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25. Mai 2016
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Moderatoren
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
Navigationselement
© ap Lupe
Eine Prophezeiung der Maya ist Anlass für Weltuntergangs-Spekulationen.
Wann geht die Welt unter?
Die Auslegung des Maya-Kalenders
Ein Weltuntergang ist ein besonderes Ereignis - auch kommerziell. Roland Emmerichs neuer apokalyptischer Kinofilm "2012" hat seit seinem Filmstart in den USA mehr als 225 Millionen Dollar (rund 150 Millionen Euro) eingespielt - ein Rekordergebnis. Seinen Erfolg verdankt das gigantische Zerstörungswerk auch dem Anspruch, nicht einfach nur Fiktion auf die Leinwand zu bringen, sondern eine höchst reale Prophezeiung der Maya, die schließlich als Altmeister der Astronomie gelten.
Im Film heißt es: "In der Antike haben die Maya als erste entdeckt, dass dieser Planet ein Verfallsdatum hat. Ihrem Kalender zufolge kommt es im Jahre 2012 zu einem verheerenden Ereignis, das sich nur alle 640.000 Jahre ereignet und durch eine Aneinanderreihung der Planeten unseres Sonnensystems ausgelöst wird." Maya-Forscher schütteln da nur mit den Köpfen, denn die Schrift dieses alten mittelamerikanischen Volkes, die Maya-Hieroglyphen, kann man erst seit 40 Jahren entziffern.

Kein wichtiges Datum
© Sony Pictures Lupe
Szene aus Roland Emmerichs "2012"
Der führende Mann auf diesem Gebiet ist Nikolai Grube vom Institut für Alt-Amerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn. Was weiß er aus Maya-Quellen über das Katastrophenjahr 2012? "Eigentlich gar nichts", sagt Grube. "Es gibt nur eine einzige Inschrift, die über das Jahr 2012 berichtet und da steht nur ganz lapidar der Satz: 'Der 13. Baktun, also die 13. 400-Jahres-Periode, wird sich vollenden.' Das ist alles. Was da passiert, wissen wir nicht. Für die Maya war das kein wichtiges Datum, sonst hätten sie weit mehr darüber geschrieben. Bei den Maya folgt dem 13. Zyklus ein 14. und darauf ein 15.. Das heißt, die Maya gingen fest davon aus, dass die Welt weiter bestünde."

Doch die falsche Kinoprognose bringt plötzlich weniger bekannte Maya-Forscher ins Rampenlicht. Andreas Fuls, Fachmann für Vermessungswesen an der TU Berlin, ist so ein stiller Forscher, der sich seit 25 Jahren mit Maya-Astronomie beschäftigt. Als junger Mann hat er dafür einen Preis bei "Jugend forscht" gewonnen, seitdem hat ihn die Sternenbeobachtung der Maya nie wieder losgelassen. Ihn interessierte, was die Maya in so gewaltigen Tempelanlagen wie Chichen Itza astronomisch eigentlich getrieben haben. Heute wissen wir, dass die vier Treppen einer Pyramide, des sogenannten Castillo von Chichen Itza, ein Symbol darstellen. Sie entsprechen der Maya-Hieroglyphe für das Ende eines Zeitalters. Im Caracol, der berühmten Sternwarte von Chichen Itza, suchten Maya-Priester den Himmel ab. Sie glaubten, dass die Venus in die Unterwelt abtaucht, wenn sie am Himmel verschwindet. Im Reich der Finsternis aber, so fürchteten die Maya, könnte der Venusgott dunklen Mächten unterliegen und niemals mehr als Morgenstern am Himmel erscheinen. Also zeichneten sie den Lauf der Venus genau auf. Und ebenso den Stand der Sonne und die Stellung des Mondes - jede Verdunkelung und jede Finsternis.

Verschobene Zeitrechnung
© mev Lupe
Die Maya beobachteten den Himmel.
Diese Maya-Kalenderdaten hat Andreas Fuls über Jahre studiert. Im Dresdner Kodex, einer der wenigen noch erhaltenen großen Maya-Schriften, hat er fast 280 außergewöhnliche Sternenkonstellationen entdeckt. Und dann kam ihm ein genialer Einfall: Am Computer verglich er die Himmelsberichte der Maya mit den realen astronomischen Fakten der Vergangenheit. So kam er zu einem verblüffendem Ergebnis: Die Maya benutzten für ihre Aufzeichnungen offenbar eine ganz andere Zeitrechnung, als wir Europäer seit der spanischen Eroberung Mexikos glauben. "Meine These ist, dass die gesamte Maya-Kultur auf unserer Zeitschiene um 208 Jahre nach vorn verschoben werden muss, das heißt, das Ende der Maya-Kultur verschiebt sich damit vom 9. ins 11. Jahrhundert", so Andreas Fuls. Eine knappe These mit ziemlichen Folgen. Hollywood beispielsweise müsste seinen Weltuntergang vom Jahr 2012 um 208 Jahre nach hinten verschieben.

Richtig ernst aber wird es für die Wissenschaft. Der rätselhafte Untergang der Maya-Kultur wurde bisher für das 9. Jahrhundert angenommen. Und aus modernen Klimatabellen wusste man auch genau, warum. Eine Jahrhundertdürre soll damals den ausgelaugten Äckern im überbevölkerten Maya-Gebiet den Rest gegeben haben. Hungersnöte und Aufstände, so die bisherige Kollaps-Theorie, waren Folge einer lang anhaltenden Trockenperiode. Das sieht Andreas Fuls jetzt ganz anders: "Eine Trockenheit im 9. Jahrhundert kann nach meiner Chronologie nicht zum Untergang geführt haben, denn die Maya-Reiche existierten nach meiner Datierung noch über 200 Jahre länger, bis ins 11. Jahrhundert."

Loch in der Vorstellung
Fuls' Rückgriff auf die Maya-Astronomie könnte jetzt ein Loch in unserer Maya-Vorstellung füllen. Nach der Standard-Theorie nämlich enden die klassischen Herrscherdynastien der Maya plötzlich im 9. Jahrhundert. Doch die Maya-Reiche existierten dann ganz ohne Herrscher noch 200 Jahre weiter. Verschiebt man die Maya-Geschichte aber nach Fuls' Berechnungen um 208 Jahre, löst sich dieses historische Paradoxon endlich schlüssig auf. Fuls' Neudatierung des Maya-Kalenders hätte aber noch ganz andere Folgen. "Die Maya-Chronologie ist eng verknüpft mit anderen meso-amerikanischen Zivilisationen, etwa der von Teotihuacan, den Zapoteken, mit den Kulturen des gesamten Hochlandes von Mexiko. Wir müssten also die gesamte Chronologie ganz Meso-Amerikas neu deuten", so Nikolai Grube.

Muss die gesamte Geschichte der Maya umgeschrieben werden? Seit mehr als 100 Jahren sind Forscher dabei, die rätselhafte Maya-Kultur zu studieren. Dutzende Ruinenstädte wurden inzwischen freigelegt, das romantische Ideal von den angeblich pazifistischen Kakao-Pflanzern wich allmählich einem Bild von Kriegern, die auch Blutopfer nicht scheuten. Und ohne viel Aufhebens wurde auch immer mal wieder der Maya-Kalender auf der europäischen Zeitschiene um ein paar Tage verschoben. Doch dass Fuls den Maya-Kalender jetzt gleich um zwei Jahrhunderte umdatieren will, stößt bei Fachleuten auf gehörige Skepsis. "Das ist ein Status quo, den ich da angreife", weiß Fuls. "Der seit 50 Jahren und länger festgeschrieben ist. Und keiner hat bisher daran gerüttelt."

Einmalige Sternenkonstellation
Für Fuls sprechen astronomische Daten: Da notierte ein Maya-Schreiber im Dresdner Kodex zum Beispiel an einem Tag Neumond, eine Wintersonnenwende und die Venus auf einer Linie mit der Erde und der Sonne. Eine so einmalige Sternenkonstellation kann die moderne Astronomie taggenau bestimmen. Sie ereignete sich am 21. Dezember 830 nach Christus. Für Fuls ist die Sache klar: An einem so einmaligen Tag kann man unseren Kalender und den der Mayas passgenau synchronisieren und erhält eine genaue Datierung - nur eben um 208 Jahre zur bisherigen europäischen Datierung verschoben. Andere Maya-Forscher aber sind sich nicht sicher, was der Maya-Schreiber da wirklich notiert hat: ein exaktes historisches Datum - oder nur eine Tabelle möglicher Sternenkonstellationen?

"Es könnte natürlich sein, dass wir die Inschriften eines Tages so gut lesen können, dass wir Herrn Fuls Korrelation bestätigen", so Nikolai Grube. "Aber die Maya-Handschriften sind noch viel zu zweideutig, da ist noch viel Arbeit zu leisten, um die Inschriften wirklich verstehen zu können." Ob die Maya-Geschichte also wirklich umgeschrieben werden muss, steht eben nicht in den Sternen, sondern hängt davon ab, wie die Maya-Schriften zu deuten sind. Damit aber ist die Lösung des Rätsels um die richtige Maya-Datierung erst einmal vertagt. Genau so, und da sind sich nun alle Maya-Forscher einig, wie der Weltuntergang des Jahres 2012.

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