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© dpa Lupe
Der Regensburger Dom hüllte sich jahrelang in Schweigen...
Singen und schweigen
Gewalt und Missbrauch bei den Domspatzen
Besonders streng katholisch geführte Schulen sind wegen der Missbrauchsskandale in die Schlagzeilen geraten. Jetzt brechen ehemalige Schüler der berühmten Domspatzen-Schule in Regensburg ihr Schweigen.
Vor allem in den 1950er und 60er Jahren gehörte Gewalt in der Vorschule in Etterzhausen zur Tagesordnung. "Die Instrumentalzimmer waren mit einem Guckloch versehen wie im Gefängnis", erinnert sich der ehemalige Domspatz Gottfried Rühlemann. "Es wurde draußen patroulliert, um zu sehen, ob die Kinder richtig üben. Wenn nicht, waren entsprechende Strafen wie Schläge fällig." Der Bistumssprecher Clemens Neck spricht von "Zwangsmaßnahmen, die die Kinder bis zum Erbrechen quälten, bewusster Ungerechtigkeit und nachhaltiger Körperverletzung". Die damals acht bis zehn Jahre alten Jungen hätten sich verlassen, ausgeliefert und entmündigt gefühlt, so Neck.

Den Willen brechen
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Domspatzen: Körperliche Züchtigung war Alltag in der Eliteschule.
Körperliche Züchtigung war Alltag in der Eliteschule. Die Schüler sollten zu "willigen Top-Sängerspezialisten" erzogen werden, so Gottfried Rühlemann. "Ich hatte vor jeder Klavierstunde Angst", sagt der ehemalige Schüler Wilhelm Ritthaler, "weil der Lehrer bei jedem falschen Ton, den ich gespielt habe, den Klavierdeckel runtergehauen hat." Prügel, Demütigung und Angst bestimmten das Klima an der Schule. Die meisten Schüler seien wohl froh gewesen, wenn sie aus der Schule wieder draußen waren, so ein Ehemaliger. "Es gab einen Chorleiter, der falsche Töne mit einer Kopfnuss honorierte", sagt der ehemalige Domspatz Franz Wittenbrink, "und uns bei mehreren falschen Tönen an den Ohren hochgezogen hat, bis die Füße über dem Boden schwebten."

Aber nicht nur körperliche Gewalt, auch sexueller Missbrauch sei bei einem Schulleiter regelmäßig vorgekommen, so Franz Wittenbrink. Aus Scham haben die Schüler damals aber weder unter sich noch mit Lehrern oder Eltern über die Geschehnisse gesprochen. "Wir haben die Lehrer am meisten gehasst, die uns nicht mit dem Rohrstock, sondern mit der Hand den nackten Hintern versohlt haben, sagt er.

"Bei manchen wirken sich die psychischen Folgen bis in den heutigen Alltag aus", sagte Angelika Glaß-Hofmann, die sich im Auftrag des Bistums um die Misshandlungs-Fälle kümmert. Franz Wittenbrink hat seine Erfahrungen der Gewalt durch seine künstlerische Tätigkeit als Theaterregisseur verarbeitet und viel über die Zeit gesprochen. Andere versuchten, das Erlebte so schnell wie möglich zu vergessen. Durch die nun an die Öffentlichkeit gelangten Missbrauchsfälle wird wohl einiges wieder an die Oberfläche kommen, was Opfer jahrzehntelang verdrängt habe. Wilhelm Ritthaler hat bis heute kein persönliches Wort der Entschuldigung aus der Domspatzen-Schule gehört.

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