Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
November 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
30
31
010203
04
05
0607080910
11
12
1314151617
18
19
2021222324
25
26
27
28
29
30
01
02
03
Moderation
SENDUNG
Themen am 20.11.2017Navigationselement
Navigationselement
© dpa Lupe
"Der möglicherweise klügste lebende Mensch"(FR): Noam Chomsky
Kritische Haltung
Noam Chomsky im Gespräch
Er gilt als einer der namhaftesten politischen Querdenker in den USA: der Linguist und Philosoph Noam Chomsky. "Er spricht eine Sprache der Vernunft, die den Mächtigen und Meinungsbildnern ins Gewissen zu reden imstande ist und die Ohnmächtigen und kritisch Denkenden hoffen lässt", sagt die Jury des Erich-Fromm-Preises, den der 81-Jährige am 24. März 2010 in Stuttgart entgegen genommen hat. Ulrike Haak und Matthias Krag haben Noam Chomsky zum Gespräch getroffen.
Herr Chomsky, einen Großteil Ihres Lebens haben Sie dem Kampf gegen soziale und politische Strukturen, die Sie verurteilen, gewidmet. Gegen welchen Zustände richtet sich ihre Empörung aktuell?

Ich weiß nicht, ob man wirklich von Empörung sprechen kann. Zwei Themen sollten jedoch permanent wichtig bleiben, weil sie mit dem Überleben unserer Spezies zu tun haben, alles andere ist im Vergleich dazu unwichtig: Zum einen nukleare Waffen, die fast immer zur Zerstörung unserer Spezies führen könnten, und zum anderen Umweltkatastrophen, die uns zwar gerade noch nicht akut bedrohen, die uns aber bevorstehen. Je länger wir warten, desto katastrophaler dürften sie ausfallen. Die Europäische Union hat nun die Führung übernommen, um etwas dagegen zu unternehmen. Aber der Widerstand demgegenüber ist in den USA und in China enorm. In den USA versucht eine sehr mächtige und einflussreiche Gruppe, die Bemühungen der EU zu blockieren, die der Geschäftsleute.

Die USA steht oft im Fokus ihrer Kritik. Auch Präsident Obama, der in Europa als Held gesehen wird, der nach neuen Konzepten sucht. Sehen Sie nicht auch einen gesellschaftlichen und politischen Richtungswechsel in den USA?

Es gibt einen Wandel in der Gesellschaft, aber die Politik blieb doch ziemlich gleich. Man muss sehen, dass die Euphorie, mit der Europa auf Obama reagierte, auf einer Illusion basierte. Sie basierte zunächst einmal darauf, dass er nicht Bush war. Bush hatte das Ansehen Amerikas in der Welt auf das unterste Level reduziert. Vor allem zu Beginn seiner Amtszeit war er enorm arrogant. Nicht nur er: Seine gesamte Administration. Als zum Beispiel Colin Powell den Einmarsch in den Irak ankündigte, erklärte er den Europäern, dass sie selbstverständlich mitziehen müssten. Ihre eigenen Angelegenheiten seien nicht relevant. Natürlich wollte Europa das nicht hören. Was die Europäer hören wollten, hat dagegen Obama formuliert: Ihr seid relevant, wir lieben Euch, zieht ruhig Eure Truppen wieder ab. Somit basierte die Euphorie Europas ihm gegenüber teilweise auf einer Illusion. Es gibt keinen Grund, einen wirklichen Wandel in der amerikanischen Politik zu erwarten.

Aber ist die jüngst beschlossene Gesundheitsreform kein Fortschritt?

Es ist ein sehr schleppender Fortschritt, aber man sollte sich vergegenwärtigen, wo dessen Ausgangspunkt ist. Die USA haben das schlechteste Gesundheitssystem in der industrialisierten Welt. Amnesty International hat erst neulich eine Studie über Muttertod, also über Mütter, die bei der Geburt des Kindes sterben, veröffentlicht, die eine schockierende Statistik aufwies. Die USA kommen nicht besser weg als Dritte-Welt-Länder. Das sind Umstände, die der amerikanischen Gesellschaft und ihrem Klassenbewusstsein geschuldet sind. Die Business-Class hat ein extrem hohes Klassenbewusstsein und ist außerordentlich einflussreich. Somit führen diese Leute einen andauernden Klassenkampf, um noch mehr zu gewinnen. Das Marktprinzip gibt denen ungewöhnlich viel Macht, die über das Kapital und die Anlagen verfügen und sie kontrollieren. In einem Marktsystem gibt der Handelnde keine Acht auf externe Effekte, sondern nur auf die eigenen Belange. Transaktionen finden nur zum eigenen Profit statt. Die Kosten für andere werden nicht einmal bedacht. Inzwischen ist man sich selbst in der Wirtschaft jedoch über das einig, was schon so lange offensichtlich war: Dass das Risiko unterschätzt wird. Aus mehrerlei Gründen: Einer ist, dass das Systemrisiko nicht bedacht wird. Wenn zum Beispiel die Leute von Goldman Sachs eine Transaktion vollziehen, dann bedenken sie nicht, was für Auswirkungen das für den Rest des Finanzsystems hat. Das bedeutet, dass das Risiko unterschätzt wird. Und dann kommt es zur Krise. Das wissen Studentem bereits im ersten Semester. Aber das ändert nichts an dem, was passiert.

Mit ihrem sprachwissenschaftlichen Hauptwerk haben Sie das Gebiet der Linguistik haben in den 1950er und 60er Jahren reformiert. Seitdem hat die Linguistik nur noch einen geringen Anteil ihrer Arbeit ausgemacht. Warum?

Ich weiß nicht, wie hoch der Anteil genau ist. Ich habe zwei parallele Leben und führe beide als Fulltime Job. Aber es ist wahr: Allgemein hat das mehr Dringlichkeit, was uns Menschen direkt betrifft oder bedroht. Die diese linguistischen Ausführungen, die ich in meinem Vortrag ausführte, habe ich mir schon vor einem Jahr überlegt, nur hatte ich noch keine Zeit, sie aufzuschreiben. Weil sie eben nicht so wichtig sind, wie die Themen, über die wir vorhin sprachen. Die sind für die Menschheit viel bedeutender. Deshalb vernachlässige ich die Linguistik natürlich manchmal. Aber ich versuche schon, beidem weiter nachzugehen.

Haben ihre linguistischen Studien ihre politische Theorien beeinflusst?

Ich war schon lange politisch aktiv, bevor ich etwas von der Linguistik gehört habe. Den ersten Artikel habe ich schon 1939 verfasst und da ging es eher um eine kritische Haltung gegenüber dem, was Common Sense war. Werfen wir einen Blick auf die großen Medien: Das sind einfach riesige Unternehmen, die ein Produkt verkaufen. Das Produkt ist das Publikum und das verkaufen sie einem Markt - dem Markt der Anzeigenkunden. Die großen Medienkorporationen verkaufen also Leute an Firmen, die werben wollen. Es gibt sehr gute Medienbetriebe und sehr kompetente Journalisten, die dort arbeiten. Auch enge Freunde von mir. Sie wissen genau, wie das läuft. Aber ich sage Ihnen: Würden die so weit gehen, das herauszuposaunen, dann wären sie ganz schnell weg von der Bildfläche, weil sie dann die Basis der Mächtigen und deren Autorität untergraben würden.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr