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Auf dem aktuellen Plakat der Künstlergruppe Surrend gibt es Israel nicht mehr - dafür aber einen Staat namens "Ramallah".
Kunst gegen Tabus
Die Gruppe Surrend und die Provokation
Politisch brisante Tabuthemen sind ihre Spezialität. Ob die NPD, Gaddafi, der Papst oder die Muslime - die dänischen Künstler der Gruppe Surrend, Jan Egesborg und Pia Bertelsen, provozieren gerne.
Einst ließen sie in einer Anzeige in der "Teheran Times" einen offenbar gegen George Bush gerichteten Text abdrucken. Doch liest man nur die Anfangsbuchstaben, steht unter Ahmadinedschads Foto das Wort "Swine". Die iranische Zensur hatte nichts bemerkt. Als in Russland kritische Journalisten getötet wurden, hängten Surrend in Wien ein Plakat auf mit der Aufschrift "Erschießt Putin..." - und ganz klein dahinter "...Journalisten?". Österreich verbot das Plakat und die russische Regierung forderte von der dänischen ein Verfahren gegen Surrend. In der Berliner "Galerie Nord" übertitelte Surrend 2008 ein Bild des Heiligtums Kaaba mit den Worten "Dummer Stein". Es hagelte Proteste von Muslimen. Damals stellten sich viele - auch Politiker - auf die Seite der Künstler und proklamierten die Meinungs- und Kunstfreiheit.

Anklage und Empörung
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Surrend, das sind die Künstler Pia Bertelsen und Jan Egesborg.
Bei der aktuellen Plakataktion von Surrend in Berlin geht es um Israel und sein Verhalten gegenüber den Palästinensern. Anfang Mai 2010 hatte Surrend bereits eine Karte des Nahen Ostens ohne Israel plakatiert, dafür mit einem Staat namens "Ramallah" - überschrieben mit dem Wort "Endlösung". Das sorgrte für Empörung bei jüdischen Organisationen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Paris forderte eine Anklage wegen Anstachelung zum Völkermord, die jüdische Gemeinde Berlin sieht hier Antisemitismus und ein israelischer Diplomat beklagte den fehlenden Kampf in Deutschland gegen "den modernen Antisemitismus".

"Wir haben genau diese automatisch ablaufende Reaktion in Deutschland erwartet", so Jan Egesborg. "Wenn man hier Israel kritisiert, geht es sofort um den Holocaust, dann bist du sofort Antisemit. Es gibt einen Mechanismus, den wir mit diesem Plakat auslösen und zeigen wollten." Und Pia Bertelsen sagt: "Wenn man Israel kritisiert, heißt das nicht, dass man nicht an den Holocaust glaubt. Selbstverständlich tun wir das. Und selbstverständlich sind wir keine Antisemiten. Aber hier werden einfach Begriffe verknüpft, die gar nicht zusammen gehören. Kritisiert man eine Sache, werden einem automatisch auch die anderen Begriffe unterstellt."

Als Antisemiten beschimpft
Es geht Surrend nicht darum, das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. Jan Egesborg ist selbst jüdischer Herkunft, erzählt von seinen Familienmitgliedern, die er im Holocaust verloren hat. Doch nach den Antisemitismus-Anschuldigungen haben sie etwas anderes erkannt: "Nach den Reaktionen auf unser Poster kann ich sehr gut verstehen, dass kein deutscher Künstler so etwas machen möchte", sagt Egesborg. "Es nicht schön ist, als Antisemit beschimpft zu werden."

Für Surrend ist das ein "Zensur-Mechanismus", mit dem Israel-Kritiker zum Schweigen gebracht werden sollen. Das thematisieren sie auf ihren neuen Postern. Darauf steht: "Man darf sich gern über Allah, Mohammed, die Hisbollah, Ahmadinedschad, den Pabst (übrigens absichtlich falsch geschrieben) lustig machen - aber nicht Israel kritisieren!" Darunter sind die Menschen aufgelistet, die von Surrend "die israelische Lobby in Deutschland" genannt werden - Menschen, die sich über ihre Plakate empört haben.

Der politisch ausgewogene Dialog interessiert die Künstler von Surrend nicht. Sie verstehen ihre Aktionen als ein "satirisches Werkzeug", das das Schweigen über Tabus brechen soll. Für sie steht das Aufdecken dieser Tabus über dem Dialog.

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