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Kulturzeit heute
19. Juni 2013
Moderation
Video-Porträt
Cécile Schortmann
Bei Cécile Schortmann lässt gute Kunst alle Sinne vibrieren. Aber auch tolle Musik berührt unsere Moderato-
rin. Und wenn ihr der Beruf zu stressig wird, entspannt sie sich bei Yoga.
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© ap Video
Abfangen hilft jetzt auch nicht mehr: Seit dem 20. April 2010 sind 480 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko gesprudelt.
Schwarzes Gold - schwarze Pest
Das Gemälde einer Katastrophe
Seit Jahrzehnten machen wir den kostbaren Rohstoff Öl zu einem unabdingbaren Gut unseres alltäglichen Lebens: Computer, Möbel, Haushaltswaren, Kleider - es gibt kaum einen Gegenstand, der nicht aus Öl gemacht ist. Der Preis für das schwarze Gold ist sensibel. Er schwankt täglich und ist von vielen Faktoren abhängig.
In einigen Jahren wird jemand das Porträt unseres Zeitalters entwerfen: ein Gemälde in Öl. In Erdöl. Der Warnschuss ist laut und gellend. Unüberhörbar bis in die entferntesten Posten unserer Zivilisation. Der Fluch unseres Fortschritts klebt an uns wie das Öl am Gefieder der Pelikane. Noch vor 20 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, im tiefen Meer nach Öl zu bohren. Befeuert vom hohen Ölpreis, ist der Irrsinn heute lukrativ geworden. 1500 Meter und mehr, ein Tiefenrausch ohne Grenzen.

"In der Menschheitsgeschichte bedeutete Entgrenzung 'Gott'", erklärt der Sozialwissenschaftler Meinard Miegel. "Etwas, was wir nicht erreichen können, allmächtig, allgegenwärtig. Aber das ist nichts für den Menschen. Und dann kommt dieses eine Wesen und sagt: 'Ich bin wie Gott'. Das ist belegt mit dem Begriff des Satans. Das heißt, sich entgrenzen zu wollen, alle Grenzen überwinden zu wollen, ist im eigentlichen Verständnis des Menschen satanisch, aber genau das macht er."

Gier, Reichtum, grenzenloser Irrsinn
© ap Lupe
Sind wir vom Teufel besessen, weil wir der Erde abringen, was in ihr ist?
Ist Gier eine Sünde? Sind wir vom Teufel besessen, bloß weil wir der Erde abringen, was in ihr ist? Im Oscar prämierten Film "There Will Be Blood" spielt Daniel Day-Lewis den Ölbaron, der des Teufels ist und doch ein Pionier. "Diese Männer lebten wie Tiere, gruben Löcher tief in der Erde", so der Schauspieler Daniel Day-Lewis. "Was sie im Blick hatten, war das Versprechen von Reichtum, der vom Himmel herab auf ihre Köpfe regnen würde. Viele waren gebrochene Männer, vom Schicksal geschlagen. Manche haben es geschafft, aber um den Preis, dass ihre Seelen abgestorben sind - so wie viele Menschen heute. Man sieht sie auf der Straße herumlaufen. Der Körper funktioniert noch, aber die Seele ist längst tot."

Die ersten Glücksritter werden noch für Spinner gehalten. Nach Öl suchen, so, wie man nach Wasser gräbt - verrückt. Doch dann beginnt die Erfolgsgeschichte des schwarzen Goldes. Unaufhaltsam und machtvoll. Erst Leuchtmittel für Lampen, dann Kraftstoff für Autos, ganze Industrien. Öl ist der Schmierstoff unseres Fortschritts und lockt mit satten Gewinnen - bis heute. Im Jahr 2000 macht der Ölmulti Exxon zwei Millionen Dollar Gewinn pro Stunde. Unvorstellbar. Der Ölrausch macht Männer wie John D. Rockefeller unsagbar reich, gierig und skrupellos. Rockefeller ist der erste, der begreift, dass man Konkurrenten entweder aufkaufen oder mit Spottpreisen kaputtmachen muss. Er ist der Urkapitalist. Reichtum als Rausch, als Droge - die Geschichte des Erdöls ist untrennbar verbunden mit der Geschichte des Kapitalismus. Und jetzt geht die Party zu Ende. Am Golf von Mexiko.

"Das, was man den Arbeitern auf der Ölplattform gesagt hat, immer wieder, als erste Zweifel an der Sicherheit des Ganzen aufkamen, war: 'Da braucht Ihr Euch gar keine Sorgen zu machen. Das ist alles unter Kontrolle. Wir wissen genau, was wir machen'", sagt Meinard Miegel. "Und genauso wurde im Bankenbereich argumentiert. Wir kennen all diese Produkte, wir können absehen, was daraus passieren wird. Man hat es nicht gewusst, man hat es nicht gekonnt." Wir sind längst nicht mehr Herr der Lage. Rettungsversuche für Banken, Länder, Währungen. Und das Geld? Es verschwindet einfach. Wertverlust, behaupten die Banker und können oder wollen den Irrsinn nicht stoppen.

Nach uns die Ölpest?
© ap Lupe
Wir sind Junkies des Ölzeitalters.
Wir haben keine Macht über die Finanzmärkte und erst Recht keine Macht über die Natur. Seit dem 20. April sprudeln unvorstellbare Mengen von Öl ins Meer. Wenn keiner es aufhält, wird das vier Jahre so weitergehen, sagen Experten. Das sprudelnde Öl ist zum Symbol geworden für unsere Machtlosigkeit. Wir leben in einer vom Öl besoffenen Welt. Benzin, Lack, Plastik. Wir sind Junkies des Ölzeitalters. Und die Konzerne machen weiter satte Gewinne. Für die könnte es kaum besser laufen. Der Ölpreis wird weiter steigen und mit jedem Nippes, den wir kaufen, geht der Irrsinn weiter. Nach uns die Ölpest? Das tückische am Öl ist sein doppelgesichtiges Wesen: Rohstoff und Währung zugleich. Das macht es zu einem mimosenhaften Ungeheuer, das Krisen erzeugen, Währungen stürzen und politische Systeme ins Wanken bringen kann. Ein Spiel mit dem Feuer. Ölpreis rauf, Ölpreis runter, eine virtuelle Welt, die sich jedem Regelwerk entzieht.

"Immer mehr Menschen leben in dieser virtuellen Welt kleiner schwarzer Pünktchen auf weißem Papier oder auf einem dunklen Bildschirm", so Miegel. "Und sie sagen: 'Das ist jetzt Vermögen. Das macht uns reich. Das ist unser Wohlstand'. In Wirklichkeit bedeutet das überhaupt nichts. Wenn ein russischer Oligarch sich hinstellt und sagt, er habe in der letzten Krise von seinen 13 Milliarden US-Dollar, die er gehabt hat, fünf verloren, was hat er verloren? Er hat überhaupt nichts verloren. Es sind keine Betriebe untergegangen oder Wohnungen oder Straßen, sondern er hat Pünktchen auf Papier verloren."

Die wirkliche Welt hat sich längst gegen uns gekehrt. In der Realität geht es um alles. Auf dem großen Ölgemälde unserer Zeit werden Berge von Wohlstandsmüll zu sehen sein. Kunststoff braucht x-Jahre, um zu verrotten. Keine Hoffnung? Allenfalls die des Dichters Hölderlin: "Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,um 19.20 Uhr
Mediathek
VideoInterview mit dem Sozialwissenschaftler Meinard Miegel (ca. 30 Min.)