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Lupe
Karl-Heinz Dellwo war bei der RAF und saß 20 Jahre im Knast.
Der Kampf geht weiter
Der Ex-Terrorist Karl-Heinz Dellwo
Karl-Heinz Dellwo war als Mitglied der Roten Armee Fraktion 1975 an der Botschafts-Besetzung in Stockholm beteiligt, bei der die RAF zwei Gefangene erschoss. Dafür saß er 20 Jahre im Gefängnis. Jetzt gibt er eine "Bibliothek des Widerstands" heraus, eine Serie von Dokumentarfilmen über weltweite Protestbewegungen seit den 1960er Jahren, die er in einem Begleitbuch im Politjargon der radikalen Linken kommentiert.
In der Nacht zum 24. April 1975 steht die Deutsche Botschaft in Stockholm in Flammen. Schreie gellen durch die Nacht, Sirenen heulen. Die Lage ist unübersichtlich. Im Gebäude hat sich ein Kommando der Roten Armee Fraktion verschanzt. Die Terroristen erschießen Geiseln, um Andreas Baader, Ulrike Meinhoff und andere in Deutschland inhaftierte RAF-Mitglieder freizupressen. Die Lage eskaliert, als versehentlich ein Sprengsatz hoch geht. Schließlich stürmt die schwedische Polizei die Botschaft - das Ende einer Terroraktion.

Für eine soziale Gerechtigkeit
Lupe
Dellwo: "Die Revolte ist gerechtfertigt."
"Ich würde immer den Satz zitieren: 'Die Revolte ist gerechtfertigt'", sagt Karl-Heinz Dellwo. "Ich würde aber sofort die Einschränkung machen und sagen: Sie ist gerechtfertigt. Aber nicht alles, was in ihr passiert, ist richtig." Karl-Heinz Dellwo war RAF-Mitglied. Er war damals in Stockholm dabei. Dafür hat er mehr als 20 Jahre im Gefängnis verbracht und wurde zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt. Der Gewalt hat er heute öffentlich abgeschworen, seinen linken Idealen aber ist er treu geblieben. "Die Welt ist einfach ungerecht", so Dellwo. "Das ist ein Tatbestand. Wer nur die aktuellen Nachrichten verfolgt, wer sich mit der Frage Armut und Reichtum beschäftigt, der sieht das. Ich glaube, das wird nie aufhören. Es gibt keinen Endzustand, kein Paradies, das man irgendwann erreichen wird, sondern es wird immer nur einen vorübergehenden Zustand geben. Dagegen muss man ankämpfen und weiter im Sinne einer sozialen Gerechtigkeit kämpfen."

Der Kampf geht weiter, diesmal nicht mit Waffengewalt, sondern mit der Macht des Films. Auf der ganzen Welt hat der Ex-Terrorist nach Filmen fahnden lassen, die den internationalen linken Widerstand seit den 1960er Jahren dokumentieren. Viele gab es nur noch in Fragmenten, sie mussten aufwändig restauriert werden. Nun gibt Dellwo sie als Sammlung heraus, in einer "Bibliothek des Widerstands" - von A wie Apo bis Z wie Zapatisten. Kommentiert werden die Filme in einem Begleitbuch mal analytisch klug, mal im Jargon der alten Kampfparolen. Doch mit welcher Absicht? "Widerstand ist aktuell und Geschichte gleichzeitig", sagt Dellwo. "Ich und viele andere gehen von der Notwendigkeit des Widerstands aus. Da ist es immer gut, sich auf die Erfahrungen von Kämpfen zu besinnen, die es bis jetzt gab. Aber er sollte auch aktuell sein. Gegen die Unzumutbarkeiten des Lebens und der gesellschaftlichen Verhältnisse ist es einfach notwendig, dass man Widerstand entwickelt."

Gegen die bürgerliche Geschichtsschreibung
Der filmische Blick zurück als Erkenntnisträger für eine Revolte der Zukunft? Dellwos Filmreihe beginnt am 2. Juni 1967. Der Schah ist zu Besuch in Deutschland. Erst prügeln Perser, dann prügeln Polizisten, und schließlich ist Benno Ohnesorg tot. Der Rest ist Geschichte - linke Geschichte. Die will Dellwo auch so verstanden wissen und nicht der bürgerlichen Geschichtsschreibung überlassen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft. "Inzwischen dominiert eine bürgerliche Geschichtsinterpretation", sagt Dellwo. "Diese bürgerliche Geschichtsinterpretation hat einen zentralen Kern, der sagt: Die Verhältnisse, so wie sie sind, sind unveränderbar, man kann nur immanent, innerhalb dieser Verhältnisse agieren, und deswegen vergesst jeden Ausbruch aus diesen Verhältnissen."

Aus überkommenen Strukturen ausbrechen, gegen das System revoltieren: Das sind Parolen, die auch den Straßenkampf in Griechenland anfeuern, wie bei den Ausschreitungen in Athen 2008 nach dem Tod eines 15-jährigen Demonstranten. Teil zwei der Widerstandsreihe setzt sich damit auseinander. Er zeigt Bilder mit aktueller Aufladung, die sich ästhetisch zwischen Eisensteinscher Propaganda und Punk bewegen. Die Fronten sind klar: Der Staat ist korrupt und Bullen sind Schweine. Wer kein Griechisch kann, lernt vor allem ein Wort: "Malakas" - "Scheiße". Ist das eine angemessene Form des Protests? "Sie ist real, insoweit wird sie auch angemessen sein", so Dellwo. "Ob sie richtig ist, ist eine andere Frage. Ob sie durchdacht ist, ob sie in allem reflektiert ist, will ich hier nicht beantworten. Eine Revolte spült unheimlich viel hoch. Sie ist erst einmal unkontrollierbar. Es wird Widerstand geleistet, und man sieht die Ohnmacht und die Wut gegen Verhältnisse, auf die man keinen Einfluss hat."

"Der Widerstand ist nicht vorbei"
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US-Revolutionär Bill Ayers: "Der Widerstand ist nicht vorbei."
Auf die Ohnmacht folgt die Organisation. Wie Widerstand militant wird, auch dazu liefert Dellwos Bibliothek ein Beispiel. "The Weather Underground" hielten in den USA in den späten 1960er Jahren das FBI mit Anschlägen auf Polizeistellen und öffentliche Einrichtungen in Atem. Sie verstanden sich als Rache aus dem Untergrund, als Protest gegen den Rassismus des weißen Amerika, gegen den Vietnam-Krieg und die Selbstherrlichkeit der US-Politik. Zur Vorstellung des Films in Berlin schaut Bill Ayers, einer der Weathermen, höchst selbst vorbei - ein Schulterschluss der Ex-Terroristen. Haben sie noch etwas vor, die Radikalen von damals? Oder wollen sie nur gemeinsam zurück schauen? "Fakt ist, dass die Ungerechtigkeiten, das Kriegsähnliche der Gesellschaften in denen wir leben, nichts ist, was leicht weg gehen wird", sagt Ayers. "Der Widerstand ist nicht vorbei. Wir haben die Revolution nicht geschafft, aber dass heißt noch lange nicht, dass sie nicht kommen wird."

Die "Bibliothek des Widerstands" beschwört den Geist der Revolution herauf. Wiederholt sich die Geschichte? Oder ist die Geschichte überholt? 100 kommentierte DVDs soll die Reihe einmal umfassen, jeden Monat soll ein neuer "alter Film" herauskommen. Das ist Arbeit für acht Jahre. Man könnte auch sagen: ein Lebenswerk. Wie gesagt, der Kampf geht weiter.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Kulturzeit extra
© dpaWer erschoss Siegfried Buback?
Die Suche nach der Wahrheit
DVD-Tipp
Karl H. Dellwo, Willi Baer, Carmen Bitsch (Hrsg.)
"Bibliothek des Widerstands 1 -3"
Laika 2010
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