diese Kredite könnten diese Firmen und Häuser nicht existieren. Wenn du dem ein Ende setzen willst, musst du die Quelle angreifen, und die ist nicht in den besetzten Gebieten, sondern innerhalb Israels selbst." Je stärker die Boykottbewegung wird, desto aggressiver reagiert die Regierung. "Der Staat Israel ist inmitten einer internationalen Attacke, die versucht, uns wirtschaftlich, akademisch, und kulturell zu boykottieren", sagt Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. "Das letzte, was wir im Moment brauchen, ist ein Boykottversuch aus den eigenen Reihen."

Netanyahu weiß fast das gesamte Parlament hinter sich. Der Kampf gegen die BDS-Bewegung und alle, die mit ihr sympathisieren, soll schon bald in ein Gesetz münden, das jeden Aufruf zum Boykott für illegal erklärt. BDS-Sympathisanten bekommen diese Stimmung schon jetzt zu spüren. "Ich habe Todesdrohungen bekommen, Leute, die mir den Tod wünschen, die wünschen, dass ich mit meiner Familie das Land verlasse", berichtet Neve Gordon. "Ich habe Nachbarn, die nicht mehr mit mir reden. Ich habe über Israel als Terroristenstaat geschrieben, über mikrofaschistische Tendenzen, da passierte nichts. In dem Moment, als ich über BDS schrieb, traf das einen Nerv wie nichts anderes." Juden rufen zum wirtschaftlichen und kulturellen Boykott des jüdischen Staates auf. Es ist eine Provokation und ein Fanal der Hoffnungslosigkeit angsichts der stockenden Friedensgespräche.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
Pulverfass Nahost