© AP
2016 bekam Michael Ballhaus den Ehrenbären der Berlinale verliehen.
2016 bekam Michael Ballhaus den Ehrenbären der Berlinale verliehen.
Meister der 360°-Kamera
Zum Tod von Michael Ballhaus
Er war ein Bilder- und Lichtmagier - einer, der mit der Kamera zaubern konnte: Michael Ballhaus war einer der wenigen deutschen Filmkünstler, die auch in Hollywood Karriere machten. Als Kameramann international gefeiert und geschätzt, ein bescheidener Star ohne Allüren. In der Nacht zum 12. April 2017 starb der deutsche Kameramann mit 81 Jahren in Berlin.
Für Wolfgang Petersen war Michael Ballhaus einer der "ganz Großen". Martin Scorsese trauert um einem "großartigen Künstler" und Freund. "Er war ein wunderbarer Mensch, der immer ein warmes Lächeln hatte, auch in den schwierigsten Situationen - jeder, der ihn kannte, wird sein Lächeln in Erinnerung behalten", so Scorsese. Über mehr als 20 Jahre hinweg habe er mit Ballhaus eine "sehr kreative Partnerschaft und eine sehr enge, fortwährende Freundschaft" gehabt. Sein Tod sei "ein schwerer Verlust". Ballhaus und Scorsese drehten zusammen sieben Filme, vom ersten Low-Budget-Film "After Hours" (1985) bis zum 100 Millionen Dollar teuren Abschiedswerk "Departed" (2006) mit Leonardo DiCaprio und Jack Nicholson.

Begonnen habe alles mit einem Erlebnis in seiner Jugend, so Ballhaus einmal: Mit 18 Jahren durfte er das erste Mal bei Dreharbeiten des großen Max Ophüls zuschauen und war sofort fasziniert von der Welt des Films. Kurz darauf begann er seine Ausbildung zum Fotografen und drehte 1959 das erste Mal fürs Fernsehen. 1968 feierte er Premiere mit seinem ersten Kinofilm, ehe er sich bald einen Namen im Neuen Deutschen Film machte.

 

"Wir ehren Michael Ballhaus als einen Kameramann, der seinen Regisseuren ein kongenialer Partner war und dessen Ouvre einzigartig ist."

(Dieter Kosslick 2016, Berlinale-Direktor)

 

Von da an wirkte Ballhaus mit deutschen Größen wie Volker Schlöndorff, Peter Schamoni und Rainer Werner Fassbinder zusammen. Vor allem Fassbinder, der exzentrische Melodramatiker der jungen deutschen Filmemacher, hatte es Ballhaus angetan. "Für Fassbinder war ich wegen meiner Arbeit beim SWR nur der 'Fernseh-Heini'", erinnerte sich Ballhaus. "Dann hat er aber schnell gemerkt, dass wir doch ganz gut zusammenpassen." Und so entstanden während ihrer gemeinsamen Jahre insgesamt 17 Filme.

Die jungen Wilden
© dpa Mit der 360-Grad-Kamerafahrt wurde er berühmt.
Mit der 360-Grad-Kamerafahrt wurde er berühmt.
Einen Namen in der Filmbranche machte sich Michael Ballhaus vor allem durch seine Experimentierfreude. In der Tradition des großen Kameramanns des deutschen Expressionismus, Karl Freund, wandte auch Michael Ballhaus immer wieder das bildästhetische Mittel der entfesselten Kamera an. Die 360-Grad-Kamerafahrt, der sogenannte Ballhaus-Kreisel, für den er berühmt wurde, wird bis heute von vielen Kameramännern kopiert. Nicht nur in seinen ersten Filmen unter Fassbinder, wie etwa "Martha" (1973), sondern auch in der Zusammenarbeit mit seinem "Lieblingsregisseur" Martin Scorsese scheint sich dabei die Kamera wie selbständig durch den Raum zu bewegen und die Figuren wie ein rotierender Kreisel zu umfahren.

Scorsese holte Ballhaus 1984 nach Hollywood und drehte mit ihm seinen Film "After Hours", dem in den folgenden Jahren noch sechs weitere folgten. In den Jahren danach widmete sich Ballhaus nicht nur den aufbegehrenden jungen deutschen Filmemachern, sondern auch den Regisseuren des New Hollywood mit ihren irritierenden und aufklärerischen Werken. Fünf Jahre nach seinem ersten Kinofilm erhielt der Kameramann bereits seinen ersten Preis, den Bundesfilmpreis. Im Laufe der Jahre sollten noch viele weitere folgen. Nur der Oscar blieb ihm verwehrt. Und das, obwohl er drei Mal für einen Goldjungen nominiert war.

Rückzug in die "Lieblingsstadt" Berlin
© dpa Seit 2007 lebte er wieder in Berlin.
Seit 2007 lebte er wieder in Berlin.
Fast 50 Jahre lang war der Kameramann mit seiner Frau Helga verheiratet, mit der er die gemeinsamen Söhne Florian und Sebastian hat. Beide sind ebenfalls erfolgreich im Filmgeschäft tätig. Nach dem überraschenden Tod seiner Frau im Jahr 2006 verkündete Michael Ballhaus seinen Rückzug aus Hollywood und die Heimkehr in seine "Lieblingsstadt" Berlin, wo er ab 2007 in Zehlendorf lebte. Aufgegeben hatte das Ehepaar seine Wohnung im Südwesten der Stadt all die Jahre nie. Für ihn sei Berlin von all den Städten, die er bisher in seinem Leben kennengelernt habe, die schönste Stadt, sagte Ballhaus.

Die deutsche Metropole spielte auch in seinem Debüt als Regisseur und Produzent des Dokumentarfilms "In Berlin" die Hauptrolle, den er zusammen mit dem jungen Kameramann Ciro Cappellari gedreht hat. Überhaupt setzte sich der Altmeister sehr für die jungen Kreativen der Filmbranche ein. Seit 2008 war er etwa Bereichsleiter für den Fachbereich Kamera an der Hamburg Media School ist und gab sein Wissen über die Kameraarbeit an Filmstudenten weiter. 2008 drehte er gemeinsam mit Studenten der Film- und Fernsehakademie Berlin Werbespots und machte einmal mehr auf die Notwendigkeit eines verantwortungsbewussten Umgangs mit der Umwelt aufmerksam. Außerdem setzte er sich vehement für den raschen Ausstieg aus der Kernenergie ein.

"Ich war lange genug im Geschäft"
Ein weiterer Grund für den Umzug nach Deutschland war auch die Arbeit an Scorseses Thriller "The Departed" mit Leonardo Di Caprio und Jack Nicholson. "Das war kein leichter Dreh", erinnerte sich Ballhaus einmal. "Nach einem 18-Stunden-Tag habe ich mich mal gefragt, ob das wirklich noch sein muss. Die Antwort war ein klares Nein. Ich war lange genug im Geschäft, ich habe genug Filme gedreht, ich muss nichts mehr beweisen. Für mich hat das gepasst: Ich hörte mit etwas Schönem auf, einem großen Film mit tollen Schauspielern und meinem Lieblingsregisseur." Auch die horrenden Summen für die Megastars und die immer stärker anwachsende Kontrolle durch die Studios, die seit den 1950er Jahren eigentlich als überwunden galt, hätten Ballhaus das Arbeiten in Hollywood nicht immer einfach gemacht.

2011 heiratete Ballhaus die um 25 Jahre jüngere Regisseurin Sherry Hormann, für deren Film "3096 Tage" er 2012 ein letztes Mal hinter die Kamera trat. Ein Interview anlässlich seines 80. Geburtstags mochte Ballhaus aus gesundheitlichen Gründen nicht geben. Schon bei der Vorstellung seiner Lebenserinnerungen "Bilder im Kopf" 2014 in Berlin hatte er berichtet, wie ihm der Grüne Star zunehmend das Augenlicht raube. "Es sind die Farben, die bleiben, die Gesichter, das Leuchten weißer Lichter in einer dunkelblauen Nacht", notierte er. Dennoch ließ sich der Mann, für den zeitlebens die Augen das wichtigste Werkzeug waren, von der sich seit Jahrzehnten anschleichenden Krankheit nicht seinen Humor und seine Leidenschaft nehmen. "Der Beruf war mein Traumberuf, meine Passion", sagte er. "Dass ich dafür auch noch Geld bekam, fand ich manchmal erstaunlich."

Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Zitat
Stimmen zum Tod von Ballhaus

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier:
"Michael Ballhaus war einer der größten Kameramänner der Filmgeschichte", schrieb Steinmeier in einem am 13. April 2017 veröffentlichten Kondolenzbrief an die Witwe Sherry Hormann. "Er war Filmemacher im besten Sinne und ein herausragender Künstler", betonte Steinmeier. Ballhaus habe das kulturelle Leben weit über Deutschland hinaus bereichert - "und dafür werden wir ihm immer dankbar sein".

Kulturstaatsministerin Monika Grütters:
Deutschland verliere mit Ballhaus "nicht nur einen der weltbesten Kameramänner, sondern auch eine große Künstlerpersönlichkeit". Ballhaus sei "ein begnadeter Bildkünstler" gewesen, hieß es in einer Stellungnahme von Grütters in Berlin.

Berlinale 2016
© reutersVideoVerleihung Goldener Ehrenbär an Michael Ballhaus
Mediathek
VideoKosslick über Ballhaus
(30.11.2015)