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Lupe
Alexander Markus Homes, Missbrauchsopfer
Der Fall Homes
Das Schicksal eines ehemaligen Heimkindes
Über Menschen wie Alexander Markus Homes wird derzeit viel berichtet. Homes ist ein ehemaliges Heimkind. Bis 1975 ist er im katholischen St. Vincenzstift, einem Heim für lern- und geistig Behinderte, in Rüdesheim/Aulhausen aufgewachsen. Schon vor 30 Jahren erzählte Homes, was ihm dort widerfahren ist. Doch man versuchte, ihn mundtot zu machen.
Seine traurige Geschichte sollte nicht öffentlich werden. Das Kinderheim unter dem damaligen Leiter verklagte Homes wegen übler Nachrede und Verleumdung. Das Buch, das Homes geschrieben hatte, sollte verboten werden. Schließlich entstand 1981 die Fernsehdokumentation "Betroffen: Die verlorene Kindheit des Alexander H." von ZDF-Autor Bernd Wiegmann.

"Die Kraft entwickelte sich. Ende der 1970er Jahre bin ich mit Pädagogen, Psychologen in Kontakt gekommen, die sich mit mir beschäftigt hatten", so Alexander M. Homes. "Ich habe mich mit meiner Vergangenheit auseinander gesetzt und musste damals hinausschreien, was mir und vielen anderen im St. Vincenzstift in Rüdesheim/Aulhausen widerfahren ist."

Verfahren um Buch wurde eingestellt
Lupe
Hans Christian Ströbele vertrat Alexander Markus Homes vor Gericht.
Zum Prozess vor dem Landgericht Wiesbaden konnte Homes damals den bekannten Anwalt Hans Christian Ströbele als Verteidiger gewinnen.Das Verfahren um das Buch "Prügel vom lieben Gott" wurde eingestellt, da Zeugenaussagen Homes Schilderungen bestätigten. Wegen Verjährung der Taten konnten die Erzieher allerdings nicht weiter belangt werden. "Als besonders schrecklich habe ich empfunden, dass da nicht mal jemandem die Hand ausgerutscht ist", so Hans Christian Ströbele, "sondern dass das systematisch betrieben und den armen Kindern eingebleut wurde: Das ist nicht die Schwester, die das macht, oder der Pfarrer, der das macht, sondern, das ist der liebe Gott, der euch immer beobachtet. Und der dann diese Bestrafung verlangt. Wir sind nur die, die sie durchführen."

Auch um die Ausstrahlung des ZDF-Films gab es Krach. Der "Spiegel" schrieb, dass die hessische Landesregierung und die Caritas mit Erfolg interveniert hätten. Bis hoch zum Intendanten ging die Auseinandersetzung. Bernd Wiegmann und Alexander Homes haben sich jetzt noch einmal getroffen. Gemeinsam waren wir in Aulhausen, beim Vincenzstift. Wiegmann erinnert sich: "Dieser Film wurde abgenommen von dem damaligen Intendanten von Hase höchstpersönlich. Wenn ich mich richtig erinnere, war er mit dem ganzen Ding nicht einverstanden, und der Sendetermin, der schon feststand, wurde verschoben." Der Film lief im Frühjahr 1981.

Lupe
Homes Vorwürfe wurden einst als gezielter Rufmord verstanden.
In der Debatte um das Heim stellte sich der hessische Ministerpräsident Holger Börner schützend vor die Vorzeige-Einrichtung. Homes Vorwürfe wurden als gezielter Rufmord verstanden. Bundespräsidentengattin Veronica Carstens wurde die beispielhafte Einrichtung präsentiert. "Das St. Vincenzstift ist die größte Behinderten-Einrichtung im Bistum Limburg, auch auf Hessen bezogen", so Alexander Homes. "Das hat zur Folge, dass man sich schützend vor die Einrichtung stellt. Der Staat ist abhängig von den konfessionellen Heimen, weil der Staat aus finanziellen Gründen überhaupt nicht in der Lage ist, all die Heime unter staatlicher Aufsicht oder Trägerschaft zu führen."

Homes schreibt um sein Leben
Mit dem Sonderschulabschluss hat Homes das Stift verlassen. Vom Heimarzt war er für debil, das heißt, leicht schwachsinnig erklärt worden.Doch Homes gibt noch lange nicht auf: Er macht den Hauptschulabschluss und immer weiter. Er besucht die Realschule, arbeitet als Lektor und schreibt viele Bücher. Zuletzt über das Tabuthema sexueller Gewalt, verübt von Frauen. Homes schreibt um sein Leben. Bis in die 1990er Jahre sind seine Bücher im Visier des Stiftes. "Im Rahmen dieses Buches beim Patmos-Verlag, wo der Verleger wollte, dass ich kurz auf meine Heimzeit eingehe, fing die Geschichte Homes - Vincenzstift wieder an zu kochen", erinnert er sich. Das war Mitte der 1990er Jahre. Auf den Verlag wird Druck ausgeübt, zunächst werden Kürzungen gefordert, dann platzt die ganze Neuauflage. Erst gegen sein letztes Buch "Heimerziehung" von 2006 geht das Stift nicht mehr gegen Homes vor.

"Der Fall Homes kam 30 Jahre zu früh, die Gesellschaft war ich nicht bereit", so Anwalt Hans Christian Ströbele. "Zudem war es ein einzelner Heimbewohner, der sich wehrte. Er musste Kompromisse eingehen, damit er weiter publizieren und etwas darstellen durfte." Für seine geraubte Kindheit im Heim hat sich noch keiner bei Homes entschuldigt. Angst bleibt. Alexander Homes - eine Kindheit in Deutschland.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Sendung zum Thema
LupeKulturzeit extra
"Die verlorene Kindheit des
Alexander H."
Dokumentation
Mittwoch, 12.05.2010
um 23.35 Uhr auf 3sat
3sat extra
© dpaKirche in der Krise
Gregor Steinbrenner diskutiert über den Umgang mit dem Vertrauensverlust
Sonntag, 16.05.2010
um 19.10 Uhr auf 3sat
Buchtipp
Alexander Markus Homes
"Gestohlene Kindheit - Ein Heimkind packt aus "
Patmos-Verlag 1996
ISBN-13: 978-3491723559
3sat extra
Opfer ohne Hilfe
Missbrauch in der katholischen Kirche
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