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Dorothea Buck wurde von den Nazis 1936 zwangssterilisiert. Sie leidet bis heute.
Vergessene NS-Opfer
Zwangssterilisierte kämpfen um ihr Recht
Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" war das erste Rassengesetz der Nationalsozialisten. Hunderttausende wurden zwangssterilisiert, vergast, zu Tode gehungert. Die Überlebenden kämpfen bis heute um ihre Anerkennung als NS-Opfer und eine Entschädigung.
Behinderte sind schon früh Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns. Wie Juden, Roma und Sinti stören Behinderte das Bild vom Herrenmenschen. 1934 tritt das erste Gesetz zur Herstellung der Rassenreinheit in Kraft. "Die Verhütung erbkranken Nachwuchses ist ein sittliches Gebot", heißt es in einem NS-Propagandafilm. "Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses ist die Wiederherstellung eines Naturgesetzes, das wir Menschen in falscher Humanität durchbrachen." Um sogenanntes unwertes Leben auszumerzen, werden mindestens 300.000 Menschen ermordet und 350.000 zwangssterilisiert. Doch bis heute werden die Überlebenden nicht als "rassisch Verfolgte" entschädigt.

Alle Lebenshoffnung genommen
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Die Bildhauerin Dorothea Buck vor ihrer Skulptur "Der Schmerz"
Dorothea Buck, 93 Jahre, Bildhauerin, hat den Rassenwahn am eigenen Leib erfahren. Sie fühlt sich benachteiligt, weil sie nicht als Verfolgte anerkannt wurde. Dorothea Buck ist 19 Jahre alt, als die Ärzte bei ihr eine schizophrene Psychose diagnostizieren. Sie gilt als "geisteskrank" - behindert. Im Herbst 1936 wird sie zwangssterilisiert. "Es war alles zertrümmert, meine ganze Lebenshoffnung, mein ganzer Lebensentwurf", erinnert sich Buck. "Ich wollte Kindergärtnerin werden. Und dann wollte ich heiraten und eigene Kinder haben, das war alles kaputt.“ Geisteskrank, minderwertig, lebensunwert: Als Zwangssterilisierte darf sie keinen normalen Beruf erlernen. Ihr Glück: Eine Bildhauerin nimmt sich ihrer an. Eine ihrer ersten Arbeiten heißt "Der Schmerz".

"So fühlte ich auch", sagt die Künstlerin, "nur, dass man das gar nicht nach außen tragen kann. Sie können ihren Schmerz und den Grund für diesen Schmerz, nicht nach außen deutlich machen, weil es mit einem solchen Makel behaftet ist, als minderwertig zwangssterilisiert worden zu sein, lebenslang als minderwertig abgestempelt zu sein. Das ist eine unglaubliche Sache. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären das.“ Nicht nur Dorothea Buck soll nie mehr Kinder bekommen. Auch wer angeblich unter "angeborenem Schwachsinn", erblicher Blind- und Taubheit oder Alkoholismus leidet, gefährdet die Rassenreinheit. Für sie alle gilt: "Wer erbkrank ist, kann unfruchtbar gemacht werden."

Zwangssterilisierte nicht "rassisch verfolgt"
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Ihre traumatischen Erfahrungen verarbeitet Dorothea Buck in ihrer Kunst.
Im Bundestag in Bonn beschließen Mitte der 1950er Jahre die Parlamentarier die Entschädigungsgesetze für die Opfer der NS-Verfolgung. Im entscheidenden Bundesentschädigungsgesetz heißt es in Paragraph 1 unter anderem: "Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung ist, wer aus Gründen […] der Rasse […] durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen verfolgt worden ist." Doch die Parlamentarier legen nicht fest, wer als "rassisch verfolgt" gelten soll und wer nicht. Die Entscheidung darüber überlassen sie dem Bundesfinanzministerium - Opferentschädigung nach Kassenlage. Denn bis heute gilt: Zwangssterilisierte werden nicht als "rassisch verfolgt" anerkannt. Die Begründung der Ministerialen gibt es nur schriftlich: "Die Rechtsprechung hat Opfer von NS-Gewaltmaßnahmen nach der sogenannten NS-Erbgesundheitsgesetzgebung nicht als "rassisch Verfolgte" angesehen."

Das Finanzministerium versteckt sich bis heute hinter einem Urteil aus dem Jahr 1955. Darin stellt der Richter Walter Burger, der schon im Nationalsozialismus Richter war, zum Erbgesundheitsgesetz fest: "Dieses Gesetz hatte mit der Rassenlehre des Nationalsozialismus nichts zu tun, sondern wollte allgemein die Entstehung sogenannten unwerten Lebens verhindern." Das Urteil des Richters gilt bis heute. Dabei stellten die Verfasser des Gesetzes schon 1936 eindeutig klar: Ziel des Gesetzes ist: "Eine ausreichende Zahl erbgesunder, für das deutsche Volk rassisch wertvoller […] Familien."

Weder Rente noch Schadensausgleich
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Hans-Jochen Vogel setzt sich für Zwangssterilisierte ein.
Der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende Hans-Jochen Vogel streitet seit Jahren für die Zwangssterilisierten. Er fordert, dass das Bundesfinanzministerium endlich seine Haltung überdenkt. "Ein Urteil eines Zivilgerichts aus dem Jahr 1955, also älter als 50 Jahre, das kann man heute nicht mehr als Argument verwenden", sagt Vogel. Über Jahrzehnte erhielt Dorothea Buck wie alle Zwangssterilisierten weder eine Rente noch einen Schadensausgleich. Die Opfer fühlten sich ausgegrenzt, stigmatisiert. "Weil wir keine höheren und weiterbildenden Schulen besuchen durften, konnten Sie noch nicht mal ein Handwerk lernen", sagt sie. "Das war unglaublich bitter. Sie sind dann in diesen Billig-Berufen gelandet und konnten im Grunde noch nicht einmal darüber sprechen, waren total isoliert. Da sind so traurige Geschicke gewesen."

Erst in den 1980er Jahren dürfen Dorothea Buck und andere Überlebende endlich im Bundestag vorsprechen. Jetzt werden die Zwangssterilisierten auf Grundlage der Härterichtlinien des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes bedacht. Einmalig erhalten sie 5000 D-Mark, hinzu kommt eine Minirente von heute 120 Euro - statt durchschnittlich 544 Euro für andere rassisch Verfolgte wie zum Beispiel Juden. Nur die Grünen fordern damals, dass die Zwangssterilisierten endlich als rassisch Verfolgte und nicht mehr als Opfer zweiter Klasse behandelt werden. Vergeblich. "Es gab damals eben niemanden, der unseren Ansatz unterstützt hat", sagt Volker Beck, "das Bundesentschädigungsgesetz wieder zu öffnen und den Tatbestand der Verfolgung breiter zu fassen. Es ist natürlich eine Tragödie für die Menschen, die das betrifft, das ihnen immer noch auf eine Art und Weise begegnet wird, dass nicht klar ist, dass ihnen wirklich Unrecht geschehen ist."

"Es sind keine nennenswerten finanziellen Summen", sagt Hans-Jochen Vogel. "Das ist auch nicht der Gesichtspunkt, mit dem man etwa gegen diese Forderung argumentieren könnte, dafür ist die Zahl leider inzwischen viel zu klein. Nein, es ist eine Geste, dass wir es mit der Wahrung der Menschenwürde ernst meinen."

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