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Moderation
CLIP: Vivian Perkovic
Themen am 18.10.2017Navigationselement
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Training für das wahre, harte Leben - im Hartz-IV-Supermarkt.
Wie im echten Leben
Der Hartz-IV-Supermarkt
In Hamburg trainieren Langzeitarbeitslose in einem extra eingerichteten Übungs-Supermarkt das Berufsleben im Groß- und Einzelhandel und zugleich das Einkaufen unter Hartz-IV-Konditionen. Jede Woche etwa 40 Stunden, insgesamt sechs bis neun Monate läuft diese millionenteure Schulung. Der Erfolg ist gering.
Hier bin ich Mensch, hier kauf' ich ein. Doch was aussieht wie ein Supermarkt, ist in Wirklichkeit ein "Aktivierungs-Center" der Hamburger Arbeitsagentur. Aktiviert werden soll unter anderen Maja Bergt, seit Dezember 2009 ohne Arbeit. Ihr Wunschjob ist Einzelhandelskauffrau. Heute jedoch ist sie Übungskundin. "Finden Sie sinnvoll, was Sie hier lernen?“, fragen wir sie. "Doch, ich finde es sinnvoll." "Und hilft Ihnen das weiter?" "Ja", antwortet Bergt. "Wenn ich später in einen Betrieb komme, kann ich zumindest sagen, ich weiß, wie das geht." "Fühlen Sie sich hier gebraucht?“, wollen wir wissen. "Ja, es gibt immer irgendetwas, Computeretiketten oder so, damit beschäftige ich mich die meiste Zeit. Und dadurch, dass Sie keinen anderen hinsetzen, denke ich, ich werde gebraucht. Das ist schon ein gutes Gefühl."

Sie spielen Kunden, Logistiker, Kassierer
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Maja Bergt im "Aktivierungs-Center"
Im "Aktivierungs-Center" sollen Langzeitarbeitslose wie Maja Bergt lernen, im Einzelhandel zu arbeiten. Sie spielen abwechselnd Kunden, Logistiker, Kassierer. Das kostet einen einstelligen Millionenbetrag.Nichts ist, wie es scheint. Der Markt ist eine Simulation, ein gigantischer Kaufmannsladen. Der Käse besteht aus heißer Luft. Die Plastikeier sollen aufs Freiland vorbereiten. Ulrike Kügler organisiert das "Aktivierungs-Center". Qualifiziert das Training Langzeitarbeitslose für den echten Arbeitsmarkt? "Unbedingt", sagt Kügler. "Wir bilden hier sehr detailliert und umfassend das Leben draußen im Wirklichen ab, das heißt, der Teilnehmer kann hier von der Pieke auf erkennen, wie ein Supermarkt, wie der Warenkreislauf, wie Preisgestaltung, wie Werbung funktioniert. All das bilden wir hier ab. Das ist viel mehr, als das, was nachher am Markt zu tun ist. Insofern sind sie gut vorbereitet."

Während die Basis sich vorbereitet, wird an höherer Stelle analysiert. Sozialwissenschaftler Stephan Lessenich forscht zur Theorie des Wohlfahrtstaates. "Man muss sehr viel stärker Einzelfallbetreuung betreiben und schauen, wo es hängt und hapert bei Personen, die gerne wieder zurück wollen in eine Beschäftigung oder in eine andere Tätigkeit und die das nicht schaffen. Ich glaube nicht, dass man über solche Maßnahmen wie diesen Probe-Lern-Arbeits-Supermarkt das Ziel erreicht, das man vorgeblich erreichen möchte." Aus Spiel soll also Ernst werden. Das Ziel ist ein Job im Einzelhandel.

Auch Plastikeier werden ernstgenommen
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Käse aus Plastik und Luft
"Was lernen Sie genau bei der Maßnahme?", fragen wir eine weitere Teilnehmerin. "Das ist eine gute Frage",sgt sie. "Keine Ahnung. Nichts, was ich nicht schon in der Schulzeit gelernt hätte." "Glauben Sie, das hilft Ihnen, einen Job zu finden?" "Nicht wirklich", ist sie skeptisch.Mittlerweile ist Übungskundin Bergt an der Kasse angekommen. Der Ausbilder hilft mit Tipps aus der Praxis. "Grundsätzlich immer gucken, ob die Eier noch heil sind", rät er. Auch Plastikeier werden ernst genommen. Im "Aktivierungs-Center" wird mit Spielgeld bezahlt. Echtes Geld wird hier weder verdient noch ausgegeben. Nach dem Bezahlen wandern die Waren ins Lager und von dort aus zurück in den Markt. Ein geschlossenes kapitalistisches System auf 2000 Quadratmetern. "Das ist eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme", sagt die Teilnehmerin.

Das sieht man bei der Hamburger Arbeitsagentur anders: "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme hieße in dem Fall Integration in den Arbeitsmarkt", sagt Horst Weise. "Menschen, die dort teilnehmen, die schon lange aus der Arbeit heraus sind, müssen sich selbst überlegen, was das für eine Chance für sie ist, und die Chance auch beim Schopfe ergreifen. Mehr können wir nicht machen: Wir können den Hund nicht zum Jagen tragen. Wir können den Hund gut füttern, gut ausstatten und gut ausbilden. Und dann muss er selbst jagen."

"Der falsche Weg"
"Ich glaube, hier werden die Erwerbslosen infantilisiert", sagt dagegen Sozialwissenschaftler Lessenich. "Es wird wie in der Schule mit ihnen umgegangen. Ich glaube, in der gegenwärtigen Konstellation und auch auf absehbare Zeit werden wir nicht genug Arbeitsplätze haben. Darauf mit der Drangsalierung der Betroffenen zu reagieren, dass ihnen die Verantwortung zugeschoben wird und sie sanktioniert werden, wenn sie das nicht schaffen, was man vielleicht auch nicht schaffen kann, das ist für mich der falsche Weg." Mehr als 100 Langzeitarbeitslose trainieren im Hamburger Übungs-Supermarkt das "wahre Leben". Im wahren Leben werden ungelernte Arbeitskräfte immer weniger gebraucht. Der Übungs-Supermarkt kann für manche ein Anfang sein - eine langfristige Lösung ist er nicht.

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