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© dpa Lupe
Schon Lawrence Alma-Tadema propagiert 1882 in seinem Bild "Die nackte Schönheit auf dem Bärenfell" die haarlose Schönheit der Frau.
Unten ohne
Der neue Schönheitswahn unter der Gürtellinie
In Deutschland vollzieht sich ein massiver Wandel des Körperideals: Der Intimbereich wird zum Gegenstand modischer Gestaltung. Erstmals entwickelt sich eine allgemeingültige, für breite Schichten verbindliche Intim-Ästhetik, so der Medizinsoziologe Elmar Brähler. Eine bislang zur Privatspähre zählende Körperzone unterliegt nun einem Gestaltungsimperativ. Ärzte, Psychologen und Pädagogen beobachten: Ist die Scham erst freigelegt, folgt im Extremfall die kosmetische Chirurgie.
Immer mehr Deutsche ekeln sich vor Haaren an ihrem Körper. Alles, was da sprießt, muss weg. Nach den Beinen hat jetzt das Ideal der haarlosen Schönheit auch den Intimbereich erobert. Daher boomt das "Brazilian Waxing". Dank dem heißen Wachs hat man einige Wochen Ruhe vor den Haaren. Für Elisabeth ist es unvorstellbar, ihre Schamhaare einfach sprießen zu lassen. "Ich würde mich immer unwohl fühlen", sagt sie. "Beim Umziehen vor anderen, würde ich mich schämen, weil sich das für mich nicht gehört. Das sieht schöner aus als 'Wildwuchs', wo überall Haare wuchern. Ich habe kein Problem damit, wenn ein Mann Haare auf der Brust hätte, aber im Intimbereich schon."

Ideal einer haarlosen Scham
Von älteren Generationen nahezu unbemerkt, hat sich unter jungen Menschen in Europa wie in Brasilien das Ideal einer haarlosen Scham als Norm fest etabliert. "Man kann sagen, dass 2001, als der Playboy zum ersten Mal ein Playmate dargestellt hat, das vollrasiert war, sich dieser Trend wirklich flächendeckend in den westlichen europäischen Ländern durchgesetzt hat", erklärt die Psychologin Ada Borkenhagen. "Heutzutage finden sie in der 'Bravo' kein Model oder keine Jugendliche mehr, die noch die volle Schamhaarbehaarung zeigt. Sie sind alle rasiert oder zumindest teilrasiert."

Nach Studien der Uni Leipzig entfernen rund 80 Prozent aller Mädchen ihre Schamhaare komplett, immerhin noch ein Drittel sind es bei den Jungs. "Wenn in den Pornofilmchen jede Frau intimrasiert ist, dann gehört das irgendwie auch zum Standard bei den Jugendlichen", sagt Katrin Putschbach vom Balance Familienplanungszentrum. "Das wird kopiert oder als Norm betrachtet." Die über 30- bis 40-Jährigen wurden dagegen in ihrer Jugend noch durch das von der 68er-Generation beeinflusste Ideal der Natürlichkeit geprägt. "Ich erzähle den Mädchen gerne das Beispiel von Nena in den 1980er Jahren", sagt Putschbach. "Sie steht auf der Bühne, klatscht in die Hände, hebt die Arme und unter den Achseln schauen nur so die Haarbüschel hervor. Das endet immer in viel Gelächter. Das können sich die Mädchen überhaupt nicht vorstellen, dass das damals nicht die Ausnahme war, sondern eher die Regel."

Kleidung erzwingt Körperkultur
Heute verkünden Idole wie der Ex-Schwimm-Star Franziska von Almsick, Haare am Körper seien prinzipiell unhygienisch. Ex-Spice-Girl Victoria Beckham fordert sogar die Intimrasur als generelle Pflicht für Frauen ab 18. Models in Filmen, in der Werbung und im Internet prägen eine verbindliche Intimästhetik, an der sich die Jugendlichen orientieren."Wir haben es in unserer Kultur tatsächlich so weit gebracht", sagt die Fotografin und Künstlerin Grit Scholz, "dass ein Kleidungsstück wie zum Beispiel ein Tanga-Slip bestimmte Sachen erzwingt von der Körperkultur, weswegen die Frauen ihre Schamhaare rasieren und sogar ihre Schamlippen kürzen lassen, weil sie in diesem Slip unbequem sind."

Körperhaare, gerade auch Schamhaare erscheinen immer mehr Menschen als eklig, unhygienisch, störend und bedrohlich. Die Haare müssen ab - mit weit reichenden Folgen. "Ich denke, dass dieser Modetrend zur Rasur der Schamhaare mit dem Lolitaeffekt zu tun hat, dass erwachsene Frauen heutzutage aussehen sollen wie kleine Mädchen beziehungsweise wie jugendliche Frauen", erklärt die Künstlerin. Grit Scholz plädiert mit ihren Fotos gegen die Einheitsnorm und für die Vielfalt und Natürlichkeit der Vulva. "Seit meiner eigenen Pubertät beschäftige ich mich damit, wie das sein kann, dass wir so ein negatives Bild haben von weiblichen Genitalien", sagt sie. "Dass dieser Körperteil, der eigentlich verehrenswert ist, weil er das Tor ins Leben ist, überhaupt nicht wertgeschätzt wird."

Fotos von verschiedenen Vulven
Grit Scholz hat die Vulven von 65 Frauen unterschiedlichen Alters fotografiert. Nur 1,5 Prozent haben die herrschende Schönheitsnorm erfüllt. Die heutige Norm ist nahezu identisch seit Hunderten von Jahren. Das männliche Geschlecht soll möglichst groß und sichtbar sein, auch gerne mit Haaren. Das weibliche hat dagegen unbehaart und verborgen zu sein, ohne sichtbare Schamlippen. Allein Gustave Courbet zeigt bereits 1866 eine Vulva in - selbst für heutige Verhältnisse ungeschminkter Offenheit - fast furchteinflößend. Es gab Zeiten, da haben Frauen ihre Vulva entblößt, um den Feind zu verjagen und der ist dann davongerannt vor lauter Schreck", berichtet Grit Scholz. "Da gibt es viele Beispiele aus der Vergangenheit, wo Weiblichkeit etwas mit ganz viel Kraft und Macht zu tun hatte."

Brigitte Cueni hat ein Tabu gebrochen - mit einer Intim-OP. Sie litt jahrelang nach dem Joggen unter Entzündungen wegen zu großer innerer Schamlippen. "Der Sport ist viel aktiver geworden, gelöster, freier", so Cueni. "Ich fühle mich auch viel schöner. Das ist der ästhetische Punkt, dass ich mich jetzt auch gerne anschaue und auf der anderen Seite natürlich eine freiere Sexualität ausleben kann, ohne Hemmungen." Auch Sabine M. geht es nicht um die perfekte Schönheit. Vier Jahre lang litt sie psychisch jedoch stark unter dem Aussehen ihrer Vulva. "Natürlich war das ein Punkt, der mich und meinen Partner sehr belastet hat", sagt sie, "weil ich mich nie nackt beim Sex zeigen wollte. Das Licht war aus, es war dunkel. Beim Duschen war ich alleine im Bad. Er durfte nicht hereinkommen. Das war für mich sehr belastend und für ihn auch."

Bei Sensualmedics werden jährlich 600 Frauen im Intimbereich operiert. Die AG meldet Zuwachsraten von 30 Prozent pro Jahr. "Es ist durchaus etwas, was von Frauen kommt und nicht von Männern", erklärt Stefan Gress, Spezialist für Intimchirurgie. "Anders ist es bei der Brust. Bei Brustvergrößerungen haben wir oft Patienten oder Paare, bei denen die Männer aussuchen, wie groß der Busen hinterher sein soll. Das ist bei diesen Operationen nicht der Fall." Hier zeigen sich die Unterschiede zwischen Mann und Frau, so Ada Borkenhagen, "weil es sehr schwer vorstellbar ist, dass ein Mann zum Arzt geht und sagt, ich möchte meinen Penis verkleinern lassen, weil mich seine Größe beim Fahrradfahren stört. Ich denke da würde der Mann eher einen neuen Sattel erfinden." Für Brigitte Cueni war die Intim-OP eine Befreiung. Für andere Frauen kann der neue Zwang zur Schönheit unter der Gürtellinie dagegen belastend sein.

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Im Rausch der Schönheit - Ein "Kulturzeit extra" geht dem schönen Schein auf den Grund
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