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Kulturzeit heute
27. Mai 2016
Moderatoren
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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Der Künstler Philipp Ruch hat ein Mahnmal entworfen, das an das Massaker von Srebrenica erinnert.
Schuhe für Srebrenica
Ein Berliner Künstler erinnert an das Massaker
2010 jährt sich das Massaker von Srebrenica zum 15. Mal. Tausende Muslime wurden im Juli 1995 von serbischen Tschetniks innerhalb weniger Stunden ermordet. Und das, obwohl die UN versprochen hatte, sie zu schützen. Nun will eine Gruppe Berliner Künstler an das große Versagen der Weltgemeinschaft erinnern.
"Die Vereinten Nationen dürfen nie wieder einen Genozid wie bei uns in Srebrenica zulassen. Nirgendwo auf der Welt."
(Hajra Catic vom Verein "Frauen von Srebrenica")

"Von meinem älteren Sohn werde ich nur die Hälfte des Körpers beerdigen können, Kopf und Brustkorb fehlen. So habe ich ihn nicht geboren.
(Hatidza Mehmedovic, Verein "Mütter von Srebrenica")

"Ich klammerte mich an meinen Sohn. Doch er und mein Mann wurden fortgerissen."
(Emina Cemo, verlor Mann und Sohn)

"Wir verstehen dieses Mahnmal als eine Art Warnung an die UN. So ist es auch gemeint. An alle zukünftigen Mitarbeiter der Uno, sich dieser gravierenden Sache der Genozide besser anzunehmen."
(Philipp Ruch, Künstler)

Auf dem Dachboden des bosnischen Kulturzentrums in Berlin arbeitet der Künstler Philipp Ruch an einem kleinen Modell seines Denkmals. Das UN-Logo, gefüllt mit Schuhen, soll später acht Meter hoch und 16 Meter breit werden. Krankenhäuser, Schulen, Prominente - ganz Bosnien zieht derzeit seine Schuhe aus. 16.744 Exemplare braucht der Künstler - so viel Schuhpaare wie damals Menschen ermordet wurden.

Das Mahnmal soll weh tun
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Emina Cemo hat die Schuhe ihres ermordeten Sohnes mitgebracht.
"Das ist im Konzept angelegt, dass man dieses Bauwerk fotografiert und dass die Fotos weh tun sollen", erklärt Philipp Ruch. "Wo immer die Säule steht, man wird sie immer fotografieren können. Es wird Pressefotos geben, und wenn wieder ein Journalist einen kritischen Bericht über eine Uno-Mission macht, dann wird es natürlich gedruckt." Als die UN in Srebrenica ihre Fahnen hisst und eine Schutz-Zone errichtet, denken die Menschen, nun seien sie gerettet. Jahrelang waren sie von den Serben eingekesselt, von der Außenwelt abgeschnitten.

Auch Hatidza Mehmedovic und Emina Cemo vertrauten den Vereinten Nationen. 15 Jahre später bringen sie ihre Schuhe, um daran zu erinnern, dass ihre Familien ausgelöscht wurden. "Das sind die Schuhe meines ermordeten Sohnes", sagt Emina Cemo. "Ich habe sie immer bei mir gehabt. Auf meiner Flucht nach Sarajevo, sogar nach Wien habe ich sie mitgenommen. Immer trug ich sie bei mir, ich weiß auch nicht warum. Aber als ich von dieser Aktion hörte, wusste ich sofort, sie müssen in das Mahnmal."

Als die Serben Srebrenica stürmen, flüchten Tausende zur UN-Basis. Doch statt zu schützen, liefern die Blauhelmsoldaten die Bosniaken wenig später an die Serben aus. Bereits vor der Basis kommt es zu ersten Erschießungen. Männer und selbst kleine Jungen werden selektiert, von den Frauen getrennt. Die UN schaut tatenlos zu. "Ich habe hunderte von Männern gesehen, alles Flüchtlinge aus Srebrenica, die Serben nahmen ihnen alles ab, warfen es zur Seite", erinnert sich Emina Cemo. "Die Männer und Jungen standen in Unterhosen da. Sie hatten ihnen die Rucksäcke weggenommen. Überall waren Haufen voller Taschen und Mäntel, riesige Haufen waren das." Weil es drückend heiß war, hatte Sohn Remzija seine Schuhe ausgezogen. Da führten ihn Soldaten ab. Seine Mutter sah ihn nie wieder. Jahre später wurde ihr Sohn in einem Massengrab gefunden. Nun legt Emina Cemo die Erinnerungsstücke zu Dutzenden anderer Schuhe.

Geschichte zum Anfassen
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Philipp Ruch: "Eine Art Warnung an die UN"
Zur selben Zeit in Berlin arbeitet Philipp Ruch rund um die Uhr am Mahnmalprojekt. Gerade hat er ein neues Poster drucken lassen. Eine befreundete Animationsfirma produziert für das Projekt Werbeclips. Denn das Mahnmal wird viel Geld kosten. Mit rund 300.000 Euro rechnet Ruch. Durch Spenden muss er sie einsammeln. "Die Mütter von Srebrenica überlegen, das Mahnmal auf den Friedhof zu stellen", sagt Philipp Ruch. "Und wenn ich als 16-jähriger, 17-jähriger Schüler da stehe und das sehe, dann will ich das auf jeden Fall anfassen und auch die Geschichte dazu hören.“

Hajra Catic ist eine dieser Mütter. In einem kleinen Gedenkzentrum in Tuzla erinnern Fotos an die Ermordeten. Täglich werden auch bei ihr Schuhe abgegeben. Auch Sohn Nino hoffte einst auf die UN. "Mein Sohn Nino war Journalist. Als Funkamateur berichtete er täglich aus Srebrenica. Das war die einzige Verbindung in die Außenwelt. Hier ist sein letzter Bericht. Danach habe ich ihn nie wieder gehört."

"Srebrenica verwandelt sich in ein Schlachthaus. Verwundete und Tote werden unaufhörlich in das völlig überfüllte Krankenhaus gebracht. Es ist unmöglich, die Situation zu beschreiben. In Sekunden-Abständen werden wir beschossen. Gibt es da draußen in der Welt denn niemanden, der kommen kann, der diese Tragödie sieht?!“
(Nino Catic, Amateurfunker in Srebrenica)

Grausames Puzzle
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Eine Mutter sieht Bilder der Getöteten.
Das Ergebnis der gescheiterten UN-Mission von Srebrenica ist fürchterlich. Mehr als 4000 bisher nicht identifizierte Opfer liegen in einem Kühlhaus in Tuzla. In jedem Sack, jeder Tüte befindet sich ein Mensch - oft nur wenige Knochen. In einem grausamen Puzzle wird zusammengesetzt, was übrig blieb von den Menschen, denen die Blauhelme Schutz versprachen. Auch Schuhe sind dabei. Einige von ihnen sollen später ins Mahnmal. "Dies ist ein italienischer Schuh", sagt Rifat Kesetovic, ein forensischer Pathologe. "Hunderte kamen davon mit einem Hilfskonvoi nach Srebrenica. Immer wieder finden wir sie in den Massengräbern. Viele Opfer trugen deshalb ein und dieselben Schuhe als sie ermordet wurden, so dass sie heute bei der Identifizierung leider nicht weiter helfen können.“

Die Welt schickte Schuhe statt die Menschen zu retten. Der einstige UN-Stützpunkt von Potocari. Hier hätten die Flüchtlinge überleben können. Aber der Weltsicherheitsrat verweigerte zusätzliche Truppen, den Blauhelmen vor Ort fehlte die Courage. Und so wurden in nur wenigen Tagen 8372 Menschen ermordet. Die Mütter von Srebrenica wissen genau, wo das Mahnmal stehen soll. "Hier wäre es am besten", sagt Hatidza Mehmedovic. "Dass es jeder sieht. Da hinter diesem Baum über den Gräbern." Am 11. Juli 2010 werden mehr als 700 weitere Opfer beigesetzt. Philipp Ruch plant am selben Tag die Schuhe ein erstes Mal in Berlin zu zeigen, vor dem Brandenburger Tor. Die Bosnier, so sagt er, haben ihre Schuhe gegeben. Nun müssen wir das Geld besorgen, damit das Mahnmal der Schande in Srebrenica Wirklichkeit wird.

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