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Aljoscha Rompe (rechts): mit seiner Band Feeling B war er ein DDR-Punk-Star.
Der DDR-Punk
Aljoscha Rompe und seine Band Feeling B
Eigentlich heißt er Alexander Rompe. Als Aljoscha schreibt er in den 1980er Jahren DDR-Rockgeschichte. Er ist der Inbegriff eines Lebens voller Unruhe, Kreativität und Improvisation, wie es nur unter DDR-Bedingungen möglich ist. Aljoscha ist 37 Jahre, als er 1983 die Punkgruppe Feeling B gründet. Er engagiert den Gitarristen Paul Landers und den Keyboarder Christian Flake Lorenz - die beiden späteren Gründer von Rammstein. Die Jungs sind damals gerade einmal halb so alt wie Aljoscha.
Ronald Galenza hat die große Zeit von Feeling B als Radiomoderator im staatlichen Jugendsender miterlebt. In seinem Buch erzählt er die Bandgeschichte. "Eigentlich hatten sie so eine Art Piratentaktik", sagt Galenza. "Die sind irgendwo eingefallen, haben das Wochenende verschönt und sind wieder abgehauen. Das war ein Spaß-Kommando. Feeling B war eine Party. Die sind irgendwo angekommen und haben nicht wie normale Rockbands gespielt. Sie sind da geblieben, zwei drei Tage, haben bei irgendwem gepennt. Da wurde eine Ente geschlachtet oder ein Huhn gefangen, man ist gemeinsam baden gegangen. Es war diese ganze Lebensweise von Aljoscha und Feeling B, die viele Leute beeindruckt hat."

Positiver Aufbruch
Lupe
Feeling B war im DDR-Radio zu hören.
Feeling B ist eine der ersten Punkbands der DDR, die Konzerte geben dürfen und im staatlichen Rundfunk gespielt werden. Ihr Motto ist nicht Aggression, sondern positiver Aufbruch. Aljoscha schreibt die Texte, singt und ist auch der Manager der Band. "Aljoscha hat sieben Sachen gleichzeitig gemacht", so Galenza. "Er hat gekocht, gequatscht und nebenbei eine Platte aufgelegt. Der Typ war so voller Energie, er hat mindestens drei Leben in einem geführt. Feeling B wollte den Menschen in der DDR das Lächeln zurückbringen, nicht so verspießert sein, nicht so gequält und nur herumjammern. Das Lieblingswort von Aljoscha war 'Frusti'. 'Sei doch nicht so gefrustet, sei kein Frusti. Sieh' doch mal die positiven Dinge und versuch' dein eigenes Leben selbstzubestimmen. Herauszukriegen, wer bist du, was willst du, wie kannst du hier leben? Nimm deinen Hintern selbst in die Hand und wach' auf.'"

Rockmusik aus dem eigenen Land hat in der DDR einen schweren Stand. Denn gegen Ende der 1980er Jahre orientieren sich die meisten Jugendlichen gen Westen. Doch die Jungs von Feeling B erkämpfen sich mit ihrer Musik schnell Respekt und Erfolg.

Aljoscha Rompe wird 1946 in Berlin geboren. Hierhin waren seine Mutter und sein Großvater, der Rechtsphilosoph Arthur Baumgarten, aus der Schweiz emigriert. Aljoschas Stiefvater war Robert Rompe, die graue Eminenz der DDR-Physik und Mitglied des Zentralkomitees der SED. Es war ein streng sozialistisches Elternhaus. "Herr Rompe hat ihn adoptiert", sagt Galenza. "Da war Aljoscha noch klein und wusste überhaupt nichts über diese Dinge. Er ist als Funktionärskind relativ privilegiert aufgewachsen. In Berlin-Köpenick Wendenschloss hatten sie ein großes Haus mit Hausangestellten, Fahrer und allem was dazu gehört. Das war so eine typische DDR-Funktionärskind-Karriere. Sein kleiner Spielfreund war damals Gregor Gysi."

Ein Schweizer DDR-Bürger
Aljoscha studiert Physik und arbeitet an der Bauakademie in Berlin. Später kutschiert er als Fahrer Rockbands durch die Republik. Er besitzt einen DDR-Personalausweis, dient in der Nationalen Volksarmee und hat keine Ahnung, dass er eigentlich Anrecht auf einen Schweizer Pass hätte. "Durch den Tod seines leiblichen Vaters in der Schweiz hat er überhaupt erst erfahren, dass Rompe nicht sein wirklicher Vater ist", so Galenza. "Er wurde aus der Schweiz angeschrieben, dass es ein paar Erbsachen zu klären gäbe. Da ist Aljoscha aufgewacht und hat sich um die Schweizer Staatsbürgerschaft bemüht, die er dann 1978 von der Schweizer Botschaft in Berlin auch erhalten hat. Seine Mutter hätte das nie erfahren dürfen, sie hätte das verhindert. Sie wollten ihn als kleinen DDR-Bürger behalten."

Mit über 30 kann Aljoscha Rompe dank des Schweizer Passes endlich reisen. Doch die DDR für immer zu verlassen, kommt für ihn nicht in Frage. Stattdessen nutzt er die Möglichkeit, Bands mit begehrten Instrumenten und Verstärkern aus dem Westen zu beliefern. Feeling B bleiben zusammen bis 1993. Ihr letzter Hit ist ein ironischer Abgesang an das 1989 verlorene Land. Paul Landers und Christian "Flake" Lorenz gründen wenig später die Band Rammstein. Aljoscha reißt neue Projekte an, doch an den Erfolg vor der Wende kann er nicht mehr anknüpfen. "Er hat einen radikalen Bedeutungsverlust erlitten", sagt Galenza. "Er war jetzt einer unter vielen, und das in einer neuen, beschleunigten, vollkommen veränderten Zeit und in einem ganz anderen gesellschaftlichen Umfeld. Er war nicht mehr der große, wichtige Aljoscha Rompe, sondern irgend so ein Altpunk. Das hat an ihm gefressen, das hat ihm wehgetan."

Während Landers und Lorenz mit ihrer neuen Band Rammstein weltweit abräumen, bleibt für Aljoscha der Erfolg aus. Er stirbt im Jahr 2000 an einer Asthma-Attacke, alleine in seinem Wohnmobil. Aljoscha Rompe wurde nur 53 Jahre alt.

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