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© ap Lupe
Alice Schwarzer fordert mehr Offenheit in der Integrationsdebatte.
Gegen falsche Toleranz
Alice Schwarzer: Für Integration, gegen Islamismus
Mitten in der laufenden Debatte um das Burkaverbot in Frankreich und die Provokationen durch Thilo Sarrazin legt die Feministin und "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer nach. "Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus" heißt ihr Buch, in dem sie das Kopftuchverbot in den Schulen nicht nur für Lehrerinnen, sondern auch für Schülerinnen fordert. Ist das der richtige Weg hin zu einer gelungenen Integration?
Der Integrations- und Migrationsforscher Klaus Bade warnt vor "Stimmungsmache", einer Stigmatisierung der Zuwanderer. Denn, so sagt er, die Aufnahme vieler Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft sei eine "echte Erfolgsgeschichte der letzten Jahrzehnte". Für Alice Schwarzer hingegen droht ein Desaster durch eine "falsch verstandene Toleranz - vor allem durch die deutsche Linke" gegenüber einer Minderheit, die mit Symbolen wie dem Kopftuch - gegen die Grundwerte unserer westlichen Gesellschaft - ihren Machtanspruch ausbaue.

Die Integrationsdebatte nach Sarrazin
Wo steht die Integrationsdebatte in Deutschland nach Thilo Sarrazin? Ganz Deutschland diskutiert über seine Provokationen zur "gescheiterten Integration". Alice Schwarzer kommt das gerade recht. Seit Jahrzehnten kämpft sie gegen wachsenden Islamismus. Nun kommt endlich ihr später Triumpf: Die Probleme werden nicht mehr totgeschwiegen. "Jetzt ist Schluss!", sagt sie. "Ich glaube, jetzt müssen wir darüber reden. Und das verdanken wir auch Herrn Sarrazin. So haben manchmal problematische Anlässe ein gutes Resultat."

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Alice Schwarzer: Kämpferin für Frauenrechte.
So kennt man Alice Schwarzer: provokant, streitlustig, Kämpferin für Frauenrechte. Zuletzt ergreift sie beim Kachelmann-Prozess Partei für das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer - massenwirksam in der "Bild"-Zeitung. Um die Frauen geht es ihr auch in ihrem neuen Buch zur Integration: "Die große Verschleierung". Und damit meint sie nicht nur Kopftuch und Burka: "Man hat in Deutschland einfach zu lange geleugnet, dass es sich hier nicht nur um religiöse und kulturelle Unterschiede handelt", sagt Schwarzer, "gegen die ist gar nichts zu sagen, und schon gar nicht um Glaubensfragen, sondern, dass hier entschlossene Antidemokraten dabei sind unter dem Vorwand des Glaubens zu agitieren und den Rechtsstaat regelrecht zu unterlaufen."

Falsche Toleranz stärkt die Islamisten
Ihre zentrale These: Falsche Toleranz der Deutschen hat die Islamisten erst stark gemacht. Schwarzer zitiert dafür viele Beispiele: etwa einen deutschen Islamforscher, der dafür plädiert, die Scharia im Eherecht anzuerkennen. Der Migrationsforscher Klaus Bade untersucht seit Jahren die Einwanderung. Steht es wirklich so schlimm um die Integration? "Das ist besinnungslos übertrieben", sagt Klaus Bade. "Es gibt nicht das Integrationsproblem der Muslime, sondern es gibt vereinzelt Integrationsprobleme. Im Großen und Ganzen liegen wir aber ganz gut."

Um die gut integrierte Mehrheit geht es Schwarzer aber nicht. Sie kämpft nicht gegen den Islam, sondern gegen den Islamismus. Der sei auf dem Vormarsch. Ein Zeichen dafür ist in ihren Augen das Kopftuch. Das will Schwarzer aus öffentlichen Institutionen verbannen. Deshalb fordert sie jetzt: Kopftuchverbot auch für Schülerinnen: "So gäbe man den kleinen Mädchen aus traditionellen oder sogar fundamentalistischen Familien wenigstens die Chance in der Schule sich frei zu erfahren", so Schwarzer. "Und vielleicht dann, wenn sie aus der Schule sind, wirklich frei zu wählen, wie sie leben wollen. Und vor allem: Sie wären nicht gebrandmarkt als 'die anderen'."

Das Kopftuch als Brandmarke
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Führt ein Kopftuchverbot zu mehr Integration?
Gebrandmarkt würden sie nicht durch das Kopftuch, sondern durch die Thesen von Schwarzer, findet Nahla Osman. Sie ist Rechtsanwältin und Mitbegründerin der Muslimischen Jugend Deutschland. Osman ist strenggläubig, trägt ein Kopftuch, seit sie zwölf ist, und fühlt sich als Deutsche. Ein Kopftuchverbot für Schülerinnen würde für sie nicht mehr Integration bringen, sondern weniger: "Das würde den muslimischen Mädchen auch nur wieder zeigen: Ihr seid - wie ich das selbst auch in meiner Schule erlebt habe - Menschen zweiter Klasse. Es ist immer so gewesen. In der Grundschule haben Mädchen noch kein Kopftuch an und sie werden trotzdem nicht so behandelt wie jemand, der keine dunklen Haare oder dunkle Augen oder einen deutschen Namen hat."

In ihrem Beruf als Rechtsanwältin fühlt sich Nahla Osman schon oft genug diskriminiert wegen ihres Kopftuchs. Dass auch die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer das Tuch nur als Symbol der Unterdrückung ansieht, verletzt sie zutiefst: "Es ist schwer für die Mehrheitsgesellschaft zu akzeptieren, dass man sich mit Kopftuch frei fühlt", so Osman. "Es ist so: Wir fühlen uns frei. Wir haben ein Frauenbild. Wir glauben an die Grundrechte. Aber wir fühlen uns mit diesem Kopftuch, mit diesem Stück Stoff, frei."

"Objektiv gibt es keine Diskussion."
"Über diese subjektiven Gründe", so Alice Schwarzer, "müssen wir uns mit den Frauen unterhalten. Darüber müssen wir diskutieren. Da will niemand das Kopftuch abreißen. Aber objektiv gibt es keine Diskussion. Objektiv ist das Kopftuch – das islamische Kopftuch, das alles verdeckt - die Flagge des politisierten Islam. Es gab dieses Kopftuch nicht mehr vor 1979 vor Khomeini." Schwarzers Aussage ist provokant und gewagt. Denn alleine die Behauptung, das Kopftuch sei mehr ein politisches Symbol als eines der Religion rechtfertigt wohl kaum ein Kopftuchverbot in Schulen: Um das durchzusetzen müsste Deutschland insgesamt wohl säkularer werden.

© dpa Lupe
Auch über christliche Symbole in Schulen wird immer wieder diskutiert.
Klaus Bade rät: "Lassen Sie uns darüber diskutieren! Aber dann in aller Breite und unter Einbeziehung der religiösen Symbole, die die Christen in den Schulen haben. Und dann wird es nämlich gefährlich. Das sieht man an der neuen Ministerin in Niedersachsen, die gesagt hat: Dann nehmt aber auch die Kreuze aus der Schule. Und schon knallt es." Davor, dass es knallt, hat Alice Schwarzer noch nie Angst gehabt. Das hat sie in ihrer langen Karriere oft unter Beweis gestellt. Auch jetzt sieht sie sich wieder als Kämpferin für die Schwachen und will vor allem die Politik auf Trab bringen, die Probleme der Integration endlich anzugehen.

Zustimmung auch von muslimischen Männern
"Es ist eine Schande", so Schwarzer, "dass rechte Parteien mit diesem Thema populistisch Propaganda machen können und die Mitte und die Linke sich dieser Problematik nicht ernsthaft annimmt und sogar noch Angst hat, dass sie türkische Wähler riskieren, wenn sie es ansprechen. Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist. Wenn ich in einem türkischen Viertel bin, dann winken mir die türkischen Männer zu und signalisieren mir Zustimmung." Eine offene und ehrliche Diskussion nützt vor allem den Einwanderern. So will Schwarzer verstanden werden. Als pointierte Stimme in einer Diskussion, die für sie viel zu lange verschleppt wurde.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
© dpaVideoDas Gespräch mit der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (23.09.2010)
Buchtipp
© kiwi paperbackLupeAlice Schwarzer
"Die große Verschleierung: Für Integration, gegen Islamismus"
Kiepenheuer & Witsch 2010
ISBN: 978-3462042634
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