Reihe
Die zehn Verbote
Essay-Reihe über unsere tugendversessene Zeit
Fleischessen oder nicht? Inzwischen geht es nicht mehr nur um Massentierhaltung oder die Auswirkungen unseres Fleischkonsums auf den Weltagrarmarkt - es geht vor allem um Tugend und Moral.
Wein, Schnaps, Bier: Jeder Schluck ist ein Genuss, jedes Glas Inspiration und Trost. Die Sinne taumeln feuchtfröhlich und irgendwie bierselig. Manchmal finden wir sogar Seelenheil im Alkohol und in uns verborgene Höhen und Abgründe. Wie wäre eine Welt ohne Alkoholika?
Ach, die Bilder - sie haben längst ihre Unschuld verloren. Wir leben im digitalen Zeitalter - und viele der Bilder, die wir uns von dem machen, sind nur noch eine Ausgeburt unserer Fantasie. Ob Sehen schon die ganze Wahrheit ist?
Erstmal studieren, Karriere machen, sich selbst verwirklichen und warten, bis alles passt. Nichts passt. Die biologische Uhr der Nation tickt. Deutschland schafft sich ab. Kehret um, rufen die Zukunftsforscher, gehet heim und mehret Euch! Staatsziel Schwangerschaft!
Das Ende ist nahe. Ölpest, Smog und Hurrikans sind die Plagen der Gegenwart, Überschwemmungen die Wiederkehr der Sintflut, die uns mahnt: Haltet ein! Kehret um! Tuet Buße. Was denn? Ist es das schon? Ist das das Ende? Nein. Aber das dicke Ende kommt bestimmt.
"Die Sonne gebar den Menschen", sagte der Vorsokratiker Parmenides aus Elea. "Und die Sonne bringt ihn auch wieder um", warnt der Dermatologe. 60.000 Menschen sterben pro Jahr durch die Folgen von UV-Strahlung. Zu viel Sonnenbaden ist verpönt.
Was einmal als Ausdruck verfeinerter und höchster Kultur galt, das steht heute unter Generalverdacht: Zucker - jener Stoff, der dem Leben erst Süße verleiht - gehört zu den inneren Feinden, gegen die sich unsere Gesellschaft zur Wehr setzt.
Rauchen ist das wohl Verachtenswerteste, Asozialste, was man heutzutage tun kann. Ein Laster, das einmal alle großen Denker beflügelte. Könnte Sartre heute noch schreiben: "Ein Leben ohne Zigaretten ist ein bisschen weniger lebenswert"?
Faulheit: Das ist die siebte Todsünde, auch für die Ungläubigen. Denn: Die fleißigen Bienchen schwirren ins Paradies. Der Kapitalismus atmet den Geist der protestantischen Ethik. Von der Schönheit der Faulheit bleibt da nur zu träumen.
Wir alle sollen "politsch korrekt" sein. Politische Inkorrektheit ist verpönt. Wer den falschen Begriff verwendet, gilt schnell als nicht "Pee Cee" - und wird unter Räuspern und vorwurfsvollem Blick gerne von anderen darauf hingewiesen.
Dankbar stürzte sich die Presse auf das Buch von Jonathan S. Foer, "Tiere essen". Das Thema trifft den Zeitgeist. Besonders zeigt sich das am Titel einer "Zeit"-Ausgabe mit dem Bild eines saftigen Steaks und der Schlagzeile "Lass das". Hier geht es um neue Tugenden.
- Du sollst keine Energie verschwenden!
- Du sollst keinen Alkohol mehr trinken!
Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
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