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Ersatzwährung in Bayern: der Chiemgauer.
Eigene Währung gegen den Wucher
Kulturzeit-Reihe "Schuld & Schulden" - Teil 3
Im schönen Oberbayern tut sich etwas: Die Chiemgauer proben den Aufstand gegen das globale Finanzkapital, sie drucken eigenes Geld - und bringen mit ihrer Zweitwährung die regionale Wirtschaft wieder zum Blühen.
"Man lacht erst einmal. Sieht aus wie Monopoly-Geld", sagt Stephanie Möslein. "Und in zweiter Linie kommt ein Gespräch auf über das Geld." Immer mehr Chiemgauer zahlen nicht mit der Universalwährung Euro, sondern lieber mit ihrem Regionalgeld. Denn dieses Geld verschwindet nicht in den Taschen großer Konzerne, sondern kurbelt die Produktion vor Ort an. Es erhält kleine Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe, schafft Arbeitsplätze und unterstützt gemeinnützige kulturelle Werte, die die Bürger selbst wollen. "Ich zahle mit Chiemgauer, weil ich drei Kinder auf dem Gymnasium Bruckmühl habe", so Möslein. "Und jeder Einkauf geht zugunsten des Fördervereins des Gymnasiums. Das sind drei Prozent des Umsatzes."

Eigentümliche Zweitwährung
Lupe
Mehr als 500 Läden in der Region akzeptieren die Zweitwährung.
Mit dem Konsum fördern die Chiemgauer Bürger das Gemeinwohl. Die drei Prozent gehen direkt an einen der zahlreichen Fördervereine. Zum Beispiel einen, der den Bau einer Schul-Turnhalle in Prien unterstützt. "Von Vorteil ist das Chiemgauer Geld insofern, als seine Nutzer bestimmen können, wo der Förderanteil hingeht", sagt Klaus Pasedag, Lehrer an der Waldorfschule Prien. "Zum Beispiel in die Waldorfschule für die Turnhalle. Es sind schon mehrere tausend Chiemgauer, beziehungsweise Euro, zur Finanzierung in die Turnhalle geflossen." Den guten Zweck legt man an der Ausgabestelle fest, wenn man Chiemgauer mit Euro kauft und damit einen Teil des Geldes spendet. Mehr als 500 Läden in der Region akzeptieren schon die eigentümliche Zweitwährung.

"Es führt einerseits zu einer gewissen Solidarität und die regionale Wirtschaft wird gestärkt", sagt Klaus Pasedag. Um den regionalen Wirtschaftskreislauf in Schwung zu halten, hat man die Regionalwährung mit einem Anreiz versehen, sie nicht zu horten, sondern schnell wieder auszugeben: Jedes Vierteljahr verliert das Regionalgeld zwei Prozent an Wert. Der Schein bleibt nur gültig, wenn man ihn mit einer zwei Prozent-Marke aufwertet. Klar, dass man vor dem Quartalsende den Chiemgauer besonders gern ausgibt. Ein genialer Marketing-Effekt. Auch Bio-Gärtner Harro Colshorn nimmt in seinem Laden den Chiemgauer. Er schätzt vor allem die Grundidee eines zinsfreien Geldes: "Wenn man sich überlegt, was Zinsen in unserem Land an Schaden anrichten und an Vermögensungerechtigkeit aufbauen, dann ist der Chiemgauer ein Beispiel, wie es auch anders gehen könnte."

Kein sinnloses Wachstum
Der Chiemgauer ist ein zinsfreies Geld und damit nichts für Spekulanten und Kredithaie. Man kann mit ihm keinen Wucher treiben, keine Schuldenberge anhäufen und kein sinnloses Wachstum provozieren. "Wieso brauchen wir ständig extremes Wachstum?, sagt Börsenhändler Dirk Müller. "Warum reicht es uns nicht aus, ein gutes Jahr einfach zu wiederholen? Wegen den Zinsen, weil immer wieder der Zins und der Zinseszins dazuverdient werden muss. Und das geht exponentiell nach oben." Der Zins-Kreislauf würde irgendwann zum Kollaps des Finanzsystems führen, so Müller. Ein Grund für die Instabilität des Weltfinanzsystems sei die Monokultur unseres Geldes wie etwa des Euros, so Müller. "Dass Monokultur nicht funktioniert, lehrt uns die Natur."

Für den Börsenhändler ist Geld etwas anderes, eine Übereinkunft: "Das funktioniert wie in einer Ehe, in politischen Parteien oder Nationalitäten. Geld ist nichts Abstraktes, sondern ein gemeinschaftlich vereinbartes Tauschmedium." Der Chiemgauer ist das Zahlungsmittel einer Gemeinschaft, kein Buchgeld für Banken. Alle Kredite werden zinsfrei vergeben. Die Wirtschaft wächst langsam und natürlich. "Der Chiemgauer hat Modellcharakter", sagt Harro Colshorn. Wenn der Staat nicht mehr in der Lage ist, die Finanzmärkte zu meistern, dann ist Widerstand angesagt. Die Chiemgauer haben das verstanden. Ihr Regionalgeld ist dafür ein guter Anfang.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Reihe
© dpaSchuld & Schulden
Falle ohne Ausweg? - Eine Kulturzeit-Reihe in drei Teilen
05., 12. und 19.05.2010,
jeweils ab 19.20 Uhr auf 3sat
Schwerpunkt
© dpaDie Krise der Wirtschaft
"Kulturzeit" zum 3sat-Themenabend
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