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Themen am 29.03.2017Navigationselement
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© NS-Dokumentationszentrum Köln Lupe
Die Rassegesetze der Nazis als Thema der Kölner Karnevalisten
Karneval unter Hitler
Wie die Nazis den Fasching instrumentalisierten
Nirgends kann man sich so ungehemmt über Politik auslassen wie im Karneval. Die Karnevalisten berufen sich dabei auf eine lange Tradition. Schon im Mittelalter wurde an den Tagen vor der Fastenzeit ausschweifend gefeiert. Und mit den napoleonischen Kriegen kam ein Element hinzu, auf das die Narren ganz besonders stolz sind: Obrigkeitskritischer Witz begründete den Mythos des politischen Karnevals. Doch waren die Narren wirklich so aufmüpfig und subversiv? Dieser Frage sind die beiden Historiker Markus Leifeld und Carl Dietmar in ihrem Buch "Alaaf und Heil Hitler" nachgegangen.
Narren schunkeln dem Saisonhöhepunkt entgegen. Ganze Regionen Deutschlands sind außer Rand und Band. Spaß ohne Ende und ohne tieferen Sinn? "Generell ist es die Aufgabe des Narren, der Gesellschaft, auch der Politik den Spiegel vorzuhalten", erklärt Christoph Kuckelkorn, Leiter des Rosenmontagszugs in Köln. "Und das tun wir im Rosenmontagszug manchmal ein bisschen intensiver."Schon immer habe man Autoritäten veralbert, das Militär verhöhnt, sei aufmüpfig gewesen. Darauf sind die Karnevalisten in Köln besonders stolz. Doch zwei Historiker, die selbst gerne feiern, räumen jetzt mit diesem Mythos auf. Denn Markus Leifeld und Carl Dietmar finden, dass man hier gerne verklärt - besonders die Nazizeit.

Witze über Juden auf dem Wagen
© NS-Dokumentationszentrum Köln Lupe
Die Flucht der Juden wird verhöhnt.
"Man muss zunächst ganz allgemein sagen, dass sich in Köln am Ende der 1940er Jahren eine Widerstandslegende gebildet hat, die darin gipfelte, dass der Nationalsozialismus hier nur eine historische Rahmenbedingung war", erklärt der Historiker Carl Dietmar. "Es gab in Köln keine Nazis" - von wegen. Die Historiker fanden heraus, dass der Kölner Karneval besonders linientreu war. Rosenmontag 1934 fuhr der sogenannte Palästinawagen. "Die letzten ziehen ab", verhöhnten die Karnevalisten die verzweifelte Flucht der Juden. Und: "Wir machen doch nur 'nen kleinen Ausflug." 1936 macht man sich über die Juden lustig, die gerade mit den Nürnberger Rassegesetzen entrechtet worden waren. Das war damals die Vorstellung von politischem Karneval in Köln.

"Man hat in den Büttenreden und in den Rosenmontagszügen sehr deutlich gemacht, wer zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gehört und wer auszugrenzen war", so Leifeld. In anderen deutschen Städten war es noch schlimmer, fanden die Historiker heraus: in Nürnberg zum Beispiel zu Fastnacht 1938. Der Höhepunkt am Schluss des Umzuges bildete ein Jude, aufgehängt an einer Mühle - Völkermord als Fastnachtsspaß. Widerstand ist auch im Karneval die Ausnahme. In Frankfurt etwa wagte ein Karnevalsverein den Führer mit Narrenkappe auf ein Programmheft zu drucken. Die Verantwortlichen wurden verhaftet.

Wenige bewiesen Mut
Mut bewiesen einige wenige auch in Mainz, wo der Brauch der politischen Fastnacht gepflegt wurde: Seppel Glückert und Martin Mundo wagten es in Büttenreden immer wieder, auf Konzentrationslager und das Duckmäusertum anzuspielen. Sie wurden von den Nazis nicht behelligt. Doch das war wohl eher Glück als Narrenfreiheit. Hätten nicht mehr Narren den Nazis die Stirn bieten können? Sie hätten das gar nicht gewollt, sagen die Verfasser des Buches "Alaaf und Heil Hitler", denn Karnevalisten seien nie sonderlich obrigkeitskritisch gewesen. Carl Dietmar betont: "Das ist im Zusammenhang zu sehen, mit der Tatsache, dass Karneval seit dem Kaiserreich vor allem vom Mittelstand organisiert wird, der sich damit nach außen darstellt. Und der Mittelstand sucht die Nähe zur Obrigkeit. Umgekehrt suchen Politiker auch immer gerne den Schulterschluss mit Karnevalisten. Insofern haben sich dann die Karnevalisten von ihrer eigentlichen Funktion, die Obrigkeit zu kritisieren, immer mehr entfernt."

So blieb es in Köln auch nach dem Krieg. Denn Karneval bedeutete für den Mittelstand vor allem ein gutes Geschäft. Man konnte sich gesellschaftlich präsentieren, und die Touristen brachten Umsatz. Und so schunkelte man, als sei nichts geschehen - mit demselben Personal wie in der Nazizeit. Bis vor kurzem war das ein Tabuthema. Das bekam Historiker Dietmar zu spüren, als er seinen ersten Artikel dazu veröffentlichte. "Am nächsten Morgen habe ich mindestens 15 Anrufe bekommen. Der erste Satz war einfach nur: 'Dreckschwein'. Der zweite sagte: 'Wieviel Geld haben dir die Juden für diesen Artikel bezahlt?', und so ging das weiter. Am Anfang habe ich das nur für einen Scherz gehalten. Aber so ging das dann den ganzen Tag lang und hat mir doch sehr zu denken gegeben."

Endlich arbeiten Vereine ihre Geschichte auf
Und wie sieht das heute aus? Das Buch konnte auch deshalb gerade jetzt entstehen, weil Historiker Markus Leifeld von der Kölner Karnevalsgarde Rote Funken das Archiv zur Verfügung gestellt bekam. Man hat sich nun offensichtlich entschieden, diese Geschichte endlich gründlich aufzuarbeiten, vielleicht, weil ein Generationswechsel stattgefunden hat. Seit 2005 ist der Unternehmer Christoph Kuckelkorn Chef des Rosenmontagszugs. Er unterstützt die Aufarbeitung und will der Jugend den ursprünglichen Karnevalsgedanken nahebringen. So sorgte er 2009 zum Beispiel dafür, dass Amnesty International einen Guantanamo-Wagen im Zug mitgestaltete. Und beim Thema Nacktscanner positionierten sich die Kölner schon 2009 und sagten: "Mit uns nicht!"

"Das sind Themen, die man früher vielleicht gar nicht aufgegriffen hat", so Kuckelkorn. "Es gab immer ein paar Bereiche, die man ausgespart hat. Menschenrechte zum Beispiel sind mir ein ganz wichtiges Thema, was auch in den Rosenmontagszug, was auch in den Karneval gehört." Gut dosiert natürlich, denn die meisten Karnevalisten wollen doch vor allem eines: einfach nur Spaß haben.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
ARD-Mediathek
Der Beitrag vcn Peter Gerhardt in der ARD-Mediathek
Buchtipp
© herbigLupeMarcus Leifeld, Carl Dietmar
"Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich"
Herbig 2010
ISBN: 978-3-7766-2630-8