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In italienischen Schuhen und französischem Anzug durch den Slum: Roger Ossindza.
Armani im Slum
Kongos arme Dandys
Sie nennen sich selbst Sapeurs, die "gut Gekleideten". Sie schreiten in Edel-Anzügen, gut gebügelten Markenhemden und mit Designer-Krawatten durch die staubigen Straßen ihres Viertels und verzichten gerne einmal auf die warme Mahlzeit, um Geld zu sparen. Die Dandys aus dem Kongo wohnen in den ärmsten Gegenden der Hauptstadt Brazzaville und treten auf wie früher weiße Kolonialherren.
"Ein Sapeur", sagt Roger Ossindza, "trotzt der Armut und allen Widrigkeiten des Slums. Ein Sapeur zeigt durch seine Extravaganz, dass er Herr seines eigenen Schicksals ist." Die Schuhe sind von Weston, Hemd und Krawatte von Pierre Cardin, Krawattennadel und Jacket von Armani. Für einen Sapeur wie Roger sind Marken-Designer alles. "Modisch soll es aussehen und natürlich teuer. Deshalb lieben wir die Anzüge von den großen Couturiers in Frankreich", erzählt Roger Ossindza. "Die Italiener machen die besten Schuhe."

Rogers Familie hat sich daran gewöhnt, dass selbst für einen gebrauchten Designer-Anzug mehr als zwei Monatsgehälter drauf gehen. Das Loch im Sofa muss warten. Auch Rogers Frau zeigt Verständnis. "Über 30 Jahren bin ich mit ihm verheiratet", sagt seine Frau Bernadine. "Er ist eben ein Lebenskünstler. Natürlich bewundern ihn auch andere Frauen. Aber was soll's. Am Abend kommt er immer nach Hause zurück."

Bewundert wie ein Rockstar
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Destin Ndoudi ist der Chef der Sapeurs.
Sonntag ist der Tag der Verwandlung, der große Ausgehtag für den kleinen Angestellten der kongolesischen Schifffahrts-Gesellschaft. Die Ehefrau bleibt zu Hause. Ein Sapeur geht stets allein flanieren, von den Nachbarn beklatscht und bewundert wie ein Rockstar. Wer sich in dem Armenviertel von Brazzaville schick kleidet, beweist allen, dass er trotz aller Widrigkeiten Herr seines Schicksals ist. Und dafür werden die Sapeurs geliebt. Die Menschen im Viertel schlagen sich durch, kommen irgendwie über die Runden und beweisen dabei ein erstaunliches Improvisationstalent.

Der Präsident von Sape, der Gesellschaft der Anmutigen und Eleganten, Destin Ndoudi, wohnt in einem Hinterhof. Seine Frau kümmert sich um Haushalt und vier Kinder. Er selbst hat ein kleines Textilgeschäft und entwirft Anzüge. Die Entwürfe schickt er nach Italien. Dort werden sie geschneidert und kommen mit Marken-Etiketten zurück in den Kongo. Nicht jeder kann sich ein Original von Armani leisten. "Um Mitglied der Sapeurs zu werden, muss man sich qualifizieren und dazu gehört nicht nur ein edler Anzug", erklärt Ndoudi. "Ohne Marken-Etikett geht das nicht. Erst damit ist man ein richtiger Gentleman."

Niemals mehr als drei Farben
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Hauptsache teuer und extravagant: Krokodillederschuehe in rot
Bei seinen Ausflügen achtet Destin akribisch darauf, dass der Kleidungs-Kodex der Sapeurs eingehalten wird: Niemals mehr als drei Farben kombinieren - einschließlich Unterwäsche und Feuerzeug. Wer sich gut anzieht, verdient sich bei den Nachbarn Respekt - und manchmal auch ein bisschen Neid. "Die Sapeurs erregen natürlich Aufsehen", meint einer. "Das ist für sie ein echter Kick. Aber wie soll sich das einer leisten, der keine Arbeit hat? Man braucht schon Geld um sich anständig zu kleiden." Eine andere Nachbarin gesteht: "Ich liebe die Art, wie sich die Sapeurs kleiden, wie gepflegt und sauber sie sind, eigentlich die ganze Art wie sie sich verhalten."

Roger hat sich unterdessen ein Taxi genommen. Einmal die Woche muss das sein. Sonst ist der Anzug bereits zerknittert, bevor er im Zentrum von Brazzaville auf andere Sapeurs trifft. Manche sagen Männern wie Roger nach, sie würden die ehemaligen Kolonialherren nur kopieren, vielleicht sogar parodieren. Früher stimmte das vielleicht. Heute sind die Sapeurs völlig unpolitisch - aber elegant.

Zuschauer und Akteur zugleich
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Sonntags treffen sich die "Gut Gekleideten" im Café.
Destin kommt zu spät zum Treffpunkt - mit Absicht, sonst fällt man nicht auf. Vier Mal berührt man sich an der Stirn, eine Begrüßung wie sie unter Männern im Kongo üblich ist. Nur langsam kommt die Band in Schwung, das Gartencafé ist noch halb leer. Die Sapeurs sind die ersten auf der Tanzfläche. So wird man besten gesehen und vermeidet das Sitzen. Es könnte die edle Kleidung derangieren. Das Gartencafé ist nur der Anfang. Die Sapeurs haben ein halbes Dutzend Stammlokale, die sie nacheinander am Sonntag aufsuchen. In einem sorgt ein Diskjockey für Stimmung. Die Tanzfläche ist voll. Deshalb überlassen Roger und Destin vorübergehend den anderen die Showbühne. Hier ist jeder Zuschauer und Akteur zugleich. Es ist ein Pfauenkampf unter Männern, die sich gegenseitig in Markenduelle verwickeln. Jeder hat seinen Stil, sein eigenes Repertoire an einstudierten Posen.

Von kongolesischen Schneidern angefertigte Anzüge gelten unter Sapeurs als wertlos. Wirkliche Trophäen sind nur Designermarken aus Frankreich und Italien. "Die Marken-Etiketten sind im Kongo das Wichtigste", sagt Ndoudi. "Selbst, wenn wir arbeitslos sind, sie sind unser ganzer Stolz. Selbst wenn man sich Geld leihen muss. Erst das Etikett macht den Kongolesen zufrieden." Einmal in der Woche schlüpfen sie in eine andere Haut, sind schick und selbstbewusst. Eben mehr als nur kleine Angestellte aus dem Armenviertel. "Für uns ist das eine Art zu entspannen“, so Roger Ossindza. "Nach sechs Tagen Arbeit ist man geschafft. Aber am Sonntag tanken wir neue Kraft. Das ist das Geheimnis der Sapeurs." Am Montagmorgen herrscht Berufsverkehr in Brazzaville. Gestern fuhr Roger noch Taxi, heute steht er mit seiner Frau Schlange vor überfüllten Kleinbussen - bis zum nächsten Sonntag.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr